5. Kap./4* Celestial bed, die Heilige Hochzeit auf Erden

er Mesmerismus provozierte stark erotische Momente, die sowohl sexuelle Begierde als auch spirituelle Erleuchtung freisetzen konnten. Durch die Fluidumtheorie wurden magnetische Verschmelzungserlebnisse und Wollustgefühle beflügelt. Es ist jedoch nicht bekannt, dass Franz Anton Mesmer selbst oder einer seiner Anhänger den (körperlichen) Geschlechtsverkehr therapeutisch in sein Heilritual eingebaut hätten, obwohl immer wieder Kritiker des Mesmerismus bis zum heutigen Tag den sexuellen Missbrauch von magnetisierten Patientinnen durch ihre Magnetiseure unterstellten und anprangerten, wie dies in jüngerer Zeit der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist in seinem Mesmer-Roman getan hat.[1] Mit der Logik des Mesmerismus wäre sicher eine Art Paartherapie vereinbar gewesen, wie sie die moderne Sexualtherapie – freilich mit einem anderen Menschenbild – praktiziert. (siehe Kapitel 2) Es ist faszinierend zu beobachten, wie ein Zeitgenosse Mesmers die Idee der Heiligen Hochzeit in einem säkularen Ambiente aufleben ließ, das ausdrücklich mit religiösen Symbolen aufgeladen war. Der schottische Arzt James Graham wird in der Medizingeschichtsschreibung zumeist den Scharlatanen und Kurpfuschern zugerechnet. So hat Roy Porter ihm und seinem Wirken in seinem Buch „Quacks“ eine ausführliche Darstellung gewidmet.[2] War Graham wirklich ein Quacksalber, “one of the most notorious quacks of the 18th century”?[3] Immerhin hatte er bei Robert Whytt und William Cullen in Edinbourgh Medizin studiert, welche erstmals die Neuropathologie ins Zentrum der medizinischen Krankheitslehre rückten und den Begriff „Neurose“ Ende des 18. Jahrhunderts in die medizinische Fachsprache einführten.

Die quellenreiche Studie der englischen Journalistin Lydia Syson über Graham versuchte, ihn von dem bis dahin vorherrschenden Geruch der Scharlatanerie zu befreien.[4] He was the world’s first sex therapist”, war in einer reißerisch aufgemachten Buchbesprechung zu lesen.[5] Der Koitus war für ihn ein elektrischer Vorgang (electrical operation), wobei die Männer den Pluspol und die Frauen den Minuspol darstellten. Demnach floss das heilsame Lebensfeuer (balmy fire of life), das balsamische, leuchtende, aktive Prinzip (balmy, luminous, active principle) vom Mann zur Frau.[6] Das Reiben der fleischig aussehenden Lederpolster an den Glaskolben der Elektrisiermaschinen mochte das Publikum an die weiblichen Genitalien erinnern. Graham predigte eine gesunde Lebensführung: frühes Aufstehen, körperliche Ertüchtigung, vegetarische Kost und vor allen Dingen die Hygiene der Geschlechtsorgane, insbesondere durch kaltes Wasser. Er materialisierte sozusagen die 1780 in vielfältiger Weise elektrisierende Atmosphäre mit ihren Offenbarungen und Heilsversprechen in einer handfesten therapeutischen Einrichtung.

In London eröffnete er im Mai 1780 an prominenter Stelle einen Temple of Health and Hymen, der mit elektrischen und magnetischen Apparaten ausgestattet war. Musik, Düfte und Gase (im Sinne der pneumatic medicine), Elektrizität und Magnetismus wurden eingesetzt. Graham wollte damit vor allem Impotenz und Unfruchtbarkeit kurieren. Er hielt medizinische Vorlesungen, publizierte medizinische Ratgeber und verkaufte seine Arzneien wie etwa „Electrical Aether” oder „Nervous Aetherial Balsam”.[7] Graham inszenierte Auftritte mit schönen jungen Frauen, welche die Rolle von Heilgöttinnen zu spielen hatten, darunter auch Emy Lyon, die später als Emma Hamilton bekannt wurde und – wohl in Anlehnung an die römische Göttin Vesta – als „Vestina“ auftrat und unter diesem Namen publizierte.[8] Grahams publikumswirksamer Auftritt und öffentlicher Erfolg in London waren mit denen Mesmers in Paris vergleichbar, wenngleich sich die Lebenswege der beiden Zeitgenossen fundamental voneinander unterschieden.

