Buchpublikation in Vorbereitung (2017)

Update vom 4.04.2017

PRINTED BOOK NOW AVAILABLE !

 

Der Inhalt dieses Blogs wird demnächst vollständig als Buch erscheinen: in gedruckter Form und zugleich als E-Book, und zwar unter dem Titel:

Himmel oder Hölle

Ansichten zur menschlichen Sexualität.

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Das aufgeklappte Cover des neuen Buchs: in Eigenregie erstellt

Nachdem ich mich lange Zeit bei einer Reihe von Verlagen vergeblich darum bemühte, dieses Buch zum Druck zu bringen, habe ich mich entschlossen, die Publikation selbst in die Hand zu nehmen. Der Verlag BoD — Books on Demand bietet mir die Möglichkeit, ohne Druckkostenbeihilfe zu publizieren. Das ist ein Versuch wert.

Anmerkung:

Ich finde es bedauerlich, dass Bücher mit eigenwilligen Themen und ausgefallenen Formaten bei Verlagen offenbar auf wenig Gegenliebe stoßen. Sind die Zeiten vorbei, als Verleger vor allem „Gesinnungstäter“, und erst in zweiter Linie Betriebwirtschaftler waren? Oder gab es diese Zeiten nie? Merkwürdig, dass sich niemand aus der herkömmlichen Verlagslandschaft für mein Projekt begeistern konnte …

Update vom 21.03.2017:

Das Buch wird in allernächster Zeit über Books on Demand (BoD) veröffentlicht. Hier einige Details:

Format: DIN A5 (14,8×21 cm)

Einband: Paperback

Bindung: Klebebindung

Gesamtseitenzahl: 244 — mit 39 S/W-Abbildungen

Ladenpreis: 8,99 EUR

E-Book-Ladenpreis: 6,99 EUR

E-Book-Aktionspreis: 4,99 EUR — ab Veröffentlichung für 4 Wochen, Ladenpreis 6,99 EUR

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6. Kap./1* Magia sexualis

In der Mitte des 19. Jahrhunderts initiierte der US-amerikanische Arzt und Okkultist Paschal Beverly Randolph eine magia sexualis, die auch als „rote Magie“ bezeichnet wurde. Randolph hatte bereits 1858 eine Bruderschaft der Rosenkreuzer (Fraternitas Rosae Crucis; FRC) gegründet, die – historisch unhaltbar – von sich behauptete, mit den Rosenkreuzern des frühen 17. Jahrhunderts identisch zu sein.[1] Er war eine zentrale Figur des US-amerikanischen Okkultismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der zahlreiche geheime Gesellschaften gründete, so die Hermetische Bruderschaft von Luxor und die Bruderschaft von Eulis. Somit übte er einen nachhaltigen Einfluss auf die Lehren führender magischer Orden des 20. Jahrhunderts aus, etwa die Ordo Templi Orientalis (O. T. O.) und die Fraternitas Saturnis.[2] Randolph propagierte die Gleichberechtigung der Frau, die „freie Liebe“ und die selbstexperimentelle Praxis „im Dienste der Weiterentwicklung zu persönlicher Vervollkommnung.“ Um 1850 ließ er sich als Barbier in Neuengland nieder, war vom aufkommenden Spiritismus („Hydesville Rappings“) fasziniert und betätigte sich wahrscheinlich auch selbst als Medium. Er studierte Mesmers Schriften und entwickelte magnetische Apparaturen, die er „Volte“ und „Fluidkondensatoren“ nannte. 1854 eröffnete er eine ärztliche Praxis in Boston, wo er auch ein selbst hergestelltes Mittel zur Stärkung der Lebenskraft verkaufte, das er Proto-Ozon (Protozon) nannte. Daneben studierte er die Vodoo-Kulturen der Afroamerikaner. Sein Hauptinteresse galt der Theorie und Praxis der Sexualmagie. Er wurde deswegen inhaftiert, angeklagt und schließlich freigesprochen. Zwischen ihm und der russischen Okkultistin Helena Petrowna Blavatsky entzündete sich ein „magischer Krieg“: Während Letztere einen „moralisch reinen“ Spiritismus vertrat, wollte Randolph die Sexualmagie wissenschaftlich erforschen. Er starb 1875 unter mysteriösen Umständen − im selben Jahr, als Blavatsky die Theosophische Gesellschaft gründete.

Randolph verfasste seine sexualmagischen Schriften zwischen 1870 und 1872. Sie zirkulierten in geringer Auflage zum persönlichen Gebrauch für ausgewählte Studenten der Bruderschaft von Eulis und wurden erst 1931 in französischer Sprache unter dem Titel Magia Sexualis veröffentlicht. Die Schrift wurde von der nach Paris emigrierten russischen Aristokratin Maria de Naglowska zusammengestellt und übersetzt, worauf die hier zitierte deutsche Übersetzung beruht. Madame de Naglowska ernannte sich zur „Groß-Priesterin der Liebe“ und unterhielt in den 1930er Jahren einen „magischen Zirkel von zweifelhaftem Ruf“ in Paris, in dem sexualmagische Riten praktiziert wurden. Sie beschrieb den Geschlechtsverkehr als ein satanisches Ritual, in dem der Mann selbst zur unbegrenzten Macht der Negation werde und sich dem blitzartigen Eindringen des weiblichen Lichtes hingebe – im sublimen Moment der „heiligen Hochzeit“, für die sich die Geliebte bereithält („à l’instant sublime du coït sacré, pour lequel l’Amante n’est pas endormie“).[3] Durch diese hohe magische Operation (Haute Magie d’Or) würde Satan – die kosmische Vernunft, die verneint und zweifelt – in die Unterwelt stürzen, das heißt: in die Sexualorgane des Mannes. Das bewirke eine Umwälzung, die sich nach einiger Zeit beruhige und ein neues Gleichgewicht finde: Ein neuer Mann (un homme nouveau) erscheine, dem man die Würde eines Ehrenwerten Ritters des Goldenen Zweiges (Guerrier Vénérable de la Flèche d’Or) verleihe. Doch zurück zu Randolphs „Sexualmagie“.

