# Schlussbetrachtung

 Der Begriff des sexuellen Elends tauchte im Zusammenhang mit der so genannten sozialen Frage im Gefolge der industriellen Revolution auf. Am stärksten hatte er wohl ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Konjunktur, als mit dem Aufschwung des Kapitalismus und dem Aufkommen der Arbeiterbewegung das Elend des Proletariats offen zutage trat und öffentlich diskutiert wurde. Das „sexuelle Elend“ war dabei nur ein Aspekt des allgemeinen sozialen Elends. Es bezeichnete vor allem das Elend der Frauen, ohne effektive Empfängnisverhütung kontinuierlich Schwangerschaften erdulden und unter schlechten Wohn- und Lebensverhältnissen eine große Familie versorgen zu müssen. Hinzu kamen die Missachtung und Misshandlung der Frauen von Seiten vieler Männer, wobei deren Arbeitslosigkeit, Armut und Alkoholismus eine verheerende Rolle spielten.

Verschwand das sexuelle Elend mit Überwindung des sozialen Elends in der vom „Wirtschaftswunder“ geprägten (westdeutschen) Wohlstandsgesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg? Die von der Einführung der „Antibabypille“ ausgelöste „sexuelle Revolution“ mit der Möglichkeit einer effektiven Empfängnisverhütung könnte dazu verleiten, die Frage zu bejahen. Frauen konnten nun ungeachtet ihres heterosexuellen Sexuallebens unerwünschte Schwangerschaften zuverlässig verhindern. Die weithin, insbesondere in der DDR und anderen osteuropäischen Ländern, praktizierte Geburtenkontrolle durch Schwangerschaftsabbrüche wollen wir hier einmal außer Betracht lassen. Dennoch deutet alles darauf hin, dass das sexuelle Elend nur in seiner primitivsten Form behoben war: der Sexualverkehr als Verursacher einer unerwünschten Schwangerschaft. In Form seiner vermeintlich biologisch vorgegebenen Brutalität existierte es aber fort. Glück lässt sich nicht objektiv messen, erst recht nicht Liebesglück. Waren die sexuell Emanzipierten seit den 1960er Jahren glücklicher mit ihrem Sexualleben als die Elterngeneration? Schwer zu sagen. Leider kann man die Scheidungsraten der mithilfe der Antibabypille Emanzipierten nicht mit der Zahl der mutmaßlich unglücklichen Ehen früherer Generationen, in der Scheidung praktisch ausgeschlossen war, objektiv vergleichen. Subjektiv, also rein spekulativ vermute ich, dass das sexuelle Elend als existenzielle Erfahrung nicht geringer geworden ist, ungeachtet aller Veränderungen im Sexualverhalten und seinen sozioökonomischen Rahmenbedingungen.

Das Sexualverhalten ist von zeitbedingten Leitbildern abhängig. Wenn in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts die Rolle der Geschlechter klar definiert war, der aktivere und triebhaftere Mann ist für den Kampf draußen geschaffen, das passivere und weniger triebhafte Weib für den Haushalt drinnen, lag die sexuelle Doppelmoral auf der Hand. Der Mann musste und durfte sich „die Hörner abstoßen“ bei dafür vorgesehen Damen, die Ehefrau hatte Kinder zu empfangen, gebären und aufzuziehen. Die Unterdrückung bzw. Konsumierung der weiblichen Sexualität durch die Männerwelt war evident. In den sozialen Auf- und Umbruchzeiten seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert wurde dieses Muster radikal in Frage gestellt. Ein wichtiger Hebel war die Forderung nach einer − auch sexuellen − Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Frau. Diese habe, so die Überzeugung derjenigen, die sich für die Frauenemanzipation einsetzten, ebenso starke sexuelle  Bedürfnisse wie der Mann und demnach das Recht wie dieser, sie adäquat zu befriedigen. Sex wurde insofern radikalisiert, als er nun beiden Geschlechtern in vollem Umfang zugebilligt wurde. (Eine weitere Radikalisierung wäre die Kindersexualität und das damit zusammenhängende Problem der Pädophilie, was hier aber außer Betracht bleiben soll.) Nachdem in dieser Weise Sexualität durch diverse „sexuelle Revolutionen“ „enttabuisiert“ worden war, rollte eine ungebremste Sexwelle durch das westliche Kultur- und Alltagsleben. Hierfür wären unter anderem Werbung und Pornografie eindrucksvolle Indikatoren. Aber auch die unzähligen öffentlichen Foren und Blogs im Internet, die man heute den social media zurechnet, vermitteln einen Einblick. Gegenwärtig scheint es vielen jüngeren Menschen leichter zu fallen, über ihre sexuellen Fantasien und Erlebnisse zu berichten, als über ihre Ängste vor dem Teufel oder ihre Gebete zu Gott.

