Buchpublikation in Vorbereitung (2017)

Update vom 4.04.2017

PRINTED BOOK NOW AVAILABLE !

 

Der Inhalt dieses Blogs wird demnächst vollständig als Buch erscheinen: in gedruckter Form und zugleich als E-Book, und zwar unter dem Titel:

Himmel oder Hölle

Ansichten zur menschlichen Sexualität.

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Das aufgeklappte Cover des neuen Buchs: in Eigenregie erstellt

Nachdem ich mich lange Zeit bei einer Reihe von Verlagen vergeblich darum bemühte, dieses Buch zum Druck zu bringen, habe ich mich entschlossen, die Publikation selbst in die Hand zu nehmen. Der Verlag BoD — Books on Demand bietet mir die Möglichkeit, ohne Druckkostenbeihilfe zu publizieren. Das ist ein Versuch wert.

Anmerkung:

Ich finde es bedauerlich, dass Bücher mit eigenwilligen Themen und ausgefallenen Formaten bei Verlagen offenbar auf wenig Gegenliebe stoßen. Sind die Zeiten vorbei, als Verleger vor allem „Gesinnungstäter“, und erst in zweiter Linie Betriebwirtschaftler waren? Oder gab es diese Zeiten nie? Merkwürdig, dass sich niemand aus der herkömmlichen Verlagslandschaft für mein Projekt begeistern konnte …

Update vom 21.03.2017:

Das Buch wird in allernächster Zeit über Books on Demand (BoD) veröffentlicht. Hier einige Details:

Format: DIN A5 (14,8×21 cm)

Einband: Paperback

Bindung: Klebebindung

Gesamtseitenzahl: 244 — mit 39 S/W-Abbildungen

Ladenpreis: 8,99 EUR

E-Book-Ladenpreis: 6,99 EUR

E-Book-Aktionspreis: 4,99 EUR — ab Veröffentlichung für 4 Wochen, Ladenpreis 6,99 EUR

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Buchtitel und Vorwort

Heinz Schott

Himmel oder Hölle

Ein Essay über die Sexualität

[Vorschau / Preview]

Vorwort

Lange habe ich nach einem geeigneten Titel für meinen Essay gesucht. Schließlich fiel mir das Spiel „Himmel oder Hölle“ ein. Ich kann mich daran erinnern, dass wir es als Kinder hin und wieder gespielt haben. Dabei wird ein Papier so gefaltet, dass zwei kreuzweise angeordneten Spalten entstehen. Die Wände der einen Spalte werden rot, die der anderen blau gefärbt. Mit einer Handbewegung zeigt er Spieler seinem Gegenüber, der das Papierkunstwerk hält, auf die zu öffenende Spalte. Zeigen sich deren Wände blau, kommt er in den Himmel, zeigen sie sich rot, kommt er in die Hölle. Das Sexualleben, nicht zuletzt in Form der bürgerlichen Ehe, wird häufig als ein Glücksspiel aufgefasst, das dem von „Himmel oder Hölle“ entspricht: Man hat zwar die Wahl, aber was herauskommt ist Zufall − und eher Hölle als Himmel, gängiger Stoff für für Ehedramen und Liebesgeschichten. In Literatur und Kunst ist Sexualität als Ursache gescheiterter Beziehungen, also die „Hölle“, zumeist ein interessanterer Gegenstand als jene Sexualität, die Glück, also den „Himmel“, bedeutet. Dem entspricht die verbreitete Meinung, dass der Mensch sexuellem Begehren und Getriebensein auf Gedeih und Verderb ausgesetzt sei und dieses allenfalls um den Preis seiner Vitalität und Gesundheit unterdrücken könne. Die Vorstellung, dass Sexualität so gelenkt und gemeistert werden kann, dass sie Vitaltiät und Gesundheit steigert, erscheint dagegen weniger populär.

Meine Betrachtungen als Medizinhistoriker resümieren die Ergebnisse langjähriger Forschungen. Erste Überlegungen zur Ideengeschichte der Sexualität stellte ich bereits vor mehr als drei Jahrzehnten an. So eindrucksvoll die psychoanalytisch inspirierten Sexualtheorien und davon abgeleitete Sexualpraktiken damals in den studentenbewegten Jahren auch waren − vor allem Wilhelm Reich wurde seinerzeit intensiv diskutiert −, so unbefriedigend erschienen sie mir in ihrer geistigen und poetischen Substanz. Eine faszinierende Gegenwelt schienen dagegen utopisch erscheinende Sexualkonzepte zu versprechen, welche die geistige Führung des Geschlechtstriebs propagierten und die man im Allgemeinen der „Sexualmagie“ zuordnet. Insofern scheint mein Ansatz „idealistisch“ zu sein: Er hat hat keine Scheu, Gebiete der Theologie und Mystik zu berühren und den Begriff des Geistes ins Spiel zu bringen.

Dieser Essay lebt von Zitaten und Anspielungen. Deren Quellen müssen selbstverständlich detailliert angegeben werden. Ich habe eine Form gewählt, die den Leser möglichst wenig stören soll, ihm aber bei Bedarf exakte Literaturhinweise im Anhang liefert. Dieses Buch ist kein Gesundheitsratgeber, kann aber gleichwohl eine Orientierung für die Lebensführung geben. Es will auch keinen Beitrag zur Sexualethik liefern, obwohl es voller ethischer Implikationen steckt. Dem Leser bleibt es überlassen, inwieweit er aus dem Gelesenen praktische Konsequenzen für sein eigenes Leben ziehen kann und will. Als Autor möchte ich es mit einem Zitat aus Goethes „Faust“ halten, das auch der Selbstanalytiker Sigmund Freud wie eine Schutzformel in seinem Hauptwerk „Die Traumdeutung“ ins Feld führte:

Das Beste, was du wissen kannst,

Darfst du den Buben doch nicht sagen.“

Bonn, im Frühjahr 2016 Heinz Schott

# Einleitung

Sex, dieses einsilbige Wörtchen mit nur drei Buchstaben, hat im Laufe des 20. Jahrhunderts − man denke an die „Sexbombe“ im klassischen Hollywoodfilm − eine steile Karriere gemacht. Es berührt menschliches Leben schlechthin, wobei wir in unserem Essay von der Sexualität bei Pflanzen und Tieren absehen wollen. „Sex haben“ entspringt wohl dem englischen Ausdruck to have sex und wurde früher mit dem heute altmodischen klingen Ausdruck „Geschlechtsverkehr ausüben“ bezeichnet. Wenn etwas als sexy charakterisiert wird, so hat das gewöhnlich mit Sexualität im engeren Sinne ebenso wenig zu tun wie das inzwischen äußerst beliebte Adjektiv „geil“. In der Regel aber verweist das Wörtchen Sex − zumindest in der heutigen Umgangssprache − auf geschlechtliche Interaktionen zwischen Individuen. Diese können recht verschiedene Formen annehmen und haben auch im Laufe der Menschheitsgeschichte verschiedene Formen angenommen. Sex bedeutet also die konkrete Ausprägung der Sexualität in einem bestimmten sozialhistorischen Kontext.