Randolph sah den Geschlechtsverkehr als ein gemeinsames Gebet an, eine Vereinigung der Seelen, die Selbstbeherrschung und Unterwerfung der Leidenschaften unter den Willen voraussetzte. „Wie jedes Gebet, so ist auch dieses immer erschöpfend. Es ist jedoch notwendig, daß das Ziel des Gebets, der Wunsch oder das Begehren klar formuliert und kräftig imaginiert wird.“[4] Das Ziel solle gemeinsam imaginiert werden, doch könne das Gebet auch nur in einer der beiden Seelen wirksam sein, „da sie [die Seele] in der Ekstase des Orgasmus die schöpferische Kraft des anderen mit sich reißt.“ Er nannte diese geistige Vereinigung „blending“ (Vermischung, Verschmelzung) und hielt sie für den Schlüssel zu allen Geheimnissen des Universums und die Kraftquelle schlechthin: „Thus it happens that a loving couple grow [sic] youthful in soul, because in their union they strike out this divine spark, replenish themselves with the essence of life, grow stronger and less brutal, and draw down to them the divine fire from the aereal spaces.“[5]  Der geschlechtlich imaginierte Verkehr mit den kosmischen Geistern war die höchste Stufe, die Randolph „Sleep of Sialam“ nannte, und die das Einziehen, Einatmen des „Aeth“, der feinen spirituellen, göttlichen Essenz ermögliche.[6] Diese Atemmethode sollte himmlische Kräfte inkorporieren und während des Sexualaktes deren Samen in den menschlichen Fötus einpflanzen, um ein höherwertiges Kind zu schaffen. Randolph spann diesen Gedanken der mentalen Durchdringung während des Sexualaktes bis zur letzten Konsequenz aus: dem Geschlechtsverkehr mit dem Geist einer verstorbenen Person!

Randolph führte eine Reihe von Verhaltensregeln an, um sein sexualmagisches Ziel, das „Glück der Seele“, zu erreichen, damit der sexuelle Akt „zu einer Quelle spiritueller und materieller Kraft […], zum Urquell von Gesundheit, Heiterkeit und Frieden“ wird. Hierzu gehörten vor allem hygienische und diätetische Ratschläge: Körperpflege, Schweigen, kühles Schlafzimmer, frühes Zubettgehen. Die geistige Einstellung im Augenblick der Zeugung sei entscheidend: „Wenn der Mann zu diesem Zeitpunkt unter dem Einfluß fleischlicher Lust oder tierischer Instinkte steht“, so sei das Kind, „das er zeugt, […] ein elendes Wesen und zum Mörder oder geistigen Krüppel bestimmt.“ Dagegen sei ein „in der Harmonie gegenseitiger Liebe“ gezeugtes Kind „ein Kind höherer Kräfte“.

Randolph ging von der „Polarität der Geschlechter“ als einem Gesetz aus, „das den Schleier der Isis“ lüftet. Er unterschied fünf grundlegende Positionen des Geschlechtsverkehrs, „die das Paar bei der Durchführung von sexualmagischen Operationen zum Gebet der Liebe einnehmen kann.“ Er symbolisierte sie mit Strichzeichnungen, wobei dem Mann negative Ladung (Minus-Zeichen im Kopfkreis) und der Frau positive Ladung (Plus-Zeichen im Kopfkreis) zugesprochen wurde. Randolph glaubte voller Naivität daran, das Geschlecht eines Kindes beim Zeugungsakt magisch bestimmen zu können: „Zum Zeitpunkt der Vereinigung erzeugt die Frau in der mentalen Sphäre das Bild eines Mannes, während der Mann das Bild einer Frau erzeugt. Gemäß der Tendenz, die überwiegt, wird das Kind entweder männlich oder weiblich.“ Nach diesem „Gesetz“ sei es möglich, das Geschlecht des Ungeborenen vorherzusagen, indem man untersuche, welcher der beiden Elternteile die stärkere Vorstellungskraft besitze. In der Praxis sei es jedoch schwer, die Vorstellungskraft zu variieren und deshalb riet Randolph, bestimmte Regeln zu beachten. Hier griff er auf altbekannte geschlechtsspezifische Korrespondenzen der magia naturalis sowie die Imaginationslehre zurück: Um einen Knaben zu zeugen, solle man den Raum „mit dem Parfum des Mars“ parfümieren und in rotem Licht arbeiten, um ein Mädchen zu zeugen, solle man das „Parfum der Venus“ in grünem Licht anwenden. Außerdem sei es hilfreich, das Bild eines Mannes oder einer Frau aufzustellen, je nachdem, „ob die Zeugung eines Knaben oder eines Mädchens gewünscht wird.“

Nach Randolph hatten die sexualmagischen Praktiken sieben Ziele: Aufladung von fluidalen Kondensatoren wie z. B. Amuletten; magnetische Beeinflussung des Partners; Realisierung eines bestimmten Vorhabens; die Geschlechtsdetermination des Kindes bei der Empfängnis; Verfeinerung der Sinne; Erneuerung der Lebensenergie; Hervorrufen übermenschlicher Visionen.[7] Der französische Arzt und Homöopath Adrien Péladan nahm zwischen den heterosexuellen Geschlechtspartner eine umgekehrte Polarität an: Bei der Frau sei der Kopf positiv, die Geschlechtsorgane negativ geladen, beim Manne verhalte es sich umgekehrt. Deshalb befruchte der Mann die Frau psychisch, die Frau dagegen den Mann spirituell. „Sous la projection de la pensée de la femme, le cerveau féminin de l’homme se met à concevoir.[8] Daran anknüpfend entwickelte die russische Okkultistin Maria de Naglowska die Idee einer moralischen Befruchtung des Mannes durch „Priesterinnen der Liebe“ (prêtresses d’amours). Sie gründete 1932 die Confrérie de la  flèche d’or mit dem Ziel, das Zeitalter des Paternalismus durch die Herrschaft der Mutter abzulösen. Das Böse sollte mit religiösen Geschlechtsakten, die von heiligen Prostituierten angeleitet wurden, überwunden werden.

