Buchpublikation in Vorbereitung (2017)

Update vom 4.04.2017

PRINTED BOOK NOW AVAILABLE !

 

Der Inhalt dieses Blogs wird demnächst vollständig als Buch erscheinen: in gedruckter Form und zugleich als E-Book, und zwar unter dem Titel:

Himmel oder Hölle

Ansichten zur menschlichen Sexualität.

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Das aufgeklappte Cover des neuen Buchs: in Eigenregie erstellt

Nachdem ich mich lange Zeit bei einer Reihe von Verlagen vergeblich darum bemühte, dieses Buch zum Druck zu bringen, habe ich mich entschlossen, die Publikation selbst in die Hand zu nehmen. Der Verlag BoD — Books on Demand bietet mir die Möglichkeit, ohne Druckkostenbeihilfe zu publizieren. Das ist ein Versuch wert.

Anmerkung:

Ich finde es bedauerlich, dass Bücher mit eigenwilligen Themen und ausgefallenen Formaten bei Verlagen offenbar auf wenig Gegenliebe stoßen. Sind die Zeiten vorbei, als Verleger vor allem „Gesinnungstäter“, und erst in zweiter Linie Betriebwirtschaftler waren? Oder gab es diese Zeiten nie? Merkwürdig, dass sich niemand aus der herkömmlichen Verlagslandschaft für mein Projekt begeistern konnte …

Update vom 21.03.2017:

Das Buch wird in allernächster Zeit über Books on Demand (BoD) veröffentlicht. Hier einige Details:

Format: DIN A5 (14,8×21 cm)

Einband: Paperback

Bindung: Klebebindung

Gesamtseitenzahl: 244 — mit 39 S/W-Abbildungen

Ladenpreis: 8,99 EUR

E-Book-Ladenpreis: 6,99 EUR

E-Book-Aktionspreis: 4,99 EUR — ab Veröffentlichung für 4 Wochen, Ladenpreis 6,99 EUR

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# 2. Kap. Normierungen der Sexualwissenschaft und Sexualmedizin

Erst im 20. Jahrhundert wurden die Termini Sexualwissenschaft und Sexualmedizin geprägt. Selbstverständlich bezog die Medizin zu allen Zeiten die Sexualität und ihre Störungen in ihre theoretischen Konzepte und praktischen Behandlungsmethoden ein, wenngleich nicht unter dieser Bezeichnung. Wahrscheinlich treten auf keinem anderen Gebiet Menschenbild und Krankheitsverständnis der Medizin so plastisch in Erscheinung wie hier. Auch wenn sich die gegenwärtige Sexualmedizin explizit auf die Kulturgeschichte beruft und auf die kulturabhängigen Konstruktionen des Sexuellen verweist, bleibt sie – angereichert durch soziologische und psychologische Aspekte – in der Bahn des biomedizinischen Denkens. So vertritt sie ein „biopsychosoziales Modell des Sexuellen“, das zunächst in der Psychosomatik entwickelt wurde.1 Die stark veränderten Formen der Sexualität und ihrer jeweiligen wissenschaftlichen und sozialen Bewertung springen ins Auge. Beispielhaft lässt sich dies an der „Konstruktion des Masturbierens“ oder der „Konstruktion der weiblichen Sexualität“ Ende des 19. Jahrhunderts im Vergleich zur Situation Ende des 20. Jahrhunderts aufzeigen. Die Masturbation verwandelte sich von der in jeder Hinsicht überaus gefährlich eingeschätzten „Selbstbefleckung“ zur durchweg als harmlos eingestuften und in gewisser Hinsicht sogar gesunden „Selbstbefriedigung“; die weibliche Sexualität verwandelte sich von der pflichtgemäßen Ausübung des Koitus mit dem Ehemann zu einer Variabilität der sexuellen Betätigung auch in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften. Es hat den Anschein, als bedeuteten die heutigen „Konstruktionen“ einen wahrhaften Fortschritt des humanen Sexuallebens im Einklang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen, eine gelungene „Enttabuisierung der Sexualsphäre“.2 Dennoch sind Zweifel angebracht, wenn wir die heute gängige Gegenüberstellung von normaler und pathologischer Sexualfunktion und die damit verbundenen Gesundheitsvorstellungen und Leistungsnormen ins Auge fassen.