Die Sexualität gehört zu den schwierigsten Kapiteln der Menschenkunde. So tut sich die medizinisch oder philosophisch ausgerichtete Anthropologie schwer, „Sexualität“ begrifflich zu fassen. Eine Bewertung scheint alle Zeitalter zu überdauern und trotz aller biologischer und psychosozialer Erkenntnisse auch heute noch vorherrschend: Sexualität erscheint als Trieb der Natur und als solcher irrational, von biologischer Gesetzmäßigkeit bestimmt und deshalb vom Verstand kaum beeinflussbar. Dieser Trieb scheint alles überrennen zu wollen, was ihm im Wege steht, und sich wie ein Herrscher in seinem Reich aufzuführen. Hier stellt sich dann die Frage: Bedeutet Sexualität ein Sperrgebiet für den menschlichen Geist? Gleicht jene nicht einem verminten Schlachtfeld, auf dem dieser letztlich verloren ist, wenn er es betritt?

Merkwürdigerweise wurden und werden diese Fragen in letzter Konsequenz bejaht. Der Geschlechtstrieb wurde traditionell dem dunklen und gefährlichen Unterleib des Menschen zugeordnet, dort, wo der Teufel eine Eintrittspforten finden konnte, während Geist, Verstand, Vernunft im hellen Oberleib, insbesondere Herz und Hirn, lokalisiert wurden. Diesem gefährlichen Feind im Unterleib galt es Paroli zu bieten, ihn zu bändigen und in seine Schranken zu weisen. Selbst Sigmund Freud bediente sich noch dieses Modells, um seine spezielle Neurosenlehre aus der Sexuallehre abzuleiten: Zum Aufbau und zur Erhaltung der Kultur hatte der Mensch seine Sexualität zu unterdrücken. Dies aber führte zu seiner unauflösbaren Tragik: seiner Neurose, die darin bestand, dass sich der Sexualtrieb eben nicht besiegen ließ und nur mühsam in Schach gehalten werden konnte − um den Preis neurotischer Krankheitssymptome. Freilich war Freud im Gegensatz zu fast allen seiner Anhänger raffiniert genug, um dieses einfache Unterdrückungsmodell zu verflüssigen: Der Geschlechtstrieb, die „Libido“ oder Sexualenergie konnte sublimiert werden, ließ sich also in kulturelle Leistung verwandeln. Die „Sublimierung“ spielte metaphorisch auf die alchemistischen Stoffverwandlung und -veredlung an. Doch auch dieser Begriff der Sublimierung bestätigt letztlich die traditionelle Auffassung von Sexualität. Sie ist das urtümliche Reich der Lebenskraft, die zwar verfeinert, sublimiert werden kann, aber dadurch zugleich die Vitalität des kulturell gezähmten Menschen einschränkt und ihn zum Neurotiker macht. Freud setzte, was den meisten Interpreten entgangen ist, nicht am Sexualleben unmittelbar an. Sublimieren bedeutete für ihn also nicht eine veränderte Sexualpraktik, sondern eine Verschiebung der Energie auf kulturelle Leistungen.

Die „sexuellen Revolutionen“ im 20. Jahrhundert blieben in diesem Modell der unterdrückten Sexualität befangen. Letztere sollte sich endlich von den Fesseln befreien, sich ungehindert von sozialen Tabus ausleben können. Die Akteure konnten sich auf ein scheinbar zwingendes Argument berufen: Die Unterdrückung der Sexualität mache krank und schwach, das Ausleben emanzipiere von den bürgerlichen Normen und mache gesund und stark. Was bestimmte Vordenker propagiert hatten, etwa in der Lebensreformbewegung um 1900 und dann mit sozialrevolutionärem Elan in der Zwischenkriegszeit, wurde nun in den 1960er und 1970er Jahren zum Evangelium erhoben. Es kam zu einer unreflektierten Neo-Romantik, die der menschlichen Natur gegen den normativen Zwang der Gesellschaft zu ihrem Recht verhelfen wollte. Freilich waren diese Bestrebungen bei genauerem Hinsehen vielmehr der biologistischen Doktrin − etwa im Sinne eines Wilhelm Reich −, als irgendeiner romantischen Naturphilosophie − etwa im Sinne eines Novalis − verpflichtet. Mit anderen Worten: Sex wurde nun in allerlei Spielarten „emanzipatorisch“ praktiziert und war Teil eines mehr oder weniger revolutionären Kampfes, der sich gegen bürgerliche Normen, kapitalistische Zwänge oder gar faschistische „Panzerungen“ richtete. Über dieses Schlachtfeld hatte der menschliche Geist zwar die Oberaufsicht, insofern er das Terrain mit ideologischer Schärfe absteckte, einen direkten Zutritt hatte er jedoch nicht. Denn in das sich quasi automatisch entladende Sexleben sollte er sich keinesfalls einmischen. Denn Sexualität erschien ja per se unterdrückt und sollte sich endlich aus den kulturellen Fesseln befreien.

Mein Essay stellt diese einseitige Auffassung der Sexualität und die aus ihr abgeleiteten Sexualpraktiken in Frage. Er gliedert sich in zwei Abschnitte: Im ersten untersuche ich die traditionelle und letztlich auch heute noch vorherrschende Auffassung von Sexualität, die als Ausdruck einer natürlichen Triebhaftigkeit begriffen wird, deren Spannung in einem biologischen Reflexvorgang aufgelöst werden sollte; im zweiten stelle ich anhand von historischen Zeugnissen dar, wie das Sexualleben möglicherweise durch die „Macht des Geistes“ willkürlich zu einer Quelle von Mitmenschlichkeit und Glück verwandelt werden kann.

Die traditionelle Auffassung von Sexualität als „Trieb der Natur“ erblickte im menschlichen Geist eine Art Zuchtmeister, der die Peitsche schwingen muss, um der sexuellen Unzucht Herr zu werden. Die „sexuellen Revolutionen“ im 20. Jahrhundert haben zwar den Zuchtmeister zurückgepfiffen, aber keine grundsätzlich neue Auffassung von Sexualität als Naturtrieb hervorgebracht, sondern diese eher noch radikalisiert: Befreiend und gesund schien nun die von geistiger Beeinflussung ungehemmt praktizierte Sexualität. Mein Essay verfolgt eine umgekehrte Perspektive. Ich gehe nicht von der (unbestreitbar vorhandenen) Macht des Naturtriebs und seiner unwillkürlichen Physiologie aus, um von dieser Grundlage aus alle weiteren Überlegungen zu entwickeln, sondern von der Macht des menschlichen Geistes, willkürlich in die physiologischen Vorgänge einzugreifen und diese zu modellieren. Selbstverständlich sind geistigen Kräften − wie auch körperlichen − Grenzen gesetzt. Aber wo liegen sie konkret? Wie ernsthaft versucht der einzelne Mensch, diese Grenzen auszuweiten oder sie kontrolliert zu überschreiten?