„Sexualmagie“ wurde im frühen 20. Jahrhundert mit nordischer, arischer Ideologie und unverhohlenem Nationalismus verknüpft und erschien als Methode der Rassenhygiene. In einem einschlägigen Buch wurde der „Saeming“ (die Besamung) als „Sexual-Magie der Zukunft“ vorgestellt.[9] Das betreffende Frontispiz von Fidus zeigt die Besamung als von Spermien strahlenförmig umgebene Eizelle, in die von oben ein sonnenhaftes Spermium mit Gesicht (eine Art Sonnengott) eindringt. (Abb. 37)

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Abb. 37: Sexualmagie der Besamung (Illustration von Fidus, 1905)

Im Ei sieht man die Oberkörper eines sich umarmenden Paares. In dieser Programmschrift findet sich ein völkisches Plädoyer für „deutsche Kunst“, die „aus der Tiefe des nationalen Volkslebens […], aus seiner Natur, aus seiner Geschichte und vor allem aus seiner Sage“ zu schöpfen sei. Sie zielte auf die „Menschenzüchtung“, die im Anhang zusammenfassend dargestellt wurde. Die Züchtung habe schon in der Schwangerschaft zu beginnen, wie das Beispiel Mozarts zeige: „die Mutter Mozarts beschäftigte sich in den ersten Jahren ihrer Ehe leidenschaftlich mit Musik und gebar Wolfgang. Später gab sie diese Beschäftigung auf – und ihr zweiter Sohn war ohne jegliches Talent für Musik.“

Künstler und Schriftsteller interessierten sich im frühen 20. Jahrhundert besonders für Ethnologie, Psychoanalyse, Anthroposophie und Parapsychologie („Okkultismus“), wobei auch sexualmagische Ideen und Praktiken eine gewisse Rolle spielten. Rudolf Steiners Beziehung zu Reuß und die Frage, inwieweit dessen sexualmagische Techniken (siehe oben) in seine maurerischen Praktiken Eingang fanden, ist bis heute Gegenstand von Spekulationen.[10] Aus diesem Umfeld wäre der Architekt und Kulturtheoretiker Heinrich Goesch zu nennen, ursprünglich ein Steiner-Anhänger, der sich aber dann von der Anthroposophie lossagte. Er war mit dem umstrittenen Psychoanalytiker Otto Groß befreundet und experimentierte offenbar auch auf sexuellem Gebiet, was ihn „zu einer polygamen Praxis mit sexualmagischen Zügen führte.“ Seine Frau Gerdrud, eine Cousine von Käthe Kollwitz, „musste sich als Trägerin dieser Ideen ihren Möglichkeiten unterwerfen. Doch waren ihre Nerven solchen Erschütterungen wohl schlecht gewachsen.“ In seiner Intimbeziehung mit Hannah Tillich, der Frau des Theologen Paul Tillich, versuchte er, vermutlich von der Theosophie angeregt, Reinkarnationserinnerungen zu wecken. Wie der deutsche Religionswissenschaftler Helmut Zander dargelegt hat, ist auf diesem nebulösen Feld „das Verhältnis von Theorie und Praxis kaum zu bestimmen“.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts tauchte der Begriff „Sexualmagie“ im Umfeld esoterischer Selbstverwirklichungsstrategien auf. Er war nun nicht mehr auf rassenbiologische, sondern auf esoterische und zugleich sexualbiologische Ziele ausgerichtet, wie dies das „Handbuch der Sexualmagie“ eines gewissen „Frater V:., D:.“ zeigt. Der Autor sei angeblich in Heliopolis/Ägypten geboren, sei schon als Kind zur Esoterik gelangt und habe Sprachen und Literatur an den Universitäten Bonn und Lissabon studiert. Er sei als freier Schriftsteller tätig und „Begründer der pragmatischen Magie“ bekannt. Medizinhistorisch interessant ist die geschilderte „Praxis der Energieübertragung zwecks Heilung und Kräftigung eines Partners“.[11] Der Autor gab eine Methode der Energiespende an, die der traditionellen „Gerokomik“ entspricht: Atemsynchronisation, unbekleidetes Nebeneinanderliegen. Der Energie spendende Partner solle keine eigene Energie abgeben. „Sie machen sich also zum Kanal für diese Energie, behalten Ihre eigene Energie aber für sich. Alles andere wäre der reinste Selbstmord!“ Woher sind aber nun die Heilenergien zu beziehen? „Sie können sich mit Runenübungen energetisieren, Energie aus der Sonne oder von der Erde nehmen, von den vier Elementen, von Bäumen, Tieren, Steinen usw. Entsprechende Techniken haben sie teils schon geübt“. Der „Energievampirismus“ sei zu vermeiden, wenn man „um seine eigene Energieaufladung weiß und es auch versteht, die also gespeicherte Energie an den anderen weiterzugeben“.

Die Ausführungen dieses geheimnisvollen Autors stellten eine perfekte Mischung aus handfesten Gebrauchsanweisungen und höchst esoterischen Spekulationen dar. So verkündete er beispielsweise: „Sollten Sie einen Tal- oder Ganzkörperorgasmus erfahren, wird der Astralaustritt zu einem Kinderspiel. Wenn Sie Ihre Sexualmagie entsprechend beherrschen, können Sie plötzlich astral aus dem physischen Körper herausschießen wie eine Rakete!“[12] Dementsprechend sei auch der Verkehr mit dem imaginierten Partner möglich, wenngleich es sich um eine „autoerotische Praktik“ handele: „doch wenn der Partner hinreichend kraftvoll imaginiert wird, wird der – sofern er generell dazu geeignet und willens ist – an diesem Astral- bzw. Mentalverkehr aufs intensivste teilhaben.“ Viele Liebende würden diesen ohnehin erfahren, rein zufällig, während ihn der Magier „wie willentlich und kontrolliert herbeizuführen“ verstehe. Im Rückgriff auf Rosenkreuzer, Kabbala und Alchemie sollte nun die „praktische Sexualmystik“ ermöglicht werden: „Unio mystica und Chymische Hochzeit“. Der Leser erhält hier eine handfeste Gebrauchsanleitung für das sexualmystische Ritual, in dem es u. a. heißt: „Gott und Göttin steigern ihre Ekstase immer weiter, suchen dabei aber nicht bewusst nach dem Gipfelorgasmus. Der Gott erkennt in der Göttin sich selbst in seinem weiblichen Aspekt, die Göttin erkennt sich in ihrem männlichen Aspekt im Gott. Ein eventuell eintretender sexueller Höhepunkt sollte diese Ekstase so weit steigern, bis das Bewußtsein gänzlich ausgeschaltet ist und nur noch die reine Energie strömt.“ Die „chymische Hochzeit“ erfahre ihre höchste Stufe „durch die autoerotische Arbeit“. „Die Chymische Hochzeit des Magiers mit sich selbst“ gleiche der „Chymischen Hochzeit“ für Paare, „nur dass der Magier eben beide Rollen wahrnimmt“: „Der Magier empfindet sich zunehmend als Verkörperung der männlichen und weiblichen Energie. Schon diese Erkenntnis allein wird ihn in Ekstase versetzen.“