Der hier vorgelegte Abriss zur Entwicklung der Sexualmoral zeigt einen bemerkenswerten Wandel. Sexualität wurde vor 150 Jahren buchstäblich unter der Decke gehalten, fand im Dunkeln statt. Man denke an Wilhelm Buschs Verse im sechsten  Kapitel der „frommen Helene“, die 1872 veröffentlicht wurde: „In der Kammer still und donkel, schläft die Tante bei dem Onkel“. Heute wird Sexualität am lichten Tage vor aller Augen praktiziert und vielfach durch (zum Teil versteckte) Webcams weltweit ausgestrahlt. Was in den 1960er Jahren noch ein mit Abenteuern verbundenes Experimentierfeld war, ist heute zu einem gefälligen und modischen Spielfeld mutiert. Doch auf diesem Spielfeld scheint nicht Gott Eros die Regeln zu bestimmen, sondern der neue, profane Gott Bios nach seinen biologischen Gesetzen, genauer gesagt: jenen Gesetzen, die von Natur gegeben und mit der modernen Konsum- und Leistungsgesellschaft kompatibel erscheinen. Sex wird zu einer öffentlich zelebrierten performance, die vielfach an Leistungssports mit seinen Ritualen des Wettbewerbs erinnern. Und wie es dort verschiedene Disziplinen, normierte Abläufe und messbare Leistungen gibt, hat sich auch das Sexleben nach bestimmten Leistungsmerkmalen und  Wertungsmaßstäben zu richten. Dies könnte etwa eine Analyse der Pornografie im Internet nach meinem Eindruck objektiv belegen. Interessant sind dabei normative Vorstellungen vom befriedigenden, „richtigen“ Sex, der nach ganz bestimmten Formen abzulaufen hat, der − den Akteuren teils bewusst, teils unbewusst − vorherrschenden Moden folgt.

Die Idee, mit Hilfe der „Macht des Geistes“ das Sexualleben neu zu modellieren, und Sex von einem unwillkürlich ablaufenden Automatismus zu einer willkürlich steuerbaren Lebensleistung zu transformieren, erscheint wenig populär. Zu stark ist offenbar die Vorstellung, dass ursprünglich wildes Triebleben sich möglichst ungehindert von kulturellen Eingriffen abreagieren sollte. Seine Blockade erscheint pathogen. Das um 1900 etablierte Modell der Unterdrückung der Sexualität durch eine pathogene Sexualmoral ist seit seiner Etablierung um 1900 bis heute grosso modo vorherrschend. Es leidet daran, dass Sexualität als Sperrgebiet für den menschlichen Geist angesehen wird. Scheinbar hat er dort nichts auszurichten, allenfalls kann er die Durchlässigkeit der Grenze modifizieren: Eine Erhöhung der Grenzmauern würde einer Einsperrung, Unterdrückung des Sexualtriebs bedeuten, eine Erniedrigung oder gar Abriss würde eine erleichterte oder ungehinderte Befriedigung desselben ermöglichen.

Dass aber der menschliche Geist sich mit der biologisch determinierten Sexualität verbinden oder gar verbünden könnte, ist dem modernen Denken fremd, da es nicht seinem Menschen- und Weltbild entspricht. Dies gilt sowohl für den wissenschaftlichen Diskurs, wie er etwa in Sexualwissenschaft und Sexualmedizin geführt wird, als auch für Redeweisen im alltäglichen Leben, wie sie etwa bei Stammtischgesprächen oder in den Massenmedien zu beobachten sind. Mein Essay präsentiert historische Beispiele, die zeigen sollen, dass eine geistige Transzendenz des sexuellen Sperrgebiets nicht nur abstrakt für möglich gehalten, sondern auch praktisch vollzogen wurde. Die mögliche  Überwindung des „sexuellen Elends“ kann insofern zu einer konkreten Utopie für uns heute werden. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass diese Utopie Wesentliches zur Idee einer allgemeinen Menschenliebe beitragen kann, die Gewalt, Hass, Unterdrückung und Zerstörung hinter sich lässt.

Die dem Sozialpsychologen Kurt Lewin zugschriebene Aussage: „Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie“ passt sicher auch auf  das menschliche Sexualleben. Denn wie man es praktisch gestaltet, hängt weitgehend davon ab, wie man es theoretisch auffasst. Um es plastisch auszudrücken, ohne neurowissenschaftliche Erklärungen in Anspruch nehmen zu wollen: Das Sexualverhalten wird sozusagen im Gehirn geformt und keineswegs unabhängig von ihm durch den Unterleib oder andere Körperteile blindlings exekutiert. Man kann es auch etwas vornehmer formulieren: Der menschliche Geist kann durch ständige Übung auch scheinbar unwillkürlich ablaufende Körperprozesse und nicht zuletzt die Sexualfunktionen tiefgehend beeinflussen. Damit eröffnet sich ein Weg aus den Niederungen und Erniedrigungen einer verblendeten Sexualität, deren automatisches „Ausleben“ allzu leicht ins Elend führen kann: physisch, psychisch, sozial und religiös. Menschenliebe, Gottesliebe, Liebe in all ihren Formen kann nur bei Menschen entstehen, die sich vom sexuellen Elend bloßer „Triebabfuhr“, oft gekoppelt an fantasierte oder reale Gewaltausübung, ein Stück weit befreit haben. Dass eine solche Befreiung möglich ist, zeigen historische Beispiele. Aber nichts ist so überzeugend wie Selbsterfahrung und Selbstexperiement. Und nichts ist so faszinierend wie die Macht des Geistes, die man dadurch erleben kann. Himmel oder Hölle ist tatsächlich ein crucial question für uns Menschen: Führt unser Sexualleben in eine Sackgasse der Erschöpfung und Destruktion? Oder wird es zur Lebensquelle für die Gestaltung unserer Welt, zum Movens der Liebe? Gerade die erfolgreichsten Hollywood-Filme belegen, dass die Sehnsucht nach dem „Himmel der Liebe“ trotz aller gegenläufigen Botschaften unausrottbar ist. Gott sei Dank.

Advertisements