Mein Essay schildert also einen Perspektivwechsel. Ich scheue mich, diesen großmundig als einen Wechsel von der Natur zum Geist zu deklarieren, da ich mich nicht auf das Feld der gelehrten Philosophie vorwagen möchte. Aber auf meinem eigenen Gebiet der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte gibt es genügend Anhaltspunkte, um einen solchen Perspektivwechsel tatsächlich plausibel zu machen. Ich stütze mich dabei vor allem auf meine Buch „Magie der Natur“, dessen letzten sieben Kapitel unter der Überschrift stehen: „Eros − Liebeszauber zwischen Sex und Mystik“. Mein Essay geht jedoch über die betreffenden Ausführungen hinaus, indem er die Thematik neu strukturiert und thesenartig zuspitzt. Wenn meine Betrachtungen provozierend wirken und zu Diskussionen führen, umso besser.

# 1. Kap. Geschlechtstrieb: Der gefährliche „Trieb der Natur“

Bevor der Begriff der Sexualität im 19. Jahrhundert allgemein in die medizinische Terminologie eingeführt wurde − von einer „Sexualität der Pflanzen“ ist in der Botanik schon um 1700 die Rede −1, sprach man von „Naturtrieben“ oder „Naturinstinkten“ und unterschied dabei zwischen den von Gott gewollten und den widernatürlichen, sündhaften. Bereits in der frühen Neuzeit wurde somit das Raster für die moderne Einteilung in normales und pathologisches Sexualleben vorgegeben. Was als normal galt, wurde mit der von Gott gegebenen „Natur“ und ab dem 19. Jahrhundert zunehmend mit der von den biologischen Naturgesetzen abgeleiteten „Physiologie“ begründet. Mit dem Degenerationsgedanken und der rassenbiologisch argumentierenden Zivilisationskritik am Fin de siècle breitete sich ein moderner Topos der medizinischen Anthropologie aus: Die Zivilisation mache krank und stelle selbst eine Krankheit dar. Nietzsche und Freud spitzten diesen Topos auf ihre je eigene Weise zu. Ersterer erblickte in der Unterdrückung der physiologischen Lebendigkeit durch die „asketischen Priester“ die Ursache für die „moderne Krankheit“ schlechthin, Letzterer machte die Unterdrückung der Sexualtriebe durch kulturelle Verbote für die alle Menschen betreffende „Neurose“ verantwortlich. Beide Ansätze begriffen Krankheit nicht als eine pathologische Normabweichung von der gesunden Normalität, sondern behaupteten, dass alle Menschen mehr oder weniger krank seien und sich in ihrer Symptomatik nur graduell voneinander unterscheiden würden. Man befand sich eben im „Zeitalter der Nervosität“.2

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1 Rudolf Jacob [Rudolphus Jacobus] Camerarius: De sexu plantarum epistola. Tübingen, 1694.

2 Joachim Radkau: Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler. München […]: Hanser, 1998.

 

1. Kap./1* Der Unterschied der Geschlechter: Natürliches und perverses Sexualleben

In der frühen Neuzeit wurde das, was man ab dem 19. Jahrhundert als „Sexualität“ oder „Sexualleben“ bezeichnete, zumeist unter „Natur-Trieb“ oder „Trieb der Natur“ abgehandelt. In Zedlers Universallexikon, dem enzyklopädischen Standardwerk des 18. Jahrhunderts, ist von einem speziellen „Lust-Trieb“ die Rede, den man nicht per se verpönte, sondern in gewissen Schranken als zweckvolle Sonderform akzeptierte.1 Interessant sind die lateinischen Synonyme zu „Natur-Triebe“ oder „Triebe der Natur“: instinctus naturae, stimuli naturae oder auch – nach dem Sprachgebrauch der Stoiker – prima naturalia. Gott habe gewollt, dass der Mensch nicht nur erhalten werde, sondern auch „unter sich vergnügt und ruhig leben“ solle. So habe er dem Menschen drei unterschiedliche „Lust-Triebe“ gegeben: den Lust-Trieb zu essen, zu trinken und zu schlafen; sodann den, Kinder zu erzeugen, zu lieben und zu erziehen; und schließlich den Lust-Trieb „die Wahrheit zu erfinden“ und „sich untereinander zu lieben“. Diesen gottgefälligen natürlichen Lust-Trieben werden andere Lust-Triebe gegenübergestellt, die zwar auch natürlich, aber nicht gottgefällig seien und sich erst nach dem Sündenfall eingestellt hätten, wie „Schaden-Froh“, „Ehr-Geitz“ und „Geld-Geitz“. Da die Menschen den natürlichen, d. h. göttlichen Zweck der Lust-Triebe aus den Augen verloren hätten, seien sie zu „schändlicher Wollust, Hurerey, Völlerey und dergleichen“ verkommen. Daraus ergibt sich die Leitlinie, dass man den Lust-Trieben nur „mit gehöriger Mäßigung“ nachhängen dürfe.

Diese Leitlinie der Mäßigung der Triebe und der Wollust im Sinne einer natürlichen Lebensordnung und gesunden Lebensführung wurde um 1800 von Christoph Wilhelm Hufeland, dem berühmten Arzt der Goethezeit, am wirkungsvollsten vertreten. Typisch für die von der Aufklärung bestimmte Einstellung gegenüber den zu bändigenden Trieben sind auch die Ausführungen des Leipziger Philosophen Karl Heinrich Heydenreich. Er geißelte die Entkoppelung des Geschlechtstriebes von der Vernunft, was „Wollüstlinge“ und „entartete Wesen“ hervorbringe.2 Seine Klage war typisch für seine Zeit: „woher denn die ungeheure Schaar der jungen Wollüstlinge unsrer Zeit, woher die zahllosen unzeitigen Geburten von Männern, die […] Debauche [ausschweifendes Gelage] und thierische Lust zu ihrem Systeme gemacht haben?“ Er beklagte das Hervortreten des „Thieres im Menschen“ und sah eine tödliche Gefahr für die menschliche Gattung, wenn der Geschlechtstrieb missbraucht und „unnatürlich“ befriedigt werde. Die einzige zulässige Form der Befriedigung dieses Triebes erblickte er „in einem wohleingerichteten häuslichen Leben“ zum pflichtgemäßen Zwecke einer geglückten Fortpflanzung. Das Verderben der gegenwärtigen Gesellschaft liege darin, den „heiligen Trieb der Natur“ nur zu einem frivolen Spiele zu missbrauchen. Der Geschlechtstrieb sei „zu einem Spielwerke für unsere spaßhafte Laune“ gemacht, „mehr und mehr verunedelt“ worden. Der Autor ging von einem natürlichen Kontrast zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht aus. Die Frauen hätten ihre häuslichen Pflichten zu erfüllen: „sie dienen dann eben so treu der Natur, und haben so viel Verdienst, als der Mann, wenn er für den Staat kämpft oder einen Planeten entdeckt.“

Die normative Vorgabe war eindeutig, Abweichungen von der Geschlechterrolle konnten klar definiert werden: Es gebe „eine Menge Carrikaturen [sic] oder wohl gar förmlicher Unwesen“. Eine solche „Geschlechtskarrikatur [sic]“ sei „ein weibischer Mann und ein männisches Weib“. Obwohl Heydenreich Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht auf den sich gerade entfaltenden Mesmerismus einging und stattdessen auf die „Einbildungskraft“ abhob, enthielt seine Darstellung der Geschlechterbeziehung Momente des animalischen Magnetismus, insbesondere die Vorstellung von Verschmelzung und Sympathie. Durch die Einbildungskraft „verschmelzen in den schönen Momenten der Sympathie Mann und Weib, und Weib und Mann in ein ander; sie vermittelt es, daß ihre Wesen sich identificiren, daß sie geistig Eins sind, daß im Ich das Du, und im Du das Ich liegt.“ Der Autor endete in zerrütteten Verhältnissen, das von ihm beschworene häusliche Lebens- und Liebesglück blieb ihm selbst versagt.

