# 4. Kap. „Unio mystica“ als religiöse Liebesvereinigung

In der ideengeschichtlichen Literatur werden üblicherweise drei Begriffe voneinander unterschieden: Agape, Eros und Sex. Wie der israelische Religionshistoriker Moshe Idel ausführte, sei Agape „ein Begriff der uneigennützigen Liebe“ und bezeichne eine „spirituelle Anziehungskraft“, Eros benenne „einen Gefühlskomplex aus ontologischen Konstrukten und Verhaltensformen in einer bestimmten Kultur“ und Sex sei „die körperliche Befriedigung eines erotischen Impulses“[1] Eine solche Begriffsdefinition entspricht unausgesprochen der klassischen Dreiteilung des Menschen in Körper, Seele und Geist, die auch der Seelenlehre des Aristoteles in „De anima“ zugrunde lag, der dort vegetatives, sensitives und intellektuelles Seelenvermögen voneinander unterschied. Diese Trias bot der neuzeitlichen Anthropologie auch in der Medizin ein oft gebrauchtes Gerüst. So positionierte Joseph Görres „das Seelische“ in der Mitte zwischen dem „Geist oben“ und dem „Leben unten“, wo „der Knoten zwischen Geistigem und Vitalem“ geschlungen wird. [2] Aber solche Definitionen sind selbst Teil des Problems. Sie nehmen Abgrenzungen vor, die im konkreten Fall aufgehoben sind. Nirgends wird dies deutlicher als in mystischen und sexualmagischen Praktiken. Gian Lorenzo Berninis berühmte Skulptur „Die Ekstase der Hl. Teresa von Avila“ in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom, vollendet im Jahr 1652, ist hierfür ein illustres Beispiel. (Abb. 22) Teresas Gesichtsausdruck und Körperhaltung wurden zumeist als „Orgasmus“ interpretiert.[3] Wenn wir ihre mystischen Erlebnisse zur Kenntnis nehmen (siehe Kapitel 5): Wer vermag da noch klar zwischen Agape, Eros und Sex zu unterscheiden?

In diesem Kapitel wollen wir die Begriffe „Eros“ und „Liebe“ nur insoweit in Betracht ziehen, als sie die Idee von der Magie der Natur und insbesondere die des Heilens betreffen. Sigmund Freuds Definition des Eros als „Lebenstrieb“, den er dem „Todestrieb“ gegenüberstellte, thematisierte auch die kosmologische Dimension des Verhältnisses von Leben und Tod. Doch am Ende unserer Abhandlung soll es nicht um eine Freud-Exegese gehen, obwohl Freud im Unterschied zu fast allen seinen Epigonen die Todesproblematik in ihrer naturphilosophischen und anthropologischen Tiefe erkannte und mit dem „Nirwana-Prinzip“ sogar religionsphilosophische Gesichtspunkte in sein (auch) vom Biologismus geprägtes Menschenbild einführte. Vielmehr geht es – weit über Freuds Werk hinaus – um eine Untersuchung über die Bedeutung der Liebe, soweit sie in das Blickfeld der Medizingeschichtsschreibung rückt. Dabei werden wir mit bestimmten Problemen konfrontiert, die vorab nur stichwortartig angedeutet werden können: die Liebe Gottes und die Heilkraft der Natur als Vo M. K. [Mahatma] Gandhi: aussetzungen der Heilkunde, die Liebe als Heilfaktor in der Arzt-Patienten-Beziehung, die Liebe als Ursache und Ausdruck einer Krankheit („Liebeskrankheit“), die Sexualität als biologische Grundlage des „normalen“ und „pathologischen“ Liebeslebens sowie ihre Bedeutung für die Sexualmedizin und schließlich die spirituelle Macht der Liebe, die durch utopisch anmutende Praktiken einer erotischen Magie freigesetzt werden sollte und das biologistische Verständnis von Sexualität konterkarierte.

Doch wenden wir uns zunächst dem Eros in seiner Bedeutung der göttlichen Liebe (Agape) zu, einem beliebten Gegenstand philosophischer Betrachtung und künstlerischer Gestaltung. Dieser Eros war auch in Medizin und Naturforschung implizit immer ein zentrales Thema. Die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen und die Liebe des Menschen zu Gott wurden in ihrer Wechselwirkung aufeinander bezogen. Dies galt sowohl für die ärztliche Krankenbehandlung als auch für die Naturforschung. In dieser Sicht konnte Therapie nur gelingen und Forschung nur erfolgreich sein, wenn sie vom Eros beflügelt waren. Vor allem die Mystik war mehr oder weniger erotisch gefärbt. In der Medizin begegnen wir der Idee, dass sich der Arzt den Kranken in „Reinheit“ und „Keuschheit“ mit göttlicher Liebe zuwenden solle. Durchweg wurde dieser Eros mit dem Erringen von Wahrheit und Freiheit in Verbindung gebracht und als inneres Licht oder Feuer durch Naturforscher und Ärzte beschrieben. Eine tiefer gehende ideengeschichtliche Untersuchung des „Eros“ und seiner Bedeutung für die Medizin existiert bislang nicht. Zumeist lässt man die Geschichte erst im 19. Jahrhundert beginnen oder schlägt einen weiteren historischen Bogen zurück und vergisst aber dabei entscheidende Schlüsselkonzepte wie etwa den Mesmerismus.[4]

_________________________________________

[1] Moshe Idel: Kabbala und Eros. Aus dem Englischen übersetzt von Elke Morlok. Frankfurt am Main, Leipzig: Verlag der Religionen, 2009. [Engl. Originalausgabe „Kabbalah and Eros“, 2005]: S. 23-25.

[2] Joseph Görres: Die christliche Mystik. 4 Bde. Regensburg und Landshut: Manz, 1836-1842; 3. Bd. (1840): S. 321.

[3] http://en.wikipedia.org/wiki/Ecstasy_of_Saint_Theresa (3.08.2012).

[4] Annemarie Leibbrand-Wettley / Werner Leibbrand: Formen des Eros. Kultur- und Geistesgeschichte der Liebe. Bd. I: Vom antiken Mythos bis zum Hexenglauben; Bd. II: Von der Reformation bis zur „sexuellen Revolution“. Freiburg; München: Alber, 1972.

Advertisements