Grahams Hauptattraktion war das celestial bed, ein himmlisches Bett, das alle Attribute religiöser Dignität aufwies und als Ort des (ehelichen) Geschlechtsverkehrs diente, der als eine performance zur Imitation der Heiligen Hochzeit verstanden werden kann – ein polarer Gegensatz zu einer „Verrichtungsstätte“, wie der regulierte Straßenstrich im heutigen Amtsdeutsch heißt. (Abb. 29)

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Abb. 29: „Celestial Bed“ mit „Goddess of Health“ (1782)

Graham verfasste selbst 1781 eine Werbebroschüre in Gedichtform, die in Fußnoten seine Behandlungstechnik ausführlich erläuterte und bestimmte Produkte wie imperial pills und aetherical balsam zum Kaufen anpries.[9] Gleichzeitig erschien eine satirische Gegendarstellung, ebenfalls in Versform, die Graham als Scharlatan entlarven sollte.[10] Die faszinierenden und zugleich provozierenden Ereignisse in dem und um das celestial bed sowie die öffentlichen Reaktionen darauf wurden von Lydia Syson minutiös nachgezeichnet.[11] Das celestial bed war ein multimediales technisches Wunderwerk, wie eine rezente, nicht unbedingt exakte Konstruktionszeichnung erahnen lässt. (Abb. 30)

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Abb. 30: Aktuelles Poster im Handel, gezeichnet 2004 (c) Tim Hunkin http://www.timhunkin.com/

Es war überwölbt von einer Kuppel mit Musikautomaten, Blumen und sogar einem lebenden Paar Turteltauben. „Ätherische Gase“ wurden eingeleitet. Eine Wippvorrichtung am Bett ermöglichte die optimale Position für die Konzeption, die Beischlafbewegungen setzten himmlische Orgeltöne (celestial sounds) frei, welche die Inbrunst der geschlechtlichen Begegnung wiedergeben sollten. Die elektrische und magnetische Installation wurde von 40 Kristallpfeilern abgeschirmt. Am Kopfende über einem Glockenspiel, das „Hymen“, den Gott der Hochzeit, feierte, waren die mit elektrischen Funken illuminierten biblischen Worte: „Be fruitful, multiply and replenish the earth!“ zu lesen.[12]

Graham wird heute als „erster Sexualwissenschaftler“ (sexologist) oder „erster Sexualtherapeut“ gefeiert. Sicherlich ist es richtig, ihn vom pauschalierenden Verdikt der Scharlatanerie und Quacksalberei zu befreien (siehe oben). Mit der modernen Sexualtherapie hat er vielleicht so wenig und so viel zu tun wie Mesmer mit der modernen Psychotherapie und Psychoanalyse: nach wissenschaftlicher Dogmatik nichts, in phänomenaler Hinsicht sehr viel. Auffälligerweise erwähnte Graham Mesmers Namen mit keinem Wort, obwohl er ihn während seines Pariser Aufenthalts 1779, bei dem er wissenschaftliche Berühmtheiten wie Benjamin Franklin traf, kaum ignorieren konnte, da Mesmer damals schon öffentliche Aufmerksamkeit erregte. Möglicherweise wollte Graham vermeiden, mit Mesmer in Verbindung gebracht zu werden, gegen dessen magnetische Praxis bereits feindselige Artikel in medizinischen Journalen erschienen waren. Nach Syson sind jedoch die medizinischen und wissenschaftlichen Parallelen zwischen den beiden Ärzten unübersehbar, die dramatische Inszenierung, die Übertragung natürlicher Heilkräfte, die Anziehung eines heterogenen Publikums und die Denunziation als Scharlatan.[13] Die Unterschiede zwischen beiden sind jedoch ebenfalls signifikant: Mesmer suchte die wissenschaftliche Anerkennung und war wohlhabend genug für seine aufwendigen Inszenierungen, während Graham als einsamer Exzentriker kaum Anhänger gewinnen konnte und seine Projekte stets seine Besitzverhältnisse überforderten.