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1   Klaus M. Beier / Hartmut A.G.Bosinski / Kurt Loewit: Sexualmedizin. Grundlagen und Praxis. 2., völlig neu bearb. u. erw. Aufl. München; Jena: Urban & Fischer, 2005: S. 30-32.

2 Rudolf Kaden: „Einleitung“ zu Rudolf Kaden (Hg.): Allgemeine Pathologie der Sexualfunktionen. Störungen der Reproduktion und der Kohabitation. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 1980: S. 15-17.

2. Kap./3* Das Phasenmodell der normalen Sexualfunktion

Die normale Sexualfunktion als Ausdruck der Gesundheit erscheint heute als Ideal. So ist in einem Lehrbuch zu lesen: „Für einen gesunden und jungen Menschen, Mann wie Frau, gehört die normale Funktion des Sexualsystems wohl zum wertvollsten persönlichen Gut. Die wesentlichsten biologischen Aufgaben des Menschen werden damit angesprochen. Das Verlangen nach Familienplanung und nach sexueller Befriedigung sind die Antriebskräfte für die wissenschaftliche Erforschung und ärztliche Behandlung der Reproduktions- und Kohabitationsstörungen schlechthin.“1 Für die Sexualmedizin wurde gleichzeitig mit der „sexuellen Revolution“ der 1960er Jahre die Theorie der „sexuellen Reaktion“ von Masters und Johnson maßgeblich, die sich in zahlreichen wissenschaftlichen und populären Schriften niederschlug.2 Der sogenannte sexuelle Reaktionszyklus läuft demgemäß in vier Phasen ab: (1) Erregungsphase, (2) Plateauphase, (3) Orgasmusphase und (4) Rückbildungsphase. Dabei verlaufe trotz der geschlechtsspezifischen Unterschiede der Reaktionszyklus bei Mann und Frau erstaunlich ähnlich.3 Damit war ein quasi objektives Raster vorgegeben, das bis heute wissenschaftliche Geltung beansprucht und auch in Handbüchern der Sexualmedizin als Goldstandard gehandelt wird.

Zeitgleich zu diesem Phasenmodell des (heterosexuellen) Geschlechtsverkehrs entstand das Phasenmodell des Sterbeprozesses, das für die Thanatopsychologie ebenso bedeutsam werden sollte wie jenes für die Sexualwissenschaft. 1969 begründete nämlich die schweizerisch-US-amerikanische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross ihre „fünf Phasen des Sterbens“.4 Das Bedürfnis nach einer haltbaren Orientierung war in einer Umbruchzeit, welche für das Verständnis der Sexualität ebenso gravierend war wie für das des Sterbens, besonders groß. Die Idee eines gesetzmäßig ablaufenden Prozesses war gerade für Medizin und medizinische Psychologie attraktiv und gab der medizinischen Praxis einen gewissen Rückhalt. Überhaupt entstanden um 1970 grundlegende Leitideen für Theorie und Praxis der Medizin, die auch heute noch mehr oder weniger anerkannt werden: etwa das Modell der Risikofaktoren oder das Konzept der Hirntoddiagnostik. Die Lehre vom idealtypischen Verlauf der Sexualfunktion bot der professionellen Sexualtherapie eine Grundlage. Wahrscheinlich hatte die Lehre von den idealtypischen Sterbephasen eine ähnliche Bedeutung für die Begründung der professionellen Sterbegleitung. Begriff wie „Zyklus“ und „Phasen“ sind assoziativ mit biologischen und technischen Funktionsmodellen verknüpft und strahlen von daher eine gewisse wissenschaftliche Objektivität aus. Sie passen zum medizinischen Denken und Handeln. Dies wird gerade beim sexualtherapeutischen Ansatz von Masters und Johnson deutlich, der wie kein anderer die gegenwärtige Sexualwissenschaft beeinflusst hat.