Um 1900 wurde die Sexualität wissenschaftlich erforscht und wurde physiologisch als Naturvorgang im menschlichen Organismus aufgefasst, der nach biologischen Gesetzen abläuft. Anders ausgedrückt: Sex wurde naturalisiert oder biologisiert und somit zum Gegenstand der naturwissenschaftlichen Betrachtung. Diese wurde in der Medizin zum Maßstab für alle Bewertungen des Sexuallebens und alle therapeutischen Maßnahmen, seine Störungen zu beheben und pathologische Abweichungen zu bekämpfen. Die Naturalisierung der Erotik, das heißt die Reduktion der Geschlechterrollen auf die biologisch fixierten Unterschiede, war gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einem Hauptwerk der neu entstehenden Sexualmedizin bzw. Sexualwissenschaft mustergültig zu beobachten. Der Wiener Psychiater Richard von Krafft-Ebing definierte in seinem einflussreichen Werk „Psychopathia sexualis“ den Natur-Trieb in seinen geschlechtsspezifischen Varianten lapidar: „Ohne Zweifel hat der Mann ein lebhafteres geschlechtliches Bedürfniss als das Weib. Folge leistend einem mächtigen Naturtrieb, begehrt er von einem gewissen Alter an ein Weib. […] Dem mächtigen Drange der Natur folgend, ist er aggressiv und stürmisch in seiner Liebeswerbung.“3 Anders sei das Weib veranlagt. „Ist es geistig normal entwickelt und wohlerzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein geringes. Wäre dem nicht so, müsste die ganze Welt ein Bordell und Ehe und Familie undenkbar sein. Jedenfalls sind der Mann, der das Weib flieht, und das Weib, welches dem Geschlechtsgenusse nachgeht, abnorme Erscheinungen.“ Somit unterscheide sich das Weib in der Wahl des Lebensgefährten fundamental vom Mann: Des Weibes „seelische Richtung“ sei „eine monogame, während der Mann zur Polygamie hinneigt.“

Für Krafft-Ebing war die stärkste Wurzel der Liebe die Sinnlichkeit und die Platonische Liebe galt ihm als „ein Unding, eine Selbsttäuschung“. Da die Liebe also sinnliches Verlangen voraussetze, sei sie „normaliter nur denkbar zwischen geschlechtsverschiedenen und zu geschlechtlichem Verkehr fähigen Individuen. Fehlen diese Bedingungen, so tritt an die Stelle der Liebe die Freundschaft.“ Krafft-Ebing hing der in der damaligen Psychiatrie vorherrschenden Theorie an, dass alle geistigen und seelischen Störungen durch pathologische Hirnprozesse verursacht seien und dass es die Aufgabe der Hirnforschung sei, die entsprechenden Funktionen bzw. Funktionsstörungen im Gehirn zu lokalisieren. In dieser Perspektive der „Gehirnpsychiatrie“, wie sie dann in der Medizingeschichtsschreibung genannt wurde, formulierte er lapidar: „Der Sexualtrieb als Fühlen, Vorstellung und Drang ist eine Leistung der Hirnrinde. Ein Territorium in dieser, das ausschliesslich sexuale Empfindungen und Dränge vermittelte (Centrum des Geschlechtssinns), ist bis jetzt nicht nachgewiesen.“

Diese normative Fixierung des „naturgemäßen“ Sexualverhaltens war unerbittlich, wie Krafft-Ebing als führende Autorität auf diesem Gebiet verkündete. Alles, was sich diesem Sexualverhalten nicht fügte, galt als eine „Perversion“: „Als pervers muss – bei gebotener Gelegenheit zu naturgemässer geschlechtlicher Befriedigung – jede Aeusserung des Geschlechtstriebs erklärt werden, die nicht den Zwecken der Natur, i. e. der Fortpflanzung entspricht.“ Dies betraf vor allem die Homosexualität oder „conträre Sexualempfindung“. Das Erstaunliche sei, dass – anders als beim Zwitter – „vollkommen differenzierte Zeugungsorgane“ vorhanden seien, „so dass also, gleichwie bei allen krankhaften Perversionen des Sexuallebens, die Ursache im Gehirn gesucht werden muss (Androgynie und Gynandrie).“ Homosexualität gehörte also demnach ebenfalls zu den „Gehirnkrankheiten“. Die homosexuelle Einstellung, „diese eigenartige Geschlechtsempfindung“, erschien Krafft-Ebing als „ein funktionelles Degenerationszeichen und als Theilerscheinung eines neuro(psycho)pathischen, meist hereditär bedingten Zustands“. Vielfach lasse sich dieser Zustand auch durch „anatomische Entartungszeichen“ bemerken, fast immer sei „Neurasthenie“ nachweisbar. „Geweckt und unterhalten wird sie durch Masturbation oder durch erzwungene Abstinenz“, sodass sich eine „Neurasthenia sexualis“ ausbilde, die sich „in reizbarer Schwäche des Ejaculationscentrums“ kundgebe.

Die Ärzte im ausgehenden 19. Jahrhundert fühlten sich nicht weniger zur Volksbelehrung und Volkserziehung berufen wie ihre Vorgänger unter dem Einfluss der Aufklärung 100 Jahre zuvor. Dies galt vor allem für die Psychiater, die es als ihre politische Mission ansahen, gegen Alkoholismus, Degeneration, Sittenverfall (auch in politischer Hinsicht) sowie sexuelle Unarten und Perversionen zu Felde zu ziehen. Positive Vorbilder des richtigen, d. h. naturgemäßen Lebens sollten in der Öffentlichkeit für eine vernünftige Lebensführung gerade auf dem Gebiet des Geschlechtslebens werben. Paradigmatisch für dieses Vorhaben war das umfangreiche Werk „Die sexuelle Frage“ des Zürcher Psychiaters Auguste Forel.4 Als volkstümliches Aufklärungsbuch und Gesundheitsratgeber erlebte es seit seinem Erscheinen 1905 in knapp vier Jahrzehnten zahlreiche Auflagen. Im Geiste des ausgehenden 19. Jahrhunderts verschmolz Forel alle maßgeblichen Strömungen der Zeit zu einem klaren Plädoyer für die „Einführung des biologisch-wissenschaftlichen Geistes […] in den Massen der Menschheit“. So stützte er seine Argumentation auf Fortpflanzungsbiologie, Evolutionslehre, Ethnologie, sexuelle Psychopathologie, Suggestionslehre, soziale und politökonomische Verhältnisse, Sexualhygiene und last but not least auch auf sozial- und sexualreformerische Ideen, wie etwa die „sozialrechtliche Gleichstellung der Frau“. Der Mann dürfe Frau und Kinder eben nicht als „Besitz oder als Naturgegenstände“ betrachten. Er wandte sich also dagegen, die von ihm durchweg betonten natürlichen bzw. biologischen Geschlechtsunterschiede zur Legitimation sozialer Ungleichheit heranzuziehen.