Das Spannende an Grahams celestial bed ist weniger die (vermutete) Antizipation der modernen Sexualtherapie, als vielmehr die Gemengelage von apparativer Technologie, naturphilosophischen Anschauungen, mythologischen Personifizierungen und religiösen Maximen. Der Temple of Health and Hymen war von Graham nicht als witzige Karikatur gedacht, als die er gerne belächelt worden ist. Vielmehr sollte er im Verständnis seines Schöpfers einen sakralen Raum in einer säkularen Umgebung bilden, in dem so etwas wie Heilungswunder geschehen konnten. Selbstverständlich war diese Inszenierung assoziativ verknüpft mit dem antiken Asklepioskult, in dessen Tempel im Innersten (abaton) das Bett (kline) für die „Inkubation“, die mystisch-traumhafte Begegnung mit dem Heilgott stand. Im Unterschied zu diesem Heilkult kreierte Graham jedoch eine handfeste Imitation der Heiligen Hochzeit, indem er die menschliche Hochzeit in himmlische Gefilde erhob und zugleich die himmlischen Mächte ins irdische Geschäft involvierte. Insofern ist das „Himmelbett“, das heute in manchen Romantikhotels für verliebte Paare angeboten wird, nur ein schwacher Abglanz von Grahams celestial bed.

Grahams erotische Fantasie war in seiner Zeit keineswegs singulär. Freilich ist niemand in ihrer öffentlichen Realisierung so weit gegangen wie er. Die Stilisierung des wollüstigen Geschlechtsverkehrs als Himmlische Hochzeit war vor allem im französischen „erotischen Jahrhundert“[14] verbreitet, was die Illustrationen zu libertinen Schriften belegen, von denen einige in London publiziert wurden. So enthält das illustrierte Buch des französischen Schriftstellers und Juristen Nicolas Chorier „L’Académie des dames“ eine Serie von erotischen Dialogen.[15] Die Mischung von purer Sexualität und mythologischer Sinngebung zeigt eine Abbildung besonders deutlich. (Abb. 31)

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Abb. 31: Koitus als Himmlische Hochzeit (1691)

Die Konstellation und Lokalisierung des kopulierenden Paares zeigen Merkmale einer himmlischen, heiligen Hochzeit: der gekrönte Mann als König, das als Blumenkrone erscheinende gewellte Haar der Frau, ihr Liebeslager in himmlischen Wolken, der den Geschlechtsakt beobachtende Phönix, mythologisches und alchemistisches Symbol der Wiedergeburt. Eine ganz ähnliche Situation zeigt eine Illustration aus der französischen Übersetzung des erotischen Briefromans „Fanny Hill“ von John Cleland, die 1776 in London erschien − freilich nun im Stil des Rokoko.[16] (Abb. 32)

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Abb. 32: Merkur und Venus: himmlische Freuden

Unter der Überschrift „Les joies célestes“ zelebriert ein himmlisches Paar die „himmlischen Freuden“ vor strahlender (aufgehender) Sonne auf einer Wolke. Es handelt sich dabei wohl um den geflügelten Merkur (Hermes) und Venus (Aphrodite), die eine sie schmückende Blumengirlande mit der linken Hand hält. Man müsste hier Ikonografie und Lesetext miteinander vergleichen. Vermutlich spiegelt sich im libertinen (pornografischen) Text die mythologisch-kosmologische Aussage des Bildes nicht wider, ein Widerspruch, der sich bei Buchillustrationen immer wieder zeigt.

Dies mag auch auf eine Illustration aus dem französischen Roman „Thérèse Philosophe“ zutreffen, der erstmals 1748 anonym erschien.[17] (Abb. 33)

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Abb. 33: Zwischen Wollust und Philosophie

Die Geschichte geht auf einen Prozess in den 1730er Jahren zurück, in dem ein Jesuitenpater angeklagt worden war, sein Beichtkind verführt zu haben. Das Frontispiz zeigt eine naturphilosophisch aufgeladene Szene. Ein kopulierendes Liebespaar liegt in idyllischer Natur, von einer großen Blumengirlande gemeinsam umgürtet, vor einer Pyramide, auf deren Spitze ein Phallus steht, worauf ein Puttenpaar tanzt. Auf der linken Seite der Pyramide lehnt eine erhabene Frauengestalt mit einer Sternengloriole. Sie richtet mit ihrem rechten Unterarm einen Spiegel auf das Liebespaar, dessen Strahlen den Jüngling treffen, der Gesicht und Oberkörper der spiegelnden Frau zugewandt hat. Auf dem Spruchband unterhalb des Bildes ist zu lesen: „L’homme baise la volupté par gout / il aime la Philosophie par raison“. Hier erscheint also die personifizierte „Philosophie“, die als Himmelskönigin mit Sternenkrone und Spiegel zugleich Merkmale der Natura und Maria aufweist. Die Inschrift auf der Pyramide „Voluptas hominis felicitas“ ist als Mahnung an den Mann zu verstehen, die „Philosophie“ mit seiner Vernunft (raison) zu lieben und die Glückseligkeit nicht nur in der Wollust (volupté) zu suchen. Man könnte die Illustration auch als Botschaft interpretieren, über dem Geschäft des irdischen Geschlechtsverkehrs nicht die „himmlische Hochzeit“ mit Sophia zu vergessen.

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[1] Per Olov Enquist: Der fünfte Winter des Magnetiseurs. Aus dem Schwedischen übersetzt von Hans-Joachim Maass. München; Wien: Hanser 2002 [Schwed. Originalausg. Stockholm 1964].

[2] Roy Porter: Quacks. Fakers and Charlatans in English Medicine. Charleston: Tempus, 2001: S. 140-159.

[3] http://www.museumofhoaxes.com/graham.html (9.05.2012).

[4] Lydia Syson: Doctor of love: James Graham and his celestial bed. Richmond, Surrey, U.K.: Alma Books, 2008.

[5] http://www.dailymail.co.uk/femail/article-1058583/Doctor-love-A-new-book-tells-tale-Dr-James-Graham-sex-clinic-scandalised-18th-century-society.html (21.05.2011).

[6] Syson, 2008 [wie Anm. 4], S. 4-6.

[7] http://en.wikipedia.org/wiki/James_Graham_%28sexologist%29 (17.11.2009).

[8] Hebe Vestina: Il convito amoroso! or, A serio-comico-philosophical lecture, on the causes, nature, and effects of love and beauty […] 2nd ed. London : Printed for Hebe Vestina! – and sold at the Temple of Hymen, in Pall-Mall […], 1782.

[9] James Graham: The Celestial Beds; or a review of the votaries of the Temple of Health, Adelphi, and the Temple of Hymen, Pall-Mall. London: Kearsly, 1781.

[10] Hailstone, Edward: The celestial beds: or, A review of the votaries of the Temple of Health, Adelphi, and the Temple of Hymen, Pall-Mall. London: Printed for G. Kearsly …, 1781.Hailstone, 1781.

[11] Syson, 2008 [wie Anm. 4]: S. 161-194.

[12] Gen 1,28: „Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde“.

[13] Syson, 2008 [wie Anm. 55]: S. 137 f.

[14] Golo Jacobson: Das Erotische Jahrhundert. In: Ludwig von Brunn (Hg.): Ars Erotica. 3 Bde. Die erotischen Buchillustrationen im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Mit einem Essay von Golo Jacobson. Schwerte: Harenberg, 1989: S. 9-79.

[15] Nicolas Chorier: L’Académie des Dames ou Les Sept Entretiens Galants d’Alosia. Köln: Le Bas, 1691.Chorier, 1691.

[16] John Cleland: Nouvelle Traduction de Woman of Pleasure ou Fille des Joye de M. Cleland Contenant Les Mémoires de M.elle Fanny, écrits par Elle-même. London: 1776.

[17] http://de.wikipedia.org/wiki/Th%C3%A9r%C3%A8se_philosophe (11.08.2012).

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