Das anthropologische Verständnis folgte dem einfachen Modell von (sexuellem) Reiz und (psychosomatischer) Reaktion. Der Mensch bestehe aus zwei miteinander in Wechselwirkungen stehenden Systemen: dem „biophysischen“ und dem „psychosozialen“ Bereich. Es war nun nicht nur die Frage, wie er im jeweiligen Bereich auf sexuelle Reize reagiert, sondern auch, wie letzterer Bereich den ersteren beeinflussen kann, sodass entsprechende Reize nur geringe oder gar keine Reaktionen hervorrufen. Die automatische Reaktion im biophysischen Bereich, dem biologischen Fundament der Sexualität, kann also durch den psychosozialen Bereich modifiziert bzw. unterdrückt werden. Dieses Fundament ändert sich im Laufe des Lebens, wie in einem Lehrbuch ausgeführt wird: „Beim Mann wird der Kulminationspunkt sexuellen Interesses etwa um das 21. Lebensjahr erreicht, danach geht das Interesse langsam zurück. Bei der Frau dagegen steigt, generell gesprochen, die Libidostärke bis zum 35. Lebensjahr an und fällt dann im Klimakterium und später kaum mehr ab.“ 5 Solche Aussagen stützen sich auf scheinbar naturgesetzliche Gegebenheiten und zeugen vom biologischen bias des Autors. Ähnlich naiv wird in diesem Zusammenhang der Orgasmus begriffen. Bei Männern sei die Definition nicht schwierig, da er ja − objektiv fassbar − mit der Ejakulation einhergehe. Aber auch bei der Frau lasse sich der Orgasmus – wenn auch nur subjektiv – fassen. Generelles Zeichen sei „die Angabe eines Gefühls des Pulsierens und Pochens im Unterleib mit anschließend angenehm empfundenem Nachlassen einer inneren Anspannung“, wie es im betreffenden Lehrbuch heißt. Es ist bemerkenswert, wie sehr das Erleben des Orgasmus, die „Angabe eines Gefühls“, vom Autor auf medizinisch objektivierbare physiologische Vorgänge reduziert wird: nämlich „Pulsieren“ und „Anspannung“.

Die Theorie vom sexuellen Reaktionszyklus erscheint als naturwissenschaftlich gesicherte Grundlage, auf der alle möglichen sexualmedizinischen Studien aufbauen. Jeder Phase des Reaktionszyklus lassen sich somit bestimmte Störungen zuordnen. So werden etwa in einer neueren Übersichtsarbeit die Sexualstörungen des Mannes „nach ihrem Auftreten im sexuellen Reaktionszyklus (Appetenz-, Erregungs-. Orgasmus- und Rückbildungsphase) unterteilt.“6 Paradoxerweise hat gerade die Freud‘sche Psychoanalyse, welche die naturwissenschaftliche Medizin psychologisch transzendieren und anthropologisch reformieren wollte, mit dazu beigetragen, die biologistische Auffassung der Sexualität zu bekräftigen. Neu war allerdings die Aufdeckung sexueller Motivationen im kulturellen und sozialen Leben. Freud stellte kulturelle und religiöse Normen infrage, nicht aber die normativen biologischen Vorstellungen seiner Zeit über die Sexualität als Triebgeschehen. Insofern erscheinen die Lehren und Behandlungsmethoden seines fragwürdigen und tragischen Schülers Wilhelm Reich zum Teil als eine Karikatur derjenigen des Meisters (siehe Kapitel 3).

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1Rudolf Kaden: „Einleitung“ zu Rudolf Kaden (Hg.): Allgemeine Pathologie der Sexualfunktionen. Störungen der Reproduktion und der Kohabitation. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 1980: S. 15-17.

2 William H Masters / Virginia E.Johnson: Die sexuelle Reaktion . Mit e. Einf. von Hans Giese. Wiss. Bearb. d. dt. Ausg.: Volkmar Sigusch. Frankfurt am Main: Akademische Verlagsges., 1967.

3 Götz Kokott: Die gestörte Sexualfunktion. In: Rudolf Kaden (Hg.), 1980 [wie Fußn. 1], S. 269-366, hier: 275 f.

4 Elisabeth Kübler-Ross: On Death and Dying. London: Macmillan, 1969.

5 Kokott, 1980 [wie Fußn. 3]: S. 272, 274 f.

6 Dirk Rösing et al.: Sexualstörungen des Mannes. Diagnostik und Therapie aus sexualmedizinisch-interdisziplinärer Sicht. Deutsches Ärzteblatt 106 (2009), H. 50, S. 821-828, hier: S. 821.