Der Geschlechtstrieb war auch für Forel primär ein Naturtrieb zum Zwecke der Fortpflanzung. Naturtriebe aber seien „tiefererbte Instinkte, die weit in die Stammesgeschichte unserer Tierahnen zurückreichen.“ So gehöre die geschlechtliche Liebe des Menschen zur „Großhirnseele“ und beruhe auf „einer sekundären Ausstrahlung des tierischen Sexualtriebes“. Damit kehrte Forel – entgegen seiner sozialreformerischen Ideen – wieder zur klassischen Rollenzuschreibung zurück, die offenbar biologisch ein für alle Mal im sexuellen Rollenverhalten fixiert zu sein schien: der aktive Mann gegenüber der passiven Frau. „Beim Mann, als dem aktiven Teil im Begattungsakt, ist die direkte sexuelle Begierde, d. h. die Begierde zum Koitus, zunächst am stärksten. Sie entwickelt sich auch bei ihm am spontansten, denn seine Rolle bei der Begattung ist ja seine wichtigste sexuelle Betätigung. Auch strahlt dieselbe gewaltig in sein Seelenleben herein, obwohl sie darin eine viel geringere Rolle spielt als beim Weibe.“ Demgegenüber unterschied sich in den Augen Forels die Frau beim Geschlechtsakt wesentlich vom Mann, „nicht nur durch die ihr zufallende natürliche Passivität bei der Begattung, sondern durch das Fehlen des Vorganges der Samenentleerung.“ Immerhin gestand er der Frau einen gewissen analogen Vorgang zu. Zwar gebe es bei ihr keine Anhäufung von Samen, aber doch „im Zentralnervensystem eine Art Ansammlung des libidinösen Triebes bei längerer Enthaltung.“ Die biologischen Unterschiede bestimmten in dieser Sicht die unterschiedlichen Verhaltensweisen. So mache die geringere Körperkraft und -größe der Frau, „verbunden mit ihrer passiven Rolle bei der Begattung, […] die Sehnsucht nach einer kräftigen Stütze infolge einer natürlichen Anpassung durchaus erklärlich.“ Und schließlich der Schlüsselsatz in diesem Zusammenhang: „Im allgemeinen sind die Frauen noch größere Sklavinnen ihrer Instinkte und Gewohnheiten als die Männer.“

Das Ausleben des Geschlechtstriebs sollte vor allem eugenischen Zielen nicht widersprechen. Um diesen gerecht zu werden, wurden sogar gewisse Perversionen in Kauf genommen. So war die „Sodomie“ oder „Bestialität“, der sexuelle Umgang mit Tieren, in den Augen Forels „eine der harmlosesten Formen der pathologischen Verirrungen des Sexualtriebs“. Denn es werde beim Geschlechtsverkehr mit großen Tieren niemand geschädigt und keine Nachkommenschaft oder Infektion riskiert. „Es ist für die menschliche Gesellschaft wohl doch besser, wenn ein Idiot oder ein Schwachsinniger sich an einer Kuh sexuell vergeht, als wenn er ein Mädchen schwängert und für Weitererzeugung von Idioten sorgt; die Kuh frißt gemütlich weiter und alles bleibt beim alten.“

Forels „utopische Gedanken über die Zukunftsehe“ am Ende seines Werkes enthalten lebenspraktische Ratschläge. Diese kreisen um zwei Techniken. Einerseits um die „Kunst, lange zu lieben“, sozusagen um eine erotische Variante von Hufelands „Makrobiotik“. Hierbei ging es dem Autor vor allem um das Problem, wie „verirrte Liebesleidenschaft in das Ehebett zurückgeleitet“ werden kann – durch „geistige“ oder „höhere Liebe“, welche die sexuelle zu begleiten habe. Andererseits sollte die Kunst der Ablenkung hierzu dienen: „Die Arbeit sowie die Verfolgung sozialer Lebensideale sind und bleiben die gesündeste Ablenkung für den Geschlechtstrieb. Müßiggang, Luxus und großstädtische Sittenkorruption sind es besonders, die den Geschlechtstrieb durch einseitige Züchtung als Selbstzweck zur individuellen Entartung führen, wie man es bei den Helden beider Geschlechter in modernen Romanen sieht. Außerdem frischt die Arbeit die Liebe auf und läßt zum Ehestreit wenig Zeit.“ Forels Plädoyer für „Arbeit“ erscheint hier als ein sexualpädagogisches Analogon zu Sebastian Kneipps „Abhärtung“ durch die Kaltwasserkur. Es kam am Fin de siècle zu einer Liaison zwischen Psychiatern und Naturheilkundlern, schienen doch die die Methoden der Naturheilkunde und insbesondere Badekuren die allenthalben vermutete „Nervenschwäche“ (Neurasthenie) beheben zu können.

Forels großes Aufklärungsbuch liest sich wie ein Kompendium der Sexualwissenschaft unter dem Vorzeichen des Biologismus und seiner sozialhygienischen (rassenhygienischen) Zielsetzung, den „Verfall unserer Rasse“ nicht tatenlos hinzunehmen. Der Geschlechtstrieb wurde in dieser Perspektive als Naturtrieb evolutionsbiologisch begriffen. Als eingeborenen Instinkt konnte man ihn nur mit psychologischen oder geistigen Mitteln in Schach halten und idealer Weise durch „Arbeit“ von ihm ablenken. Die romantische Idee, Sexualität mit kosmischen oder religiösen Weiterungen in Beziehung zu setzen, lag Forel und seiner Generation fern.

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1 Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon […]. 64 Bde., 4 Supplementbände. Halle; Leipzig: Zedler, 1732-1754; Bd. 23 (1740): Sp. 1225 f.

2 Karl Heinrich Heydenreich: Mann und Weib, ein Beytrag über die Geschlechter. Leipzig: Martini, 1798: S. 2-4, 11, 27, 100, 102, 38.

3 Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia Sexualis mit besonderer Berücksichtigung der conträren Sexualempfindung. Eine klinisch-forensische Studie. 9. verbesserte u. theilweise vermehrte Aufl. Stuttgart: Enke, 1894 [Erstaufl. 1886]: S. 14, 15, 13, 24, 56, 231- 234.

4 Auguste Forel: Die sexuelle Frage. 17. Aufl. Zürich: Rascher, 1942. [1. Aufl. München: Reinhardt, 1905]: S. 435, 325, 70-72, 87-89, 229, 445-455.

