# Einleitung

Sex, dieses einsilbige Wörtchen mit nur drei Buchstaben, hat im Laufe des 20. Jahrhunderts − man denke an die „Sexbombe“ im klassischen Hollywoodfilm − eine steile Karriere gemacht. Es berührt menschliches Leben schlechthin, wobei wir in unserem Essay von der Sexualität bei Pflanzen und Tieren absehen wollen. „Sex haben“ entspringt wohl dem englischen Ausdruck to have sex und wurde früher mit dem heute altmodischen klingen Ausdruck „Geschlechtsverkehr ausüben“ bezeichnet. Wenn etwas als sexy charakterisiert wird, so hat das gewöhnlich mit Sexualität im engeren Sinne ebenso wenig zu tun wie das inzwischen äußerst beliebte Adjektiv „geil“. In der Regel aber verweist das Wörtchen Sex − zumindest in der heutigen Umgangssprache − auf geschlechtliche Interaktionen zwischen Individuen. Diese können recht verschiedene Formen annehmen und haben auch im Laufe der Menschheitsgeschichte verschiedene Formen angenommen. Sex bedeutet also die konkrete Ausprägung der Sexualität in einem bestimmten sozialhistorischen Kontext.

Die Sexualität gehört zu den schwierigsten Kapiteln der Menschenkunde. So tut sich die medizinisch oder philosophisch ausgerichtete Anthropologie schwer, „Sexualität“ begrifflich zu fassen. Eine Bewertung scheint alle Zeitalter zu überdauern und trotz aller biologischer und psychosozialer Erkenntnisse auch heute noch vorherrschend: Sexualität erscheint als Trieb der Natur und als solcher irrational, von biologischer Gesetzmäßigkeit bestimmt und deshalb vom Verstand kaum beeinflussbar. Dieser Trieb scheint alles überrennen zu wollen, was ihm im Wege steht, und sich wie ein Herrscher in seinem Reich aufzuführen. Hier stellt sich dann die Frage: Bedeutet Sexualität ein Sperrgebiet für den menschlichen Geist? Gleicht jene nicht einem verminten Schlachtfeld, auf dem dieser letztlich verloren ist, wenn er es betritt?

Merkwürdigerweise wurden und werden diese Fragen in letzter Konsequenz bejaht. Der Geschlechtstrieb wurde traditionell dem dunklen und gefährlichen Unterleib des Menschen zugeordnet, dort, wo der Teufel eine Eintrittspforten finden konnte, während Geist, Verstand, Vernunft im hellen Oberleib, insbesondere Herz und Hirn, lokalisiert wurden. Diesem gefährlichen Feind im Unterleib galt es Paroli zu bieten, ihn zu bändigen und in seine Schranken zu weisen. Selbst Sigmund Freud bediente sich noch dieses Modells, um seine spezielle Neurosenlehre aus der Sexuallehre abzuleiten: Zum Aufbau und zur Erhaltung der Kultur hatte der Mensch seine Sexualität zu unterdrücken. Dies aber führte zu seiner unauflösbaren Tragik: seiner Neurose, die darin bestand, dass sich der Sexualtrieb eben nicht besiegen ließ und nur mühsam in Schach gehalten werden konnte − um den Preis neurotischer Krankheitssymptome. Freilich war Freud im Gegensatz zu fast allen seiner Anhänger raffiniert genug, um dieses einfache Unterdrückungsmodell zu verflüssigen: Der Geschlechtstrieb, die „Libido“ oder Sexualenergie konnte sublimiert werden, ließ sich also in kulturelle Leistung verwandeln. Die „Sublimierung“ spielte metaphorisch auf die alchemistischen Stoffverwandlung und -veredlung an. Doch auch dieser Begriff der Sublimierung bestätigt letztlich die traditionelle Auffassung von Sexualität. Sie ist das urtümliche Reich der Lebenskraft, die zwar verfeinert, sublimiert werden kann, aber dadurch zugleich die Vitalität des kulturell gezähmten Menschen einschränkt und ihn zum Neurotiker macht. Freud setzte, was den meisten Interpreten entgangen ist, nicht am Sexualleben unmittelbar an. Sublimieren bedeutete für ihn also nicht eine veränderte Sexualpraktik, sondern eine Verschiebung der Energie auf kulturelle Leistungen.

Die „sexuellen Revolutionen“ im 20. Jahrhundert blieben in diesem Modell der unterdrückten Sexualität befangen. Letztere sollte sich endlich von den Fesseln befreien, sich ungehindert von sozialen Tabus ausleben können. Die Akteure konnten sich auf ein scheinbar zwingendes Argument berufen: Die Unterdrückung der Sexualität mache krank und schwach, das Ausleben emanzipiere von den bürgerlichen Normen und mache gesund und stark. Was bestimmte Vordenker propagiert hatten, etwa in der Lebensreformbewegung um 1900 und dann mit sozialrevolutionärem Elan in der Zwischenkriegszeit, wurde nun in den 1960er und 1970er Jahren zum Evangelium erhoben. Es kam zu einer unreflektierten Neo-Romantik, die der menschlichen Natur gegen den normativen Zwang der Gesellschaft zu ihrem Recht verhelfen wollte. Freilich waren diese Bestrebungen bei genauerem Hinsehen vielmehr der biologistischen Doktrin − etwa im Sinne eines Wilhelm Reich −, als irgendeiner romantischen Naturphilosophie − etwa im Sinne eines Novalis − verpflichtet. Mit anderen Worten: Sex wurde nun in allerlei Spielarten „emanzipatorisch“ praktiziert und war Teil eines mehr oder weniger revolutionären Kampfes, der sich gegen bürgerliche Normen, kapitalistische Zwänge oder gar faschistische „Panzerungen“ richtete. Über dieses Schlachtfeld hatte der menschliche Geist zwar die Oberaufsicht, insofern er das Terrain mit ideologischer Schärfe absteckte, einen direkten Zutritt hatte er jedoch nicht. Denn in das sich quasi automatisch entladende Sexleben sollte er sich keinesfalls einmischen. Denn Sexualität erschien ja per se unterdrückt und sollte sich endlich aus den kulturellen Fesseln befreien.

Mein Essay stellt diese einseitige Auffassung der Sexualität und die aus ihr abgeleiteten Sexualpraktiken in Frage. Er gliedert sich in zwei Abschnitte: Im ersten untersuche ich die traditionelle und letztlich auch heute noch vorherrschende Auffassung von Sexualität, die als Ausdruck einer natürlichen Triebhaftigkeit begriffen wird, deren Spannung in einem biologischen Reflexvorgang aufgelöst werden sollte; im zweiten stelle ich anhand von historischen Zeugnissen dar, wie das Sexualleben möglicherweise durch die „Macht des Geistes“ willkürlich zu einer Quelle von Mitmenschlichkeit und Glück verwandelt werden kann.

Die traditionelle Auffassung von Sexualität als „Trieb der Natur“ erblickte im menschlichen Geist eine Art Zuchtmeister, der die Peitsche schwingen muss, um der sexuellen Unzucht Herr zu werden. Die „sexuellen Revolutionen“ im 20. Jahrhundert haben zwar den Zuchtmeister zurückgepfiffen, aber keine grundsätzlich neue Auffassung von Sexualität als Naturtrieb hervorgebracht, sondern diese eher noch radikalisiert: Befreiend und gesund schien nun die von geistiger Beeinflussung ungehemmt praktizierte Sexualität. Mein Essay verfolgt eine umgekehrte Perspektive. Ich gehe nicht von der (unbestreitbar vorhandenen) Macht des Naturtriebs und seiner unwillkürlichen Physiologie aus, um von dieser Grundlage aus alle weiteren Überlegungen zu entwickeln, sondern von der Macht des menschlichen Geistes, willkürlich in die physiologischen Vorgänge einzugreifen und diese zu modellieren. Selbstverständlich sind geistigen Kräften − wie auch körperlichen − Grenzen gesetzt. Aber wo liegen sie konkret? Wie ernsthaft versucht der einzelne Mensch, diese Grenzen auszuweiten oder sie kontrolliert zu überschreiten?

Mein Essay schildert also einen Perspektivwechsel. Ich scheue mich, diesen großmundig als einen Wechsel von der Natur zum Geist zu deklarieren, da ich mich nicht auf das Feld der gelehrten Philosophie vorwagen möchte. Aber auf meinem eigenen Gebiet der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte gibt es genügend Anhaltspunkte, um einen solchen Perspektivwechsel tatsächlich plausibel zu machen. Ich stütze mich dabei vor allem auf meine Buch „Magie der Natur“, dessen letzten sieben Kapitel unter der Überschrift stehen: „Eros − Liebeszauber zwischen Sex und Mystik“. Mein Essay geht jedoch über die betreffenden Ausführungen hinaus, indem er die Thematik neu strukturiert und thesenartig zuspitzt. Wenn meine Betrachtungen provozierend wirken und zu Diskussionen führen, umso besser.

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