2. Kap./4*„Physiologischer“ Orgasmus als Ideal

Es stellt sich die Frage, wieweit nicht auch die heutige Sexualmedizin trotz aller „psychosozialen“ Erweiterungen letztlich biologistisch argumentiert. Jedenfalls wurde das soeben skizzierte Modell von Masters und Johnson – psychoanalytisch angereichert – an die (west-) deutschen Verhältnisse angepasst und als „Paartherapie“ in die Praxis umgesetzt.1 Damit hatte die Sexualmedizin ein international anerkanntes Leitbild, eine ideologisch e Grundlage. Die Fokussierung auf die Paartherapie verweist auf das Problem der Sexualmedizin heute: Einerseits geht sie in der Theorie von einem ständigen kulturellen Prozess der „Umkodierung“ der Sexualität aus – ihre Formen seien eben nicht von Natur aus gegeben –, andererseits macht sie in der Praxis „befriedigendes Sexualverhalten“ von der Befolgung physiologischer Naturgesetze abhängig, worauf alle Therapie abzuzielen habe. Eine geistige „Umkodierung“ dieser physiologischen Naturgesetze scheint außerhalb der Denkmöglichkeit. Im Rückgriff auf Wilhelm Reich, der „nach wie vor die geschlossenste und zugleich anspruchvollste Theorie über den Orgasmus“ vorgelegt habe, und unter Berufung auf die empirischen Befunde von Masters und Johnson demonstrierte Volkmar Sigusch diese physiologische Engführung. Die „Physiologie des Orgasmus“, die alle möglichen organischen Reaktionen bis ins Einzelne beschreibt, begreife das Geschehen als automatisch ablaufenden komplexen Reflexmechanismus.2

So kommt ein Menschenbild zum Vorschein, das vom Spannungsfeld zwischen biologischer Basis und mentalem Überbau ausgeht und insofern an das Marx’sche Strukturmodell des Kapitalismus erinnert. Auf der einen Seite scheinen die biologischen Grundlagen der Sexualität objektiv festzustehen, während auf der anderen Seite der soziokulturelle Wandel zu unterschiedlichen Bewertungen bzw. Ausformungen sexueller Aktivitäten führt.3 Es ist auffällig, wie das sogenannte „biopsychosoziale“ Modell der Krankheit, das heute als Insignium einer „ganzheitlichen Medizin“ gilt, auch das Verständnis der Sexualität prägt. Biologisch erscheint der Mensch als Reflexwesen, psychologisch als Luststreber und sozial als Objektsucher. Neben die physiologische Forschung tritt die sozialpsychologische, die sich vor allem auf die empirische Erforschung des Sexualverhaltens konzentriert, etwa die statistische Erhebung des Sexualverhaltens im Alter mit entsprechender grafischer Darstellung.4 Biologische und sozialpsychologische bzw. psychosoziale Beschreibungen und Erklärungen wollen „die“ Sexualität wissenschaftlich vermessen und allseitig interdisziplinär erfassen. Dabei spielen nach dem Vorbild des bahnbrechenden Kinsey-Reports, eines von der Rockefeller Foundation getragenen Forschungsprojekts unter Regie des National Research Counil’s Committee for Research on Problems of Sex, die Methodologie der empirischen Sozialforschung, insbesondere die statistische Auswertung von Befragungen und Interviews eine zentrale Rolle.5 Die quantitative Erfassung hat den Vorteil, dass sie in Kurven und Tabellen veranschaulicht werden kann, wie die Fachliteratur zeigt.

Eine kultur- und religionsgeschichtliche Reflexion fehlt entweder gänzlich oder bleibt an der Oberfläche stehen. Dementsprechend spielen Begriffe wie „Sublimation“, „Karezza“ oder „Tantra“ keine Rolle, welche die Spiritualisierung der Sexualität zum Inhalt haben. Die „Macht des Geistes über den Körper“, wie der Begründer des Hypnotismus James Braid es formulierte, wird als mögliche Option für den Menschen ignoriert. Wenn der Geist nur als Überbau-Phänomen, als Begleiterscheinung der (Nerven-) Physiologie angesehen wird, der gerade durch seine Blockaden der „normalen“ physiologischen Vorgänge pathogen wirkt, ist selbstverständlich jede positive („gesunde“) Beeinflussung oder gar Modifikation der unwillkürlich ablaufenden Sexualvorgänge schwer vorstellbar. Merkwürdigerweise wird auch bei manchen theologischen Expertisen, die eine religions- und kulturhistorische Perspektive verfolgen, keine grundsätzlich andere Position sichtbar.6

