Buchtitel und Vorwort

Heinz Schott

Himmel oder Hölle

Ein Essay über die Sexualität

[Vorschau / Preview]

Vorwort

Lange habe ich nach einem geeigneten Titel für meinen Essay gesucht. Schließlich fiel mir das Spiel „Himmel oder Hölle“ ein. Ich kann mich daran erinnern, dass wir es als Kinder hin und wieder gespielt haben. Dabei wird ein Papier so gefaltet, dass zwei kreuzweise angeordneten Spalten entstehen. Die Wände der einen Spalte werden rot, die der anderen blau gefärbt. Mit einer Handbewegung zeigt er Spieler seinem Gegenüber, der das Papierkunstwerk hält, auf die zu öffenende Spalte. Zeigen sich deren Wände blau, kommt er in den Himmel, zeigen sie sich rot, kommt er in die Hölle. Das Sexualleben, nicht zuletzt in Form der bürgerlichen Ehe, wird häufig als ein Glücksspiel aufgefasst, das dem von „Himmel oder Hölle“ entspricht: Man hat zwar die Wahl, aber was herauskommt ist Zufall − und eher Hölle als Himmel, gängiger Stoff für für Ehedramen und Liebesgeschichten. In Literatur und Kunst ist Sexualität als Ursache gescheiterter Beziehungen, also die „Hölle“, zumeist ein interessanterer Gegenstand als jene Sexualität, die Glück, also den „Himmel“, bedeutet. Dem entspricht die verbreitete Meinung, dass der Mensch sexuellem Begehren und Getriebensein auf Gedeih und Verderb ausgesetzt sei und dieses allenfalls um den Preis seiner Vitalität und Gesundheit unterdrücken könne. Die Vorstellung, dass Sexualität so gelenkt und gemeistert werden kann, dass sie Vitaltiät und Gesundheit steigert, erscheint dagegen weniger populär.

Meine Betrachtungen als Medizinhistoriker resümieren die Ergebnisse langjähriger Forschungen. Erste Überlegungen zur Ideengeschichte der Sexualität stellte ich bereits vor mehr als drei Jahrzehnten an. So eindrucksvoll die psychoanalytisch inspirierten Sexualtheorien und davon abgeleitete Sexualpraktiken damals in den studentenbewegten Jahren auch waren − vor allem Wilhelm Reich wurde seinerzeit intensiv diskutiert −, so unbefriedigend erschienen sie mir in ihrer geistigen und poetischen Substanz. Eine faszinierende Gegenwelt schienen dagegen utopisch erscheinende Sexualkonzepte zu versprechen, welche die geistige Führung des Geschlechtstriebs propagierten und die man im Allgemeinen der „Sexualmagie“ zuordnet. Insofern scheint mein Ansatz „idealistisch“ zu sein: Er hat hat keine Scheu, Gebiete der Theologie und Mystik zu berühren und den Begriff des Geistes ins Spiel zu bringen.

Dieser Essay lebt von Zitaten und Anspielungen. Deren Quellen müssen selbstverständlich detailliert angegeben werden. Ich habe eine Form gewählt, die den Leser möglichst wenig stören soll, ihm aber bei Bedarf exakte Literaturhinweise im Anhang liefert. Dieses Buch ist kein Gesundheitsratgeber, kann aber gleichwohl eine Orientierung für die Lebensführung geben. Es will auch keinen Beitrag zur Sexualethik liefern, obwohl es voller ethischer Implikationen steckt. Dem Leser bleibt es überlassen, inwieweit er aus dem Gelesenen praktische Konsequenzen für sein eigenes Leben ziehen kann und will. Als Autor möchte ich es mit einem Zitat aus Goethes „Faust“ halten, das auch der Selbstanalytiker Sigmund Freud wie eine Schutzformel in seinem Hauptwerk „Die Traumdeutung“ ins Feld führte:

Das Beste, was du wissen kannst,

Darfst du den Buben doch nicht sagen.“

Bonn, im Frühjahr 2016 Heinz Schott

Advertisements