# 2. Kap. Normierungen der Sexualwissenschaft und Sexualmedizin

Erst im 20. Jahrhundert wurden die Termini Sexualwissenschaft und Sexualmedizin geprägt. Selbstverständlich bezog die Medizin zu allen Zeiten die Sexualität und ihre Störungen in ihre theoretischen Konzepte und praktischen Behandlungsmethoden ein, wenngleich nicht unter dieser Bezeichnung. Wahrscheinlich treten auf keinem anderen Gebiet Menschenbild und Krankheitsverständnis der Medizin so plastisch in Erscheinung wie hier. Auch wenn sich die gegenwärtige Sexualmedizin explizit auf die Kulturgeschichte beruft und auf die kulturabhängigen Konstruktionen des Sexuellen verweist, bleibt sie – angereichert durch soziologische und psychologische Aspekte – in der Bahn des biomedizinischen Denkens. So vertritt sie ein „biopsychosoziales Modell des Sexuellen“, das zunächst in der Psychosomatik entwickelt wurde.1 Die stark veränderten Formen der Sexualität und ihrer jeweiligen wissenschaftlichen und sozialen Bewertung springen ins Auge. Beispielhaft lässt sich dies an der „Konstruktion des Masturbierens“ oder der „Konstruktion der weiblichen Sexualität“ Ende des 19. Jahrhunderts im Vergleich zur Situation Ende des 20. Jahrhunderts aufzeigen. Die Masturbation verwandelte sich von der in jeder Hinsicht überaus gefährlich eingeschätzten „Selbstbefleckung“ zur durchweg als harmlos eingestuften und in gewisser Hinsicht sogar gesunden „Selbstbefriedigung“; die weibliche Sexualität verwandelte sich von der pflichtgemäßen Ausübung des Koitus mit dem Ehemann zu einer Variabilität der sexuellen Betätigung auch in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften. Es hat den Anschein, als bedeuteten die heutigen „Konstruktionen“ einen wahrhaften Fortschritt des humanen Sexuallebens im Einklang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen, eine gelungene „Enttabuisierung der Sexualsphäre“.2 Dennoch sind Zweifel angebracht, wenn wir die heute gängige Gegenüberstellung von normaler und pathologischer Sexualfunktion und die damit verbundenen Gesundheitsvorstellungen und Leistungsnormen ins Auge fassen.

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1   Klaus M. Beier / Hartmut A.G.Bosinski / Kurt Loewit: Sexualmedizin. Grundlagen und Praxis. 2., völlig neu bearb. u. erw. Aufl. München; Jena: Urban & Fischer, 2005: S. 30-32.

2 Rudolf Kaden: „Einleitung“ zu Rudolf Kaden (Hg.): Allgemeine Pathologie der Sexualfunktionen. Störungen der Reproduktion und der Kohabitation. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 1980: S. 15-17.

2. Kap./1* Geschlechtsverkehr als Therapeutikum

Schon in der Antike wurde bei bestimmten Erkrankungen der Geschlechtsverkehr und beim weiblichen Geschlecht insbesondere die Schwangerschaft als ein Therapeutikum angesehen. Die theoretische Grundlage hierfür boten Humoralpathologie und Diätetik als Lehre von der gesunden Lebensführung. Der harmonische Ausgleich der Säfte, Kräfte und Affekte, das Mittelmaß im Alltagsleben, die Pflege eines wohltemperierten Körpers waren zielführend. Die sich ständig neu bildenden Körpersäfte sollten im natürlichen Lebensrhythmus ausgeleitet werden. Deren Zurückhaltung oder „Retention“ galt als pathogen. Normalerweise half sich die Natur selbst. Als Beispiele hierfür galten die Menstruation der Frau und – analog hierzu gedacht – die Hämorrhoidalblutung des Mannes. Auch die Samenflüssigkeit als Besonderheit des Kardinalsaftes „Schleim“ wurde entsprechend stark beachtet. Nach dem Corpus hippocraticum und nach Galen verfügte auch die Frau über Samen, deren Entleerung in bestimmten Zeitabständen als eine gesunde Reinigung des Körpers angesehen wurde.1 Die Schlussfolgerung war einfach: Wer sich vom Koitus fernhalte, laufe Gefahr, dass sich die Genitalflüssigkeiten im Unterleib anstauten und zu schweren Krankheiten führten. Nach der hippokratischen Lehre wurde der Uterus durch den Beischlaf vom Mann angefeuchtet und bekam so seine natürliche Schwere. Beim Ausfall des Koitus würde der Uterus austrocknen, leichter werden und dann wie ein Tier im Körper umherwandern und schließlich auch zur „hysterischen Erstickung“ (suffocatio uteri) führen, wenn er auf die im Bauch vermutete Atmungsbahn drücke. Die hippokratischen Ärzte empfahlen deshalb Beischlaf und Heirat, um den Uterus durch Koitus bzw. Schwangerschaft zu beschweren und am Umherwandern zu hindern.

Zudem nahm man an, dass sich die angestaute Sexualflüssigkeit krankhaft verändern würde. Deshalb war therapeutisch die künstliche Entleerung bzw. die Einschränkung der betreffenden Flüssigkeitsproduktion angesagt. Die klassische ärztliche Empfehlung bei Samenverhaltung war der Koitus. Konnte dieser aus welchen Gründen auch immer nicht vollzogen werden, wurde – wie bei Galen, Rhazes und anderen medizinischen Autoritäten zu lesen ist – de facto zur Onanie bzw. Masturbation durch eine andere Person geraten. So wurden Vulva oder Muttermund mit Ölen eingerieben, um einen „Samenerguß“ wie bei einem Koitus herbeizuführen. Analoges galt für den Mann. Die regelmäßige Samenentleerung sollte durch Onanie oder Beischlaf erzielt werden. Doch nicht nur die Entleerung angestauter und verderblicher Genitalsäfte sollte heilsam sein. Sie sollte auch bei anderen Krankheiten helfen und den betreffenden Organismus allgemein stärken, Pollutionen verhindern und den Appetit steigern. Der Beischlaf galt sogar als regelrechtes Heilmittel bei einer Reihe von schweren Krankheiten wie u. a. Melancholie, Epilepsie und Phthise (Schwindsucht), eine Idee, die in der Entstehungszeit der „Irrenheilkunde“ teilweise noch lebendig war (siehe unten). Jedenfalls war er ein wesentliches Moment der antiken Diätetik und wurde auch von dem griechischen Arzt Soranos von Ephesos im ersten nachchristlichen Jahrhundert in seiner Abhandlung über die Frauenkrankheiten entsprechend thematisiert. Zwar sei „die beständige Bewahrung der Jungfrauschaft für beide Geschlechter gesund“, da der Koitus als solcher schädlich sei, aber zur Erzeugung des Nachwuchses sei er unvermeidlich.2 Da der Mann nur Samen entleere, die Frau aber auch Samen „als Grundstoff zu einem neuen Geschöpfe“ aufnehme, sei der richtige Zeitpunkt der Defloration bzw. Verheiratung entscheidend. Sie sollten dann geschehen, wenn die Gebärmutter voll entwickelt sei, aber auch nicht viel später.

Ein besonderes medizinisches wie moralisches Problem warf das Keuschheitsgelübde (Zölibat) auf, das vor allem für Priester der römisch-katholischen Kirche verpflichtend war (und bis heute ist). So setzte sich der spätmittelalterliche Theologe und Mainzer Domprediger Johann von Wesel mit der Frage auseinander, ob Mönche wegen des Keuschheitsgelübdes an der Zersetzung des Samens leiden könnten. Sein Standpunkt lehnte sich an die medizinische Lehrmeinung an: Der göttliche Wille wolle die Reinigung der Natur, deshalb sei unwillentliche Samenentleerung keine Sünde. Wenn der menschliche Wille, der mit dem göttlichen übereinstimmen sollte, „nichts zur Fleischeslust tut noch in sie einwilligt, so kann er eine Reinigung wollen, welche für die durch Samenverhaltung gequälte Natur heilsam ist, auch wenn die Reinigung von vornherein, gleichzeitig oder in Folge mit Fleischeslust erfolgt“. So werde das Lustgefühl „im vorliegenden Fall ohne Sünde sein.“ Unter dieser Voraussetzung könne ein solcher Mensch „seinen Körper von der Infektion des verdorbenen Samens […] mithilfe der Medizin sei es prophylaktisch oder therapeutisch heilen.“ Freilich findet sich bei Johann von Wesel keine explizite Empfehlung des Koitus oder der Onanie.

Gerade die Ärzte um 1800 gaben im Geiste der Aufklärung entsprechende praktische Ratschläge. So formulierte der Mainzer Medizinprofessor und Mitbegründer des dortigen Jakobinerklubs Georg Wedekind eine Art diätetische Regel für den Koitus von Eheleuten. Auch hier sei das gesunde Mittelmaß gefordert: „Ohne starken Afekt [sic] kann der Coitus nicht statt finden, wenigstens nicht bei den Mannspersonen […]. Zu grose Anstrengung und zu lange Unterhaltung des Afekts schadet. […] Daher, das der Coitus den ledigen Leuten mehr schadet, als verheirateten, weil der Afekt zu vor zu stark ist und gar zu lange dauert, weil das Herz schon zu sehr gezabelt hat, bis endlich die Gelübte Gehör giebt. […] Eheleuten [sic] sollten sich daher billig dran gewönen, den Coitus die Woche 1 oder 2 mal zur bestimmten Zeit zu pflegen, etwa den [sic!] Sontagsmorgens, weil man denn nicht viel drauf arbeitet, und eine Stund darauf schlafen kann. Morgens deswegen, weil der Körper des Abends zu schwach ist, und die Strabaz nicht aushalten kann. […] Alle unnathürliche Lagen und Stellungen fordern eine heftigere Anstrengung beim Coitus und schaden daher, am meisten schadet, stando [im Stehen] das Werk zu verrichten. Man glaubt gewöhnlich, diese gäbe keine Kinder, es ist aber falsch. Hallers Schwiegervater zeigte seine Tochter in einem öffentlichen Auditorium und sagte: hanc stante feci [ich habe sie im Stehen gemacht].“3

Der Hallenser Medizinprofessor Johann Christian Reil subsumierte den Beischlaf unter die psychischen Mittel, um Geisteszerrüttungen zu therapieren. Psychische Mittel würden durch Handlungen, die sie im Nervensystem erregen, auf dieses einwirken und das dynamische Verhältniß des [erkrankten] Seelenorgans wieder in Ordnung bringen.4 Hierzu gehörten Körperrreize, in deren Gefolge thierische Lust entsteht. Zur Erregung eines angenehmen Lebensgefühls empfahl Reil Wein und Mohnsaft, Streicheln und Reiben des Körpers mit der Hand, Anwendung von Wärme, laue Bäder, mäßigen Kitzel, auch die Erregung des thierischen Magnetismus. Das stärkste Gefühl bewirke aber der Genuß des Beischlafs. Reil nahm hier Bezug auf den italienischen Psychiater Vincenzo Chiarugi, der darin ein vorzügliches Heilmittel der Melancholie sah. Männern kann man durch eine öffentliche Dirne, Weibern schwerer genügen, weil sie schwanger werden, und ihr Uebel auf die Frucht forterben können. An sich möchte vielleicht eine Schwangerschaft heilsam seyn, als Ableitungsmittel, und besonders für solche Verrückte, die vor Gram über kinderlose Ehen hysterisch geworden sind. Reil ging von einer merkwürdigen Wechselwirkung zwischen den beiden Polen des Körpers – Kopf und Geschlechtstheile – aus: Erschütterungen des einen Endpunkts durch Beischlaf und Schwangerschaft befreien den entgegengesetzten von Anhäufung. Insofern könne in Verrücktheiten, deren Ursache Geilheit ist, [] der Beschlaf als Heilmittel wirken.

Im Umfeld von Lebensreformbewegung, sich entfaltender Psychoanalyse und Sexualwissenschaft gewannen auch Versuche der psychotherapeutischen Behandlung von Sexualstörungen im frühen 20. Jahrhundert an Boden. Dabei verwischten sich oft die Grenzen zwischen therapeutischer Abstinenz und sexuellem Missbrauch, zulässiger Erziehung und nötigendem Eingriff. Ein illustres Beispiel schilderte ein englischer Universitätsprofessor, der unter dem Pseudonym „P. N. Teulon“ über die spezielle Methode einer „psycho-sexuellen Heilbehandlung“ berichtete, die angeblich ein „alter Freund“, ein praktischer Psychologe, bei einer Patientin angewandt habe.5 Die Vermutung liegt nahe, dass sich hinter dem „alten Freund“ der Autor selbst verbergen wollte. Die Behandlung betraf die „psycho-sexuelle Geschichte eines jungen Mädchens vom 10. bis zum 14. Lebensjahre“. Der „Behandelnde“ oder „Beobachter“, wie der eigenwillige Sexualtherapeut durchweg bezeichnet wird, ging von der These aus, dass „der normale Beischlaf als Angelpunkt des psycho-sexuellen Kräftehaushalts“ stark überschätzt werde und dass die „psycho-sexuelle Spannung“ auch auf andere Weise gelöst werden könne, nämlich durch die „Herbeiführung des Orgasmus durch Masturbation“. Unter Masturbation verstand Teulon nicht die Selbstbefriedigung, sondern die sexuelle Befriedigung mit der Hand durch eine andere Person. Bei dem Mädchen handelte es sich um die älteste Tochter eines Ehepaares. Die Familie wohnte in einem Bauernhaus, das nahe der Unterkunft des Behandlers lag. Sie litt angeblich unter starken Angstträumen und war tagsüber stark verstört. Als sich der Zustand verschlechterte, schlug der selbst ernannte Therapeut vor, zur Beobachtung des Kindes die Nacht in dessen Schlafzimmer zu verbringen, was die Eltern „bereitwillig“ erlaubten. Wie der Behandelnde dann feststellte, litt das Mädchen an „hysterischem Somnambulismus“ und veranstaltete nachts „somnambulistische Pantomimen“. Seine Gebärdenspiele stellten sexuelle Inhalte dar: Schändung, Verführung, Wehe und Geburt sowie Stillen. Der „pantomimische Beischlaf“ in verschiedenen Stellungen gipfelte im Orgasmus. Im Anschluss daran war der Gesichtsausdruck „verklärt“ und zeigte offensichtlich höchste Befriedigung an.

Die „psycho-sexuelle Heilbehandlung“ setzte damit ein, dass der Beobachter während der Anfälle intervenierte: „Er fand, daß ein leichtes Drücken seiner Hand auf den Schamberg oder ein leichtes Streicheln der Innenfläche des Schenkels sie erleichterte oder den Anfall zeitweise zum Stocken brachte.“ Die geschlechtliche Aufklärung des Mädchens wurde vom Behandelnden intensiv betrieben. Unter anderem wies er darauf hin, dass wie wir „zu viel oder zu wenig essen können, können wir auch unseren Geschlechtsdrang zu viel oder zu wenig ausüben.“ Offenbar war er mit dem Diskurs der zeitgenössischen Sexualwissenschaft vertraut, da er die Sexualität der Frau, die bisexuelle Veranlagung des Menschen und die Sublimation sexueller Energie in kulturelle Leistung ansprach. So bleibe „die Macht, sexuelle Kräfte auf nicht-sexuellem Wege zu gebrauchen, eine Vorbedingung für das Hinausentwickeln der Menschheit.“ Die nächste Behandlungsstufe bestand darin, dass das Mädchen im Landhaus des Beobachters nackt neben ihm schlief. Es kam offenbar zu beruhigenden Körperkontakten: „Dieser innige Verkehr entzündete zweifellos in X. eine tiefe und leidenschaftliche Liebe zu dem Beobachter“ im zweiten und dritten Jahr der Behandlung. Die körperliche Beziehung wurde intensiver. Der Beobachter überließ dem Mädchen „seinen Penis (nie erigiert) vor dem Schlafen zum Halten, um Zeit zu sparen und ihr mit Sicherheit die ganze Nacht Ruhe und Schlaf zu verschaffen, was sie sicher ohne diese geschlechtliche Behandlung nicht gehabt hätte.“ Bei unruhigem Schlaf ließ er sie „mit seiner Hand oder seinem Knie zwischen den Schenkeln weiterschlafen.“ Als sich ihr Zustand wieder verschlechterte und sie über Rückenschmerzen klagte, masturbierte sie der Beobachter, „indem er die Innsenseite der Schamlippen mit nassem Finger bestrich, wodurch er den Orgasmus hervorbringen konnte.“ Sie schlief darauf ein und wachte offenbar geheilt auf. Später löste der Beobachter bei Bedarf durch Bestreichen der Brustwarzen oder der Klitoris den Orgasmus aus und konnte so die Anfälle des Mädchens „heilen“.

Schließlich versuchte der Beobachter „die geschlechtliche Erregung in die eigentliche Scheide zu verlegen, ohne dabei die Jungfernhaut, die normal und intakt war, zu zerreißen.“ Erst Monate später habe die Scheide „voll und ganz ohne die Reizung der übrigen Sexualregionen des Körpers“ reagiert. In einer chronologischen Tabelle führte er die „periodischen (monatlichen) Anfälle“ vor der Geschlechtsreife bzw. den Verlauf der schmerzhaften Menstruationen nach deren Eintreten zwischen 1922 und 1924 auf, die durch Masturbation (mit Orgasmus) entweder vom Beobachter „geheilt“ oder von der Patientin „selbst geheilt“ wurden . Der Orgasmus erschien hier als wirksames Heilmittel. Nebenbei merkte der Beobachter an, ähnliches „während der letzten 15 Jahre an vielleicht 40 meist geschlechtsreifen Frauen“ bemerkt zu haben. Dies lässt darauf schließen, dass er seine „psycho-sexuelle Heilbehandlung“, die man als wilde Sexualtherapie bezeichnen könnte, gewissermaßen professionell ausübte. In der hier referierten Fallgeschichte bemühte er sich, den distanzierten „Beobachter“ zu markieren. Trotz aller Versuche, seinen Penis zu reizen, habe das Mädchen keinen Erfolg gehabt, „das widerspenstige Organ“ zur Erektion zu bringen. Schließlich sei ihr dies aber mit der fellatio gelungen. Daraufhin sei sie „sehr glücklich und erleichtert“ und für mehrere Wochen geheilt gewesen. Die Masturbation konnte auch dadurch geschehen, „indem sie die äußerste Spitze des penis [sic] des Beobachters gegen ihre Clitoris rieb. Dabei erigierte sich der Penis bis zu einem gewissen Grade und sie versuchte, die Eichel mit ihrer Hand gegen den Hymen pressend, den Beobachter zu ‚vergewaltigen’“. In einer Nachschrift von 1927 beschrieb er den offenbaren Erfolg seiner Behandlung: Die nunmehr 16jährige sei „ein blühendes, gesundes, strammes Mädchen oder vielmehr ein vollentwickeltes Weib.“ Teulons Bericht beleuchtete ein tabuisiertes Terrain, das in der offiziellen medizinischen und pädagogischen Literatur fast gänzlich ausgeblendet wurde, aber doch von praktischer Relevanz gewesen sein dürfte. Was fand hier wirklich statt? Sexueller Missbrauch eines Kindes, Pädophilie – oder eine bestimmte Form der Sexualtherapie und Sexualerziehung? Lässt sich beides in dem soeben referierten Fall überhaupt klar voneinander abgrenzen?

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1 Günter Elsässer: Ausfall des Coitus als Krankheitsursache in der Medizin des Mittelalters. Berlin: Ebering, 1934 (Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften; H. 3): S. 5, 10-12, 14.

2 Soranus von Ephesus: Die Gynäkologie des Soranus von Ephesus. Geburtshilfe, Frauen- und Kinder-Krankheit, Diätetik der neugeborenen. Übersetzt von H. Lüneburg. Commentirt u. mit Beilagen versehen von J. Ch. Huber. München: Lehmann, 1894 (Bibliothek medicinischer Klassiker; Bd. 1): S. 20, 28 f.

3 Georg Christian Gottlieb Wedekind: Die Diätetikvorlesung von 1789/90. In: Martin Weber: Georg Christian Gottlieb Wedekind : 1761-1831. Werdegang und Schicksal eines Arztes im Zeitalter der Aufklärung und der Französischen Revolution. Mit einem Anhang […]. Stuttgart; New York: G. Fischer, 1988 (Soemmerring-Forschungen; Bd. 4), S.281-416, hier: S.362 f.

4 Johann Christian Reil: Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen. Halle: Curt, 1803: S. 150, 182, 185 f.

5 Teulon, P.N. [Pseudonym]: Psycho-sexuelle Heilbehandlung. Hg. von Werner Zimmermann. Nürnberg; Bern; Leipzig: Zitzmann, 1930: S. 6, 8 , 11 f., 15, 19, 21, 24-26, 32, 37 f., 41, 44, 49, 50, 52. 59.