Ein weiteres Beispiel für das (relativ) biologistische Verständnis der Sexualität nach der „sexuellen Revolution“ der 1960er Jahre bietet das umfangreiche Standardwerk des deutschen Sexualwissenschaftlers Erwin J. Haeberle mit großformatigen Fotografien, die an das Genre von Erotik-Bildbänden erinnern.7 Auch hier wurde die Vier-Phasen-Theorie von Masters und Johnson als grundlegende Lehre referiert und − für Mann und Frau getrennt − breit ausgewalzt. Der Orgasmus erschien als normales Ziel im „Zyklus der sexuellen Reaktion“, das der Mann leichter erreichen könne als die Frau: „Fast alle Männer, die die Fähigkeit zur Erektion besitzen, sind auch zum Orgasmus fähig. Das heißt: Im Gegensatz zu Frauen, die oft Schwierigkeiten haben, über die Plateauphase hinauszukommen, können sich Männer normalerweise darauf verlassen, den ganzen Zyklus der sexuellen Reaktion zu erleben.“ Die physiologischen Abläufe würden unwillkürlich, automatisch verlaufen. Haeberle warnte jedoch davor, vom (biologischen) Sein aufs (ethische) Sollen zu schließen. Denn was als „natürlich“ oder „widernatürlich“ zu gelten habe, hänge vom jeweiligen moralischen Wertsystem ab: „Natur als solche ist wertfrei, sie kennt keine Bevorzugung, keine Richtung, kein Endziel.“ So sei „widernatürlich“ ein Werturteil und keine Tatsachenbehauptung. Die Naturrechtslehre beruhe eben nicht auf wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern sei „Ausdruck einer vorwissenschaftlichen, mythischen Sicht der Welt.“ In dieser Sicht sei „Natur“ eine Ideologie gewesen, demgegenüber „Wissenschaft“ dem Menschen ermöglicht habe, „die Natur unvoreingenommen zu betrachten.“ Hier wird die entscheidende Einstellung der modernen Naturwissenschaften sichtbar: nämlich die Überzeugung, die Natur objektiv erfassen und ihre Kausalgesetze ohne Vernebelung durch normative Moralvorstellungen aufdecken zu können.

Vielleicht ist dies der größte Denkfehler der heutigen Bioethik, zu meinen, die Befunde der Biomedizin bzw. Lebenswissenschaften (life sciences) seien absolute Größen, objektive Naturtatsachen, ihre normative Bewertung dagegen „nur“ relativ, kulturabhängig. Wer so denkt, und das ist wohl die überwiegende Mehrzahl der heutigen Wissenschaftler, verkennt, dass auch die angeblichen Naturtatsachen Konstrukte darstellen. Diese mögen noch so brauchbar und überzeugend sein – sie können zumindest in der Medizin nicht alles erklären und weisen blinde Flecken auf. Der Begriff des Orgasmus in der Sexualmedizin ist ein solches Konstrukt: Angeblich definiert er nichts anderes als einen rein physiologischen Vorgang, praktisch aber stellt er eine normative Schablone dar, die als diagnostisches Instrument sowie als therapeutische Richtschnur eingesetzt wird.

Als physiologische Voraussetzung des Orgasmus erscheint heute primär die Potenz (potentia coeundi) des Mannes. Impotenz hat Krankheitswert und ist schon längst zu einem wichtigen Gegenstand von Sexualmedizin und Andrologie geworden. Sie war in der frühen Neuzeit ein Leitsymptom für Schadenszauber und dämonische Beeinflussung durch Hexen und wurde – abgesehen von der Hexenverfolgung – dementsprechend mit magisch-religiösen Mitteln behandelt. Die moderne Medikalisierung der Impotenz bedient sich des gesamten Spektrums medizinischer Behandlungsmethoden. Welche Bedeutung dem Steifwerden des „männlichen Gliedes“ zum geforderten Zeitpunkt gegenwärtig beigemessen wird, mag man am Viagra hype ermessen, der dem betreffenden Pharma-Konzern ein unüberbietbares Milliardengeschäft bescherte. „Alternative“ Potenzmittel berufen sich auf die Magie der Natur, um dem Übel abzuhelfen. So lautet ein Werbetext für „Vital G MAX“, womit die erektile Dysfunktion angeblich „diätetisch“ behandelt werden soll: „Entweder greifen Sie zu harter Chemie. Werfen kurz vor Ihrer Begegnung die Chemie-Pille [Viagra] ein. Drücken wