5. Kap./3* Ehe-Religion bei Theosophen und Pietisten

Die bereits erwähnte Theosophin und Mystikerin Jane Leade schilderte in tagebuchartigen Aufzeichnungen ihre mystischen Erlebnisse nach dem Tod ihres Mannes 1670. Sie wurden zwischen 1696 und 1701 in drei Teilen gleichzeitig auf Englisch und Deutsch publiziert, die letztere Ausgabe unter dem Titel: „Ein Garten-Brunn gewässert durch die Ströhme der göttlichen Lustbarkeit“ (Titel des ersten Teils). Sie verstand sich als „Braut Christi“ und wird als Visionärin mit Hildegard von Bingen verglichen. Leade gehörte zu einem Zirkel um den anglikanischen Geistlichen John Pordage, der ein Böhme-Anhänger war und die Philadelphian Society gründete. Ihre Visionen nehmen ihren Anfang von einer Begegnung mit der „Jungfrau Sophia“ im April 1670. Während sie noch über Salomon nachdachte, der „den edeln Stein der göttlichen Weißheit“ finden wollte, „ob Sie ein von der Gottheit unterschieden Wesen wäre, […] überschattet mich eine helle Wolcke / und in Mitten derselben die Gestalt eines Weibes aufs köstlichste mit durchscheinenden [sic] Golde geziert und geschmückt. […] Ihr Angesicht leuchtete für Glantz als ein hellblinckender Krystall: Ihr Ansehen aber war lieblich und gütig.“ [1] Und Sophia, die „wahre / natürliche Mutter“, sprach sie an: „Sihe ich bin Gottes ewige Jungfrau der Weißheit / die du gesucht hast! Ich bin nun zugegen / dir die Schätze der tieffen Weißheit Gottes zu entsieglen / und dir eben das / was Rebecca ihrem Sohne Jacob war / nemlich eine wahre / natürliche Mutter zu seyn: denn aus meinem Leibe und Behrmutter sollst du / auf Art eines Geistes / ausgeboren / empfangen und wiedergeboren werden.“

Bei der nächsten Begegnung mit Sophia erhielt Jane Leade ein „güldenes Buch“: „Als ich nun nach dreyen Tagen [der Einsamkeit] unter einem Baume saß / erschien mir eben dieselbe Gestalt in noch grösserer Glorie und Klarheit wiederum / mit einer Krone auf ihrem Haupte voller Majestät / mich mit diesen Worten anredende [sic]; Sihe mich als deine Mutter / und wisse / dass du einen Bund mit mir eingehen must / krafft dessen du denen neuen Schöpffungs-Gesetzen / die dir sollen geoffenbart werden / gehorchen sollst.“ Die Autorin erhielt daraufhin ein „güldenes Buch mit dreyen Siegeln beschlossen“ und Sophia sagte: „Hierinne ligen die tieffen Wunder der Weißheit verborgen“. Nach sechs Tagen erschien ihr Sophia wiederum „mit einem Gefolge Jungfräulicher Geister und mit einem Englischen Heere“. Sie wurde gefragt, ob sie in „Jungfäuliche Gesellschaft“ aufgenommen werden wolle. „Worauf ich antwortete / daß ich mich darzu aufzuopffern gantz willig befände: daher ich augenblicklich von dieser himmlischen Heerschar umgeben / und zu einem Liechtgeiste gemacht ward.“ Als sich Sophia mit ihrer Glorie zurückzog, erfüllte sie die Autorin mit einer inneren Glorie: „mein Hertz aber ward von einer inwendigen Glorie und Glantze erfüllet; so daß zu allen denselben himmlischen Wesen im Innersten meines Hertzens / eine inbrünstig brennende Liebe entzündet wurde.“

Jane Leades unio mystica-Visionen griffen auf gängige naturphilosophische Metaphern zurück. So erlebte sie die Goldene Kette (catena aurea) als „Liebes-Kette“:  „Es wurde eine güldene Kette mit ihren Gliedern von der hohen Thron-Sphaere / darinnen JEsus im Reiche der Liebe regieret / hernidergelassen. Am Ende dieser Kette hing eine güldne Kugel / und die Stimme sprach. Halt dich fest hieran / dafern du zu Mir herauf kommen wilst! […] zumal solche [Kette] / die starcke Krafft der Macht ist / welche den Bräutigam und die Braut zusammenbringt.“ Leade spielte mit dem Begriff der „Welt-Meers-Liebe“ auch auf die Vorstellung einer All-Flut, eines Äthers oder, wie es Mesmer etwa 100 Jahre später benennen wird, eines Fluidums an, wobei sie allerdings religiös argumentierte: Jesus, „welcher aus der grossen Welt-Meers-Liebe der unermäßlichen Gottheit wircklich in dich einfliesset / damit er dich wieder zurück zum Ursprungs- oder Haupt-Quelle bringe / darinne du Gott den Heiligen Geist zu erkennen gelangen magst / indem er dich / als das Gewässer dem Meere thut / überschwemmen und bedecken wird“. Dem entsprach die nächtliche Vision einer „Liechts-Kugel“, die sich „wo ich mich  immer hinwandte / mit mir fortbewegte / und eine gar herrlich und hellscheinend Liechte / als ein Stern in einer tunckeln oder wolckichten Nacht / von sich gab.“

In einer anderen Vision erkannte Leade den „Spiegel der Weisheit“, der sich in Licht- und Feuererscheinungen offenbarte. Sie sah nämlich „in Gestalt eines Liechtes zwey grosse feurige Räder mit noch zweyen Kleinern / die sich durch dieselben bewegten / und unablässig / als ein Uhrwerck umlieffen; weil sie ihre Bewegungs-Unruh hatten / und von daraus begunte das kristallinene Wesen zu erscheinen und offenbar zu werden; Von welchem durchleuchtigen Wesen dasjenige / so der Weißheit Spiegel genannt ist / gemacht wird.“[2]Der Autorin wurde offenbart, was das zu bedeuten hatte: Zwei große Räder seien die ewige ausfließende Gottheit, die zwei kleineren wären „unser eigener ewiger Geist“ und die „kristallinene reine Leibligkeit“.  Doch auch das eigene Herz solle „Liebesfluthen“ aussenden, die auf Christus, den Bräutigam, zu richten seien. Dabei solle die „Jungfräuliche Reinigkeit“ bewahrt werden, „Daß wir nemlich einig und allein die Braut des Lamms seyn wollten. […] Daß wir […] allein auf die Heimholung dieses unsers verlobten Ehegemahls gedencken: unsere brennende Liebsfluthen auch ohne Unterlaß ausschicken / Ihn dardurch ins innere verborgne Centrum unserer Hertzen einzuziehen.“

Leade hatte auch eine Himmelsleiter, „des Herrn Christi Auffarths-Leiter“, vor Augen, die aus einer sich zerteilenden himmlischen Wolke niedergelassen würde, um uns den Weg zu Auferstehung und Himmelfahrt zu weisen. Sie verfasste den betreffenden Traktat als „Dienerin und Freundin meines HErrn und himmlischen Bräutigams“, wie sie in der Vorrede hervorhob.[3] Sie beschrieb die Auferstehung, die dem „geistlich oder mystischen Tod“ folge und ein „tieff Geheimnus“ offenbare: „Gott’s gloriosen Leib ihr sämtlich an-solt-schauen!“ Daraufhin folgt die Aufforderung, die „Auf- oder Himmelfarths-Sprosse“ zu besteigen:

„Steigt denn die Leiter auf im Himmel anzulenden;

Wo solche Schätze sind die nimmermehr sich enden :

Und euch der Reichthum so das Aug wird nehmen ein /

Daß alles gut der Welt euch Dreck und Koht [sic] wird seyn.“

Leades Vision blieb aber hierbei nicht stehen. Sie forderte die „Geister vom Geschlecht der Engel“ niederzufahren, „ab-zueilen“, um die Welt zu erneuern:

„Steigt ab / durch Gegenwart gebt Krafft der matten Erd /

Die wieder von Geburt gantz neu zu seyn begehrt“.

Ausführlich berichtete Leade über „Das Collegium oder Schule der Magie“ unter der Überschrift  „Die Schule der Weisheit. Eine Entzückung“.[4] Am 15. Dezember 1678 verfiel sie in eine „Verzuckung“ und wurde von einem Geist in eine andere Welt geleitet. Dort begegnete sie der „Königin derselben Welt“: „Diese sahe im Angesichte einem Weibe gleich / und schien über und über gleichsam mit schwebenden Wolcken bekleidet.“ Ihr sei dann gesagt worden, „daß dieses die Magie-Schule wäre; worvon alle sterbliche Zungen und Sprachen ausgeschlossen werden müsten. Denn alles würde durch die Wirckung der Magie verstanden: allhier würde keine Rede / sondern lauter Krafft getrieben. Darauf wurde ich zu einem gebracht / aus dessen Angesichte eine solche gravitätische Besänfftigung hervorleuchtete / daraus man erklärlich abnehmen könnte / daß eine besonder tieffe Weisheit residiren müste.“ Die Autorin wurde zur Demonstration der Macht der Magie in einen Bann geschlagen  − „gebunden / daß ich mich weder rühren noch bewegen konte / da mich doch keine Hand anrührte − und schnell wieder entbunden […] in Freyheit“. Daraufhin habe die „Majestätische Königin“ zu ihr „in einem stillen Sausen“ gesagt, „daß dis die einige Kunst sey / die würdig ist erlernt zu werden / wordurch das natürliche Thier gezähmt / und durch die wirckende Krafft der Magie zu einer himmlischen Gestalt erneuert werden mag.“

Ähnlich schilderte Leades Mitstreiter John Pordage seine Begegnungen mit Sophia, der er eine Monografie widmete und sie in deren Titel als die „holdseelige ewige Jungfrau der Göttlichen Weisheit“ ansprach. Er gilt als der bedeutendste Vertreter der theosophischen Strömung in England. Auch er charakterisierte die Beziehungen der Sophia zum Sohn, zum Heiligen Geist und zu den Menschen als Hochzeit, Vermählung. Am 21. Juni 1675, so berichtete er, sei die Weisheit zu ihm gekommen, der „harte und grausame Gedancken wider sophiam“ hegte. Sie sei gekommen „und ließ sich mit Ihrer heilenden Krafft in meinen Geist hernieder / linderte meine blutrünstigen Wunden / stillte meinen grimmigen Hunger“. [5]  Sie wollte ihn, ähnlich wie im Fall von Jane Leade, in die Magie einführen, deren Macht demonstrieren, insbesondere die magische Wirkung des gesprochenen Wortes. So sagte die Weisheit zu ihm: „Du solst von mir hören und lernen / wie ich diese Neue Schöpffung in dier selbsten formire. […] Denn ich bin kommen es durch mein schaffend Wort thätlich auszuwürcken / und wesentlich hervorzubringen. […] und du solst die Art und Weise sehen / wie es durch meine magische Kunst in dir gethan und verrichtet wird.“