„Magie“ ist heute ein wichtiges Thema der praktischen Lebenshilfe. Es macht einen erheblichen Teil der Ratgeberliteratur zur Selbsthilfe (Do it yourself) aus. Als Beispiel sei hier das Buch „Magie für den Alltag“ (Everyday Magic) des englisch-australischen Schriftstellers Nevill Drury genannt, der zahlreiche Publikationen zur westlichen Magie verfasste. Er gab eine Reihe von Gebrauchsanweisungen für Zaubereien in verschiedenen Lebenslagen. So beschrieb er einen Liebeszauber mit Hilfe von Blumen, die man sich liebevoll über Kopf und Gesicht streichen solle: „Öffnen Sie sich ganz der Liebesenergie der Blume und spüren Sie, wie sich eine solche Offenheit und die von der Blume verströmte Liebe anfühlen.“ [13] Dann halte man die Hand mit Blume über verschiedene Körperregionen und spreche einen bestimmten Spruch: „Ich atme Liebe“, „Ich halte Liebe in der Hand, „Ich spüre Liebe“ etc. „Und dann lassen Sie sich überraschen, was in Ihrem Leben vielleicht so alles geschehen wird.“ Im Kapitel „Die Magie der Liebe und Sexualität“ bezog er sich auf die Idee der Heiligen Hochzeit und bemühte vor allem Wicca und Tantra, um die praktischen Übungen zu begründen. Der große Ritus im Wicca-Kult schließe mit der Initiation „in der heiligen sexuellen Vereinigung zwischen Hohepriesterin und dem Hohepriester“ ab. „In diesem Ritual rufen die Hohepriesterin und der Hohepriester den Gott und die Göttin in den Körper des jeweils anderen herab, so dass ihre Vereinigung nicht die von zwei individuellen, sich liebenden Menschen ist, sondern von zwei zu Einem vereinten Gottheiten. Ihre sexuelle Vereinigung findet gleichzeitig auf physischer und auf spiritueller Ebene statt; sie wird zu einer heiligen Handlung, die die Schöpfung und die universale Lebenskraft an sich symbolisieren.“

In einem „Handbuch zur Sexualmagie für Fortgeschrittene“ werden die „Rituale des Baumes der Ekstase“ in einer Mischung von kulturhistorischen Versatzstücken und praktischen Ratschlägen präsentiert. Vorbild ist der kabbalistische „Baum des Lebens“, der Sephirot-Baum. Die britische Autorin Dolores Ashcroft-Nowicki ist angeblich Anhängerin der „Servants of light“ (SOL), einer „Schule der okkulten Wissenschaft“, wie es auf ihrer Homepage heißt.[14] Die tantrische Kundalini-Übung sollte die „Macht der Schlange“, der Schlangengöttin, hervorrufen: „Der Hauptzweck des Tantra besteht bei Männern darin, die Energie der Samenflüssigkeit umzukehren und ins Gehirn zu lenken. Bei Frauen liegt diese Energie im Menstrualblut. Kundalini, die Schlangengöttin, ruht bei den meisten Menschen an der Basis der Wirbelsäule. Wenn sie aufgeweckt wird, beginnt sie ihren Aufstieg zur Erleuchtung.“ [15] Die Gebrauchsanleitung für diverse „Rituale“ wird mitgeliefert. Man benötige folgende Dinge: „zehn Kerzen, fünf dunkelgrüne und fünf goldfarbene; Räuchermittel; Körperöle; eine Schale Kräuter und zerquetschte Blätter, zwei Tontassen [etc. etc.]“.  Das Unverfrorene und Ärgerliche an solchen Ratgebern ist, dass hier höchste und tiefste Geheimnisse mystischer Erfahrungen, die sich nur einem lebenslang ernsthaft Geschulten erschließen können, als verfügbare Ware vorgegaukelt werden, die jedermann rasch und problemlos erwerben kann. In Anlehnung an die „Neosexualitäten“ (Sigusch) (siehe Kap. 3) könnte man hier von einer „Neo-Magie“ sprechen.

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[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Paschal_Beverly_Randolph (8.05.2010).

[2] Pascal Beverly Randolph: Magia Sexualis. Die sexualmagischen Lehren der Bruderschaft von Eulis. Aus dem Franz. übertragen, mit einem Vorwort und einer Einleitung versehen von Michael de Witt. Wien: Edition Ananael, 1992: S. 7 f., 11., 15, 19 [„Vorwort“ des Übersetzers].

[3] Maria de Naglowska: La Lumière du sexe. Rituel d’initiation satanique. Selon la doctrine du troisième terme de la trinité. Orné de huit planches symboliques par Lucien Helbé. Paris : Ordo Templi Orientis, 1993 [Facs.-éd. de l‘éd. Paris: La Fleche, 1932]: S. 137.

[4] Randolph, 1992 [wie Anm. 2], S. 69.

[5] Zit. n. John Patrick Deveney: Pascal Beverly Randolph and Sexual Magic. In: Wouter J Hanegraaff / Jeffrey J. Kripal (Hg.): Hidden Intercourse. Eros and Sexuality in the History of Western Esotericism. Leiden; Boston. Brill, 2008 (Aries Book Series; v. 7): S. 355-368, hier: S. 360.

[6] Randolph, 1992 [wie Anm. 2]: S. 363 f., 70-72, 80 f.

[7] Sarane Alexandrian: Histoire de la philosophie occulte. Paris: Seghers, 1983 : S. 376.

[8] Zit. n. Alexandrian, 1983 [wie Anm. 7]: S. 376 f.; vgl. Adrien Péladan: Anatomie homologique. La triple dualité du corps humain et la polarité des organes splanchniques. Avec une préface de Joséphin Péladan.Oeuvre posthume. Paris: Baillière, 1886.

[9] G. Herman: Xenologie des Saeming. Neuausgabe der „Sexual-Magie“. Mit Buchschmuck von Fidus. Leipzig: Altmann, 1905: S. 259-512, hier S. 435, 502-512.

[10] Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung

und gesellschaftliche Praxis 1884-1945. 2 Bde. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007: S. 978, 1006, 980.

[11] V., D. [Frater V., D.]: Handbuch der Sexualmagie. Praktische Wege zum eingeweihtenUmgang mit den subtilen Kräften des Sexus. Haar: akasha, 1986: S. 222-223.

[12] V., D. [Frater V., D.]: Sexualmagie. Freisetzung und gezielte Anwendung der Kräfte des Eros. München: Ansata, 2008: S. 247, 366-375.

[13] Nevill Drury: Magie für den Alltag. Wie Sie die magischen Traditionen für Ihr Leben nutzen können. München: Atmosphären Verl., 2004: S. 120 f, 125-151.

[14] http://www.servantsofthelight.org/aboutSOL/bio-Dolores.html (27.03.2016).