Solche sinnlich-liebevollen Begegnungen zwischen Sophia und den Theosophen wurden nach 1800 nur noch selten dokumentiert, sehen wir einmal von Joseph Görres’ historisierender Betrachtung der „mystischen Verlobung“ als Vorbereitung einer „mystischen Ehe“ ab, die nach dem Vorbild der Catharina von Siena zum „Beruf der Frauen“ gehöre. [6] Eine Ausnahme machte der Münchner Arzt und Theosoph Franz von Baader, der Böhme rezipiert hatte und Schellings Naturphilosophie beeinflusste. Baader zielte bei seiner Auseinandersetzung mit Sophia allerdings mehr auf spekulative Theoriebildung als auf sinnliche Erfahrungen ab.[7] In seinen „Vorlesungen und Erläuterungen zu Jacob Böhme’s Lehre“ bezeichnete Baader Gott als „verzehrendes Feuer“ und „Flamme der Liebe“. Hierbei habe man, so Baader, an die Assimilationskraft Gottes zu denken, welche das Befreundete anziehe, das Feindliche aber, das Widerstreitende ausscheide: „Derselbe Gott, der dem Guten als Liebe, als Bekräftigung, als Freund, sich offenbart, der offenbart sich dem Bösen als blendend, hinrichtend und verfinsternd.“[8] Das Böse sei das Hemmnis „seiner Vereinigung mit Ihm, der Quelle des Lebens“. Die Lebensquelle werde somit „dem Kranken zur Qual, dem Gesunden zur Freude.“ Die Vereinigung begriff Baader in Böhmes Sinn als eine Vermählung mit idea, der Jungfrau oder Sophia. Die Kreatur habe eine Mittelstellung: Sie sei „über die Natur als ihre Wurzel, zugleich aber auch unter ihren Gott gestellt. Diese Gestaltung geschieht, vermöge der Vermählung mit der Idee oder der himmlischen Jungfrau, die Adam verlassen, Christus aber widergebracht [sic]hat. Wie die Sonne den Planeten in seiner Bahn hält und trägt, so will Gott die Creatur durch Vermittelung der Idea über ihrem blossen Naturleben und unter seinem Gottesleben halten und tragen.“ Der Mensch erlangt also durch diese Vermählung eine Mittelstellung zwischen Erde und Himmel, die ihn ein Stück weit aufhebt und schweben lässt − ein Bild, das an Simone Weils Rede von „Schwerkraft und Gnade“ erinnert (siehe Kapitel 4).

Vor allem im Pietismus hatte die Idee der Himmlischen Hochzeit praktische Konsequenzen.  So bildeten sich sektiererische Gruppen, in denen sexuelle Freizügigkeit praktiziert wurde. Ein extremes Beispiel lieferte die „Buttlarsche Rotte“, eine Gruppe von Pietisten um ihre Anführerin Eva von Buttlar. Sie gründete 1702 im hessischen Allendorf die „Christliche und Philadelphische Sozietät“, in der sexuelle Orgien mit religiöser Begründung gefeiert wurden.[9] Angeregt durch den mystischen Gedanken der himmlischen Hochzeit, einer Ehe des Menschen mit Sophia, wie ihn Jakob Böhme und Johann Georg Gichtel formuliert hatten, verstand sich Eva von Buttlar („Mutter Eva“) selbst als „himmlische Sophia“. Durch Geschlechtsverkehr mit ihr, dem „Teich Bethesda“ als Himmelspforte, konnten sich die Männer reinigen und den androgynen Schöpfungszustand wiederherstellen. Auch im Täufertum der frühen Neuzeit, das die Gemeinde der Gläubigen als Braut Christi auffasste, spielte die spirituelle Ehe eine zentrale Rolle. Mancherorts wurden sexuelle Rituale praktiziert, die mit den herrschenden sozialen Normen unvereinbar waren, aber in der religiösen Gemeinschaft gottgefällig erschienen. So wurde im Münsteraner Täuferreich 1534 die Polygamie eingeführt.[10] Es ist eine offene Frage, ob solche sexuellen Ausschweifungen als Ausdruck einer radiakalen Reformation oder eher als Ausläufer  spätmittelalterlichen Sektierertums zu begreifen sind.

Weitaus weniger spektakulär war das Heiratsritual in der Herrnhuter Brüdergemeinde, das Graf von Zinzendorf eingeführt hatte − ein weiteres Beispiel, wie der Geschlechtsverkehr zu einer heiligen Handlung transformiert wurde. Es sollte nämlich die Himmlische Hochzeit der Seele mit Jesus im Jenseits antizipieren. In der Herrnhuter Gemeinde, in der weitgehend eine Geschlechtertrennung praktiziert wurde, konnte auf Wunsch eines jungvermählten Paares beim ersten Geschlechtsverkehr geistliche Hilfe geleistet werden. Der Legende nach gab es ein „blaues Kabinett“, ein einfacher Raum, in dem der erste Geschlechtsverkehr unter unter Hilfestellung der „Ehediener“ und Zinzendorfs selbst.

An dieser Stelle sei etwas ausführlicher auf die „Ehe-Religion“ des Grafen von Zinzendorf eingegangen, die der lutherische Theologe und Pietismusforscher Erich Beyreuther eingehend untersucht hat.[11] Alles drehte sich um die bräutliche Liebe des Menschen zum Bräutigam Jesus: „Der Heiland wirbt um die Menschheit und erwartet eine Gegenliebe bräutlicher Herzen, die sich ihm in Treue verbinden.“ Im Hinblick auf den Bräutigam formulierte Zinzendorf dementsprechend: „Endlich kommen wir in sein Gemach und werden seine Frau und Er unser Mann zu einer unzertrennlichen Ehe … es wird sich nicht mehr ändern; ewig in dulci Jubilo!“ Entscheidend sei jedoch, dass sich in dieser „Ehe-Religion“ der himmlische Bräutigam mit der „Einzelseele“ ebenso vermähle, wie mit dem Gesamtleib, der „Gemeine“. Insofern könne der Christ, „ob Mann oder Frau, nur seine Braut sein, also ‚Christin’, weiblicher Art.“ Christus erschien also als der einzige Mann, der die ganze Menschheit zur Braut habe. In der irdischen Ehe werde daher der Ehemann zu einem „Prokurator“, einem „Vicemann Christi“, der interimistisch und stellvertretend agiere, wogegen die Frau als Abbild der empfangenden Gemeinde zu sehen sei. In dieser Konstruktion erschien die Ehe als ein geheimnisvoller heiliger Stellvertretungsdienst. Über die extreme Praxis der Herrnhuter berichtete der Sexualwissenschaftler Iwan Bloch: „Da bei den Herrenhutern einer im anderen nur den Christen suchen und lieben durfte, nicht den natürlichen Menschen nach seiner körperlichen und geistigen Individualität, so sollte über die Vereinigung der beiden Geschlechter das Los entscheiden, damit jede derartige individuelle Bewegung ausgeschlossen werde.“ [12] Graf Zinzendorf selbst habe die Schlafsäle seiner Gemeinde besucht, um von der ehelichen Vereinigung den „stillen, behaglichen Schleier wegzuziehen, daß er sie vor das Betpult verwies und ins helle Kerzenlicht.“

Diese Ehe-Religion bot dem Menschen eine fruitio dei, bei der die von Jesus dargebotene Gnade zur Quelle höchster Freude werden sollte. Beyreuther diagnostizierte den typisch katholischen Grundzug „einer sakramentalen Erhöhung und Integration der Natur“, bei der Schöpfungs- und Gnadenordnung eine höhere Einheit bildeten.[13] Zinzendorfs Ehe-Religion habe sich aus der (lutherischen) Lehre von der unio mystica entwickelt und sei „eine Gnadengabe, sie kann niemals durch eine psychologische Technik erworben werden.“ Dieses religiöse Verständnis ist nach Beyreuther scharf von psychoanalytischen Deutungsversuchen abzugrenzen, bei denen das Erleben psychodynamisch erklärt und die Theoriebildung als Ausdruck einer sublimierten Sexualität angesehen werden. Vor allem wird Oskar Pfisters Deutung zurückgewiesen, der – „selbst unter dem Bann der Freudschen Sexualtheorie stehend“ – angesichts der „Glut an religiösem Eros“ bei Zinzendorf der Versuchung unterlegen sei, darin nur „Ausbrüche einer sublimierten Sexualität, eben einer erotisierten Religion zu erblicken.“ Auf die Psychologisierung der Heiligen Hochzeit werden wir weiter unten zurückkommen. Am Beispiel der Herrnhuter Brüdergemeinde können wir beobachten, wie sich religiöse Glaubensinhalte, pädagogische Leitlinien und medizinisch-diätetische Regeln unter religiösem Vorzeichen miteinander verbanden.

Gerade die Medikalisierung beziehungsweise Naturalisierung religiöser Vorstellungen und Rituale wurde im Verlauf des 18. Jahrhunderts immer augenfälliger. Die sakrale Erhöhung des Geschlechtsverkehrs wurde mit medizinischen Apparaten und Prozeduren angereichert und in ein entsprechendes setting der Behandlung eingebettet. Ein wichtiges Moment war die künstliche Elektrizität, deren wunderbaren Phänomene in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Menschen nicht zuletzt wegen ihrer erotisierenden Effekte faszinierten. Als spektakuläre Begleiterscheinung der Elektrizität entwickelte sich Ende des 18. Jahrunderts der so genannte animalische Magnetismus oder Mesmerismus, der mit einer noch feineren Kraft als der elektrischen, nämlich einem magnetischen Fluidum agieren wollte. In diesem Kontext ist ein  illustres Beispiel für die Idee von der Himmlischen Hochzeit zu sehen, nämlich das celestial bed von James Graham aus den frühen 1780er Jahren. Im Unterschied zum wirkmächtigen Mesmerismus handelte es sich hier um ein singuläres Ereignis, das zwar nur kurze Zeit und begrenzt auf seinen Urheber in Erscheinung trat, aber höchst eindrucksvoll die Sexualität in eine religiös-weihevolle Sphäre tauchte.

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[1] Jane Leade: Ein Garten-Brunn gewässert durch die Ströhme der göttlichen Lustbarkeit […]. Ausgefertigt in drey Theilen. Theil 1. Amsterdam: Wetstein, 1667: S. 14-16, S. 151, 180 f., 184.

[2] Jane Leade: Des Garten-Brunns Andrer Theil [= Theil 2]. Amsterdam: Wetstein, 1667: S. 243 f., 375 f.

[3] Jane Leade: Die Nun brechende und sich zertheilende Himmlische Wolcke. So wol auch des Herrn Christi Auffahrths-Leiter. Hernieder gelassen / Den Weg zu zeigen und anzuweisen / wie wir / durch den Tod und Auferstehung / zur Himmelfarth und Glorificirung gelangen mögen. Amsterdam: Wetstein, 1694: S. 2, 54, 68, 85.

[4] Jane Leade: Des Durch die Ströhme der Göttliche Lustbarkeit gewässerten Garten-Brunnens Dritten und letzten theils Erster Theil [= Theil 3, 1 von „Garten-Brunn“, s. Anm. 40]. Amsterdam: Wetstein, 1700: S. 296 bzw. S. 277-280 [15. Dez. 1678].

[5] John Pordage: Sophia: das ist / Die holdseelige ewige Jungfrau der Göttlichen Weisheit […]. Amsterdam; 1699: S. 1 f., 6.

[6] Joseph Görres: Die christliche Mystik. 4 Bde. Regensburg und Landshut: Manz, 1836-1842, 1.Bd. (1836): S. 327.

[7] Faivre, 2008 [wie Anm. 34].

[8] Franz von Baader: Vorlesungen und Erläuterungen zu Jacob Böhme’s Lehre. Hg. von Julius Hamberger. Leipzig: Bethmann, 1855 (Franz von Baader’s Sämmtliche Werke, 13. Bd. = 2. Hauptabtheilung, 3. Bd.): S. 62 f., 184.

[9] Iwan Bloch: Die Prostitution. Bd. 2, erste Hälfte. Berlin: Marcus, 1912: S. 68.

[10] Katharina Reinholdt: Ein Leib in Christo werden. Ehe und Sexualität im Täufertum der Frühen Neuzeit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2012 (Veröffentlichungen des Instituts für europäische Geschichte Mainz. Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte; Bd. 227): S. 280-287.

[11] Erich Beyreuther: Ehe-Religion und Eschaton. In: Ders.: Studien zur Theologie Zinzendorfs. Gesammelte Aufsätze. 2., mit Nachbemerkungen und Registern versehene Auflage. Hildesheim; Zürich; New York: Olms, 2000 (Erweiterter Nachdruck der Ausgabe Neukirchen-Vluyn 1962), S. 35-73, hier: S. 42, 44 f., 47, 51.

[12] I. Bloch, 1912 [wie Anm. 48]: S. 67.

[13] Beyreuther, 2000 [wie Anm. 50]: S. 59, 67, 48.

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