[15] Dolores Ashcroft-Nowicki: Der Baum der Ekstase. Ein Handbuch der Sexualmagie für Fortgeschrittene. Saarbrücken: Neue Erde, 1991.Ashcroft-Nowicki, 1991: S. 100, 281 [Nachwort], 91, 110.

6. Kap./2* Sexualmagische Orden

Der schillernde englische Okkultist und Abenteurer Aleister Crowley lieferte skandalumwitterte Beiträge zur Sexualmagie. Er führte orgiastische Zeremonien in einem „weißen“ und „scharzen Tempel“ in seiner Wohnung in Schottland in der Nähe von Loch Ness durch. Er heiratete das Medium Rose Edith Kelly, durch deren Mund ihm angeblich Geistwesen das „Buch des Gesetzes“ diktierten. [1] Crowley interessierte sich stark für die Sexualmagie, die er als Magick bezeichnete, wobei das „k“ für das griechische Wort ktéis (Vagina) stehe. 1929 zog er die Summe seiner Philosophie in seinem Buch „Magick in Theory and Practice“, das sehr viel später auch in deutscher Übersetzung erschien. Wir begegnen hier einem Sammelsurium von alten magischen Zauberformeln und -tricks, unterlegt mit kosmologischen und hermetischen bzw. kabbalistischen Ausführungen, ohne erkennbare Systematik und ohne Angabe von Quellen. Die magia sexualis wird nicht explizit erwähnt, auch von sexuellen Praktiken ist nirgends direkt die Rede. Crowley berief sich auf den Kerngedanken der magia naturalis, wie er im „Clavicula Salomonis“, dem sogenannten „Legemoton“ des Königs Salomon, einem anonym erschienenen Zauberbuch des 17. Jahrhunderts, formuliert wurde. Dort heißt es im ersten Teil, der „Goetia“: „Magie ist die Höchste, Unumschränkteste und Göttlichste Kenntnis der Naturphilosophie, fortschrittlich in ihren Arbeiten und wundervollen Operationen […]. Daher sind Magier gründliche und fleißige Erforscher der Natur; wegen ihres erlernten Geschicks verstehen sie es, wie eine Wirkung vorhergewußt werden kann, was dem gewöhnlichen Menschen wie ein Wunder erscheinen soll.“ [2] Zugleich berief sich Crowley auf J. G. Frazers „Der goldene Zweig“, in dem die Analogie von magischen und wissenschaftlichen Konzeptionen der Welt hervorgehoben wurde. „In beiden ist die Abfolge der Ereignisse vollkommen regelmäßig und sicher, indem sie durch unwandelbare Gesetze bestimmt wird, deren Operation präzise vorhergesehen und berechnet werden kann.“

Nachdem sich Crowley seinem „Großen Werk“ geweiht hatte, um „ein spirituelles Wesen zu werden“, wählte er – in Abgrenzung zu „Theosophie“, „Okkultismus“ und „Mystizismus“ – einen neuen Namen für seine Arbeit: nämlich „Magick“. Wille, Gewalt, Selbstbehauptung und Selbsterkenntnis waren deren Kennzeichen. So heißt es in einem „Theorem“: „Magick ist die Wissenschaft, sich selbst und seine Bedingung zu verstehen. Sie ist die Kunst, dieses Verstehen in Handlung anzuwenden.“ Ziel war es, den richtigen, vom Schicksal vorgesehen Ort in der Welt zu finden. Wie die Ordnung der Natur „für jeden Stern eine Bahn“ vorsehe, so habe der Mensch standhaft „seine wahre Bahn“ einzuhalten. Crowley wollte letztlich alle Menschen im Sinne seiner Magick verwandeln, sie durch seine praktische Methode befähigen, „sich selbst zu einem Magier zu machen.“ In diesem Zusammenhang kritisierte er die Freud‘sche Psychoanalyse, die das Leben missinterpretiere und das menschliche Wesen als „ein antisoziales, kriminelles und wahnsinniges Tier“ aufgefasst habe. Zentral war die Mikrokosmos-Makrokosmos-Theorie, wonach nicht nur die Aura des Naturforschers ein „magischer Spiegel des Universums“ sei, „sondern auch das Universum […] ein magischer Spiegel seiner Aura“. Dementsprechend formulierte er die Zielsetzung des „magischen Rituals“: die Vereinigung des Mikrokosmos mit dem Makrokosmos. „Das höchste und vollständige Ritual ist daher die Invokation des Heiligen Schutzengels; oder in der Sprache des Mystizismus, Einheit mit Gott.“ Da Gott über der Geschlechtlichkeit stehe, müsse der menschliche Mangel kompensiert, die „Balance wiederhergestellt“ werden, d. h.: Der männliche Magier habe jene weiblichen Tugenden zu kultivieren, an denen es ihm mangele. „Es wird dann für einen Magier rechtmäßig sein, Isis zu invozieren und sich mit ihr zu identifizieren“. „Invokation“ und „Evokation“ beschrieben traditionelle Techniken der magischen Rituale, der „Geisterbeschwörung“, auf die Crowley in eigenwilliger Diktion rekurrierte: „In der Invokation flutet der Makrokosmos die Bewußtheit. In der Evokation erschafft der Magier, zum Makrokosmos geworden, einen Mikrokosmos.“

Der österreichische Experte für moderne esoterische Gruppierungen Ernst Thomas Hakl analysierte deren sexualmagische Praktiken. Er untersuchte vier Vereinigungen: die deutsche Bruderschaft Fraternitas Saturni, die von Eugen Grosche gegründet wurde; die Confraternita Terapeutica e Magica di Myriam und den Ordine Osirideo Egizio, die der italienische Okkultist Giuliano Kremmerz organisierte; die Gruppo di UR des italienischen faschistisch orientierten Esoterikers Julius Evola; und die Confrérie de la Flèche d’Or der in Paris wirkenden Russin Maria de Naglowska (siehe oben).[3] Wir wollen uns im Folgenden lediglich mit Eugen Grosche befassen, der sich 1925 von der Ordo Templi Orientis (O.T.O.) und damit von Aleister Crowley (siehe oben) lossagte und die Fraternitas Saturni gründete. Er war Buchhändler mit einem politisch sehr bewegten Leben: Als Kommunist floh er vor den Nazis in die Schweiz, wurde ausgeliefert, kam in Schutzhaft, wurde wieder freigelassen, trat der KPD bei, floh 1950 von Ost- nach Westberlin, weil er wegen seiner esoterischen Ansichten unter Druck geriet und baute dort die Fraternitas Saturni wieder auf, die er bis zu seinem Tod 1964 leitete.[4] In den 1920er Jahren publizierte er unter seinem Ordensnamen Gregor A. Gregorius „Magische Briefe“. Der „Achte Brief“ handelte von „Sexual-Magie“, der einen ausgezeichneten Einblick die spezifischen Sexualpraktiken gewährt. Sicherlich kann aus dieser Schilderung noch nicht auf das Ausmaß der sexualmagischen Praxis der Fraternitas Saturni geschlossen werden. Hakl hat darauf hingewiesen, dass diese „Bruderschaft“ primär kein sexualmagischer Zirkel gewesen sei und im Unterschied zur O.T.O. Sexualrituale nur eine marginale Rolle gespielt hätten.[5]

Gegorius begann mit einer These des stetigen kulturellen Verfalls, die dem Kulturpessimismus nach dem Ersten Weltkrieg entsprach: „Der kulturellen Entwicklung der Menschheit von dem Niveau der primitiven Völker bis in unsere Jetztzeit, in die heutigen Entwicklungsphasen, geht eine Verfallserscheinung unaufhaltsam parallel: der Niedergang der Sexualität in ihrer gesamten Auswirkung. Die reinen Urquellen des köstlichsten aller menschlichen Triebe sind verschüttet oder in unreine falsche Bahnen gelenkt.“[6] Während Christus in alchemistischer Manier als Hermaphrodit, Symbol des Steins der Weisen, gelobt wurde, verfiel das klerikale Christentum harscher Kritik: Seine „fanatische, irregeleitete Priesterschar zerstörte die alten Kulte fast restlos und damit die Blüte einer sinnlich-geistigen Kultur und Hochentwicklung der Menschheit. Jesus Christus, der selbst hermaphrodit war, über dem triebhaften Geschlechtstrieb stehend, hatte die lunare Beeinflussung gänzlich überwunden, und seine geistig-sinnliche Erotik schwang nur noch in subtiler Weise in der Freundeszuneigung zu seinem Lieblingsjünger Johannis.“

Gregorius ging auf die Zeugung durch magische Imagination und kabbalistische Techniken ein und berief sich dabei auf Paracelsus, der auf die „iliastrische Zeugung“ hingewiesen habe, wobei „vorher eine zeitweise sexuelle Enthaltsamkeit nötig sei.“ Der Coitus interruptus sei für das Nervensystem beider Geschlechtspartner schädlich. Dagegen sei der Coitus reservatus „in der Form, daß die Ejakulation während einer berächtlichen Zeit zurückgehalten wird, innerhalb derselben die Frau mehrere Male Orgasmus haben kann, keineswegs schädlich, sondern gewährt vor allen Dingen der Frau volle Befriedigung.“ Diese Methode solle „sorgfältig kultiviert werden“.  Im heraufziehenden „Wassermannzeitalter“ werde die veraltete Einehe überwunden und es komme zu einer neuen Ethik: „Wer erkannt hat, daß die dauerhafte Bindung an ein Weib durch dessen lunare Kräfte in den meisten Fällen nur den geistigen logischen Aufbau des männlichen Verstandes hindert, daß besonders die frühen Heiraten der frühzeitige Ruin der gesamten Mannespersönlichkeit auf physischer und psychischer Grundlage sind, wird das Eheproblem ohne weiteres lösen durch vollständige Verneinung der bürgerlichen Ehe überhaupt.“

Gregorius gab eine interessante praktische Anleitung zur sexuellen „Bannmagie“. Im Unterschied zur „niederen Magie“, die sich hypnotischer und magnetischer Kräfte des Menschen bediene, „arbeitet die Bannmagie unter Zuhilfenahm [sic] reiner Willensschulung nur mit der Vorstellungskraft und mentaler Wunschkraft des Magiers“, mit einer Einstellung, „die man als mentale Ekstase bezeichnet.“ Nach Herstellen des „Rapport“ durch „Handübertragung“ und Angleichung des Atems soll der Magier in stehender Position nacheinander durch seine Willenskraft den „Solarplexus“ (Oberbauch) sowie das „Geschlechts- und Intuitionszentrum“ (Genital- und Stirnregion) des liegenden „Mediums“ bestrahlen. (Abb. 38)

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Abb. 38: Sexuelle „Bannmagie“ als esoterische Praktik

Die Zeichnung verdeutlicht, wie die genannten Zentren „in geistigen Kontakt“ kommen sollten: „Dein Geschlechtszentrum muß das Intuitionszentrum des Mediums hemmen, der Solarplexus das gleiche, während Dein Intuitionszentrum das Geschlechtszentrum des Mediums belebt.“ Auf diese Weise könne man sich ein Medium „derart heranbilden, daß sie durch bestimmte Handgriffe jederzeit körperlich in Katalepsie fällt.“ Die Od-Ausstrahlung des Magiers mache das Medium „willen- und bewegungslos ohne eigentliche Hypnose.“ Die Psyche sei derart zu schulen, um eine „sexuelle Hörigkeit“ zu erzielen, insbesondere „durch sorgfältig vorher gewählte Stunden, in denen du den Koitus mit dem Medium ausführst.“ Beim sexuellen Verkehr habe der Magier „stets die priesterliche Weihe“ zu wahren und dürfe „nie zum begehrenden Sinnessklaven des Weibes“ herabsinken. Im heutigen Sprachgebrauch würden wir eine solche Einstellung aus dem Blickwinkel männlicher Überlegenheit als Machismo bezeichnen.

Dies wird noch deutlicher bei Ejakulation und Sperma, die für Gregorius entscheidende Bedeutung hatten. Man solle bei dem „persönlichen, nicht magischen Zwecken dienenden Liebesverkehr“ nie innerhalb der Vagina ejakulieren und das Sperma „sorgfältig unter Beeinflussungs-Denkkonzentrationen auf dem Solarplexus des Weibes“ verreiben. Auch müsse das Medium dazu angehalten werden, regelmäßig „monatlich in den Tagen ihrer Reinigung ebenfalls unter beidseitiger Gedankeneinstellung“ das Sperma zu trinken − Gregorius drückte dies, wie seinerzeit in sexualkundlichen Texten nicht unüblich, auf Lateinisch aus: „spermam tuam biberet.“ Denn dann werde das Medium „vollständig mit Deinen Influenzen und Odstrahlen durchtränkt sein und nur dir allein gehorchen, so nicht nur als Weib, sondern auch in seinen astralen Spaltungen.“ Gregorius identifizierte das Sperma mit der „Prima-Materie der Alten“, wobei es ihm auf die „Influenz des lebensfähigen Sperma“ ankam. Jedenfalls war für ihn klar, dass es „für den Magier eines der wichtigsten magischen Hilfsmittel“ sei. So seien Incubi und Succubi „aus den spermatischen Fluidalkräften von im Imaginationszustande befindlichen Menschen“ entstanden. Diese könnten sich jahrhundertelang durch Vampirismus am Leben erhalten. Daraus leitete Gregorius eine eigenartige Dämonologie ab. Er rechnete auch mit „Blutdämonen“, die sich von dem Menstrualblut nährten, „solange sie noch sexuell schwingen und von dem Schweiße der Genitalien.“ Das Sperma diente beim sexualmagischen Ritual als äußerst wichtiges Zaubermittel. Es solle, wenn es die die Vagina verlässt, mit Weingeist vermischt werden: „Also vollzieht sich die mystische Vereinigung innerhalb des gebildeten Gedankenwesens. Tränke das Pergament mit dem Weingeist und dem Sperma und menge dazu drei Blutstropfen deines linken Saturnfingers, dann trockne das Pergament über dem Rächergefäß und die Zeremonie ist damit beendigt.“

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[1] Alexandrian, 1983 [wie Anm. 7]: S. 378 f.

[2] Aleister Crowley: Magick in Theorie und Praxis. Übersetzung Ralf Löffler. Korrektur Gitta Peyn. 3. Aufl. Schnega: Phänomen-Verlag-Gitta-Peyn, 1996: S. XI, XIII, VIII, XIX, XXI, 5, 7, 9.

[3] Hans Thomas Hakl: The Theory and Practice of Sexual Magic, Exemplified by four Magical Groups in the Early Twentieth Century. In: Hanegraaff / Kripal (Hg.), 2008 [wie Anm.  5]: S. 445-478.

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Gregor_A._Gregorius (23.04.2012).

[5] Hakl. 2008 [wie Anm. 18]: S. 447.

[6] Gregor A. Gregorius: Magische Briefe. Achter Brief. Sexual-Magie. Wolfenbüttel: Verl. der Freunde (Koch & Zieger), 1927: S. 5 f., 10 f., 48, 60, 69-77, 94.

6. Kap./3* Tantrismus − asiatische Sexualriten

„Tantra“ und „Tantrismus“ sind schillernde Begriffe, die im Westen zu erstaunlichen Missverständnissen, Engführungen und Legendenbildungen geführt haben (siehe unten). Die wissenschaftlich seriöse Literatur, die die komplexe Vielfalt der hinduistischen und buddhistischen Traditionen des Tantrismus und seiner historischen Wandlungen berücksichtigt, ist eher rar, vor allem dann, wenn es um die Rolle der Sexualität im Tantrismus (tantric sex) geht. Überhaupt stellt sich die Frage, inwieweit diese Sexualität buchstäblich oder symbolisch zu verstehen ist.[1] Im frühen hinduistischen Tantra diente der Geschlechtsverkehr oft nur dazu, eine gemeinsame Sexualflüssigkeit als Opfergabe für die tantrischen Gottheiten herzustellen. Andererseits existierten auch tantrische Sexualpraktiken, die den Austausch von Sexualflüssigkeiten zwischen den Geschlechtspartnern zum Ziel hatten. Hier wurde sogar der Mann physisch mit den Sexualsekreten der Frau, insbesondere Menstrualblut, besamt oder getränkt. Sie entsprangen nach tantrischer Vorstellung in der Gebärmutter und enthielten die göttliche Kraft, da die Frau im Sexualakt die weibliche Gottheit oder Weisheit verkörperte. Offenbar rückte später das Moment der Verzückung, der Erleuchtung anstelle des sexuellen Rituals in den Mittelpunkt des Interesses. Im buddhistischen Tantra ging es vor allem um die Zurückhaltung des Samens und die Umkehr der Sexualenergie im Körper des männlichen Adepten.

Wie eine Skulptur aus dem 10. Jahrhundert darstellt, konnte der Mann durch den Kanal der Geschlechtsorgane der Frau Zugang zur kosmischen Kraftquelle erlangen. Ein Mann legt seinen Mund an die Vulva einer über ihm sitzenden Frau, einer weiblichen Gottheit, um aus ihr zu trinken. (Abb. 39)

img9.jpg

Abb. 9: Sexualität und Spiritualität: Skulptur in einem indischen Tempel (10. Jh.)

Schon die Größenunterschiede zwischen dem kleineren, untergebenen Mann und der größeren, aufragenden Frau verweisen auf die religiöse Bedeutung der Szene. Es handelt sich um eine Skulptur aus dem Kandariya-Mahadeva-Tempel, der zum Tempelbezirk von Khajuraho gehört, einer Stadt im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Der heutige Betrachter mag bei dieser Darstellung an die orale Sexualpraktik des Cunnilingus erinnert werden. Vielleicht geht es aber hier weniger um einen Sexualakt als vielmehr um das Trinken einer lebensspendenden Flüssigkeit (Urin?), analog zur Figur der Alma mater oder der Maria lactans in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ikonografie. Auf einem Halbrelief aus dem Tempel von Madurai wird diese Konstellation noch deutlicher: Ein Heilsuchender trinkt aus der Lebensquelle, der Vulva einer mächtigen Frau mit gespreizten Oberschenkeln.[2] Er hat dieser gegenüber die Größe eines Kleinkinds, das sich nach dem nackten Schoß der mächtigen Mutter streckt. Offenbar rückte später anstelle des sexuellen Rituals das spirituelle Moment der Verzückung, der Erleuchtung in den Mittelpunkt des Interesses.

Der französische Indologe Jean Varenne war wohl einer der wenigen westlichen Forscher, die die kulturhistorischen Hintergründe des Tantrismus und seiner einzelnen Richtungen intensiv erforscht und deren sexuelle Rituale sachgerecht dargestellt haben. [3]  Eine zentrale Rolle spielten, wie bereits mehrfach angedeutet, Sperma und Menstrualblut. Bei der speziellen Technik der „vajrolî“ sollte nicht nur der Samen kurz vor der Ejakulation noch im Penis wieder aufgesaugt werden, sondern auch äußere Flüssigkeit von der Frau. Die Fähigkeit zu dieser Yoga-Haltung (geste de yoga oder „yoga- mudrâ“) setzte lange Übung voraus. Der Adept hatte zuerst mit Wasser zu trainieren, bevor er seine Kunst in einem tantrischen Ritual mit einer jungen, attraktiven und ihm ganz ergebenen Partnerin ausüben konnte. Je stärker das sexuelle Verlangen war, um so größer musste die Kontrolle sein, um das Ziel des Rituals zu erreichen. Er sollte seine Emotionen zügeln und in der Partnerin verweilen, um dann mithilfe der vajrolî-mudrâ die ausgestoßene Sexualflüssigkeit aufzusaugen und so seinen Lebensstoff (substance vitale) wiederzugewinnen. Während dieser Akt im yoga nur den Mann betraf, strebte der Tantrismus eine Vereinigung der Gegensätze an, sodass der Adept nicht nur die eigene Substanz (rétas), sondern auch die der Frau (rajas) in sich aufnahm. Diese Vereinigung von weißem Sperma und rotem Blut spiegelte die alchemistische Vereinigung von Silber und Gold und die kosmische von Sonne und Mond wider. In einem tantrischen Text des hatha-yoga, der Shiva-Samhitâ, heißt es hierzu:

« Car le sperme est la lune

et l’humeur rouge est le Soleil ;

c’est l’union de ces deux

qu’aspire à la intérieur de soi

le yogin véritable!“    

Spiegelbildlich gab es auch eine entsprechende Anweisung für die weibliche Partnerin, „une yoginî parfaite“, den männlichen Samen, den ihr Partner in sie ejakuliert hatte, vermischt mit ihrem eigenen Menstrualblut in sich aufzunehmen. In analogen Riten wurden mit Fingern in der Vagina Sperma und Menstrualblut vermischt und dann ins Gesicht geschmiert oder die Melange auch getrunken, als ein Trank der Unsterblichkeit, als Saft des Götterpaares Shiva und Shakti. Ähnliche Praktiken wurden vermutlich auch von alexandrinischen Gnostikern im vierten Jahrhundert ausgeübt, bei deren Abendmahl Sperma anstelle des Brots und Menstrualblut anstelle des Weins angeboten wurde und die eine Mischung von beidem auf Gesicht und Körper auftrugen. Die mythische Verquickung von Religion und Sexualität war in dieser Form kaum überbietbar.

Der bengalische Kurator indischer Kunst Ajit Mookerjee war Direktor des Crafts Museum in New Delhi. Seine exzellente Privatsammlung wurde ab den 1970er Jahren an prominenten Orten in Europa ausgestellt, unter anderem auch in Stuttgart.[4] Mookerjee war einer der wenigen Kenner des Tantra, die mit dessen Quellen vertraut waren und ihre Bedeutung dem westlichen Betrachter nahe bringen konnten, wie etwa im Bildband „Tantra Asana“.[5] Asana bedeutet die Körperhaltung im Yoga. Durch Tantra könne uns Sexualität von Sexualität befreien (sex liberates us from sex). Die geschlechtliche Vereinigung führe auch zu einer geistigen, einer „fusion of minds“. Tantra Asana sei für einen Mann mit jeder Frau möglich, „for all human relationships, according to Tantra, are mere thought constructions.“ Auch Mookerjee hob die zentrale Bedeutung der Zurückhaltung der Sexualenergie hervor, die wahllose Entladung von Lebensflüssigkeiten (vital fluids) sei bei beiden Geschlechtern eine Verschwendung psychischer Kraft (psychic force). Die von den Hoden produzierten Sekrete könnten durch die Zurückhaltung im Körper zirkulieren und enorm zur „magnetischen und geistigen Entwicklung“ des Menschen beitragen. Auch dieser Autor griff auf die Metaphorik von Magnetismus und Elektrizität zurück, um den „Austausch kosmischer Kraft“ während des Sexualakts plausibel zu machen: „The male genitals are electrical on the exterior and magnetic within, while those of the female are magnetic on the exterior and electrical within.“ Nach der sexuellen Vereinigung sei eine Ausstrahlung des Körpers zu beobachten (an egg-shaped nebula). Die tantrische Vereinigung stehe eben im Einklang mit dem Kosmos.

Der US-amerikanische Religionswissenschaftler Hugh B. Urban hat auf die fälschliche „fundamental equation of Western sexual magic with Asian Tantra“ hingewiesen.[6] Denn die frühen Formen des Tantra, die seit dem fünften Jahrhundert in den hinduistischen und buddhistischen Traditionen Indiens, Chinas, Tibets und Japans auftauchten, hätten kaum etwas zu tun mit den Formen der Sexualmagie, die sich seit dem 19. Jahrhundert in Europa und Amerika entfalteten. Denn es ging im asiatischen Tantra nicht um „sex in the first place“. Die sexuelle Vereinigung spielte eine untergeordnete Rolle und wurde, wenn überhaupt erwähnt, als symbolischer Ausdruck verstanden bzw. sie war, wenn praktisch ausgeführt, nur eine von vielen Wegen, um die göttliche Kraft (Shakti) zu wecken. Der sogenannte Tantrismus sei, wie Urban feststellt, ein relativ rezenter Begriff, den westliche Orientalisten des 19. Jahrhunderts geprägt hätten. Wie Michel Foucault festgestellt habe, sei das ausgehende 19. Jahrhundert und insbesondere das Viktorianische Zeitalter in England nicht nur durch eine Unterdrückung der Sexualität gekennzeichnet gewesen. Zugleich habe sich ein aufreizender Diskurs über die Sexualität und ihre abweichenden Formen ergeben, der das Interesse an Tantra und anderen exotischen Sexualpraktiken des „mystischen Orients“ geweckt habe. In dieser Situation habe der von Theodor Reuss gegründete Ordo Templi Orientis (O.T.O.) als eine der ersten Gruppen in Europa die indische Tradition des Tantra und Yoga mit westlicher Sexualmagie, wie sie Randolph und dann Aleister Crowey lehrten, vermischt.

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[1] David Gordon White (Hg.): Tantra in Practice. Princeton; Oxford: Princeton University Press, 2000; „Introduction“ of the editor: pp. 3-38, hier S. 16 f.

[2] Jean Varenne: Le Tantrisme. La sexualité transcendée. Paris: Celt, 1977: S. 131.

[3] A. a. O., S. 134-137.

[4] http://www.zeit.de/1973/09/einuebung-ins-ewige-entzuecken (10.05.2012).

[5] Ajit Mookerjee: Tantra Asana. A way to self-realization. Basel; Paris; New Delhi: Kumar 1971: S. 35-37, 61 f., 65.

[6] Hugh B. Urban: Magia Sexualis. Sex, Magic, and Liberation in Modern Western Exotericism. Berkeley; Los Angeles; London: University of California Press, 2006: S. 402, 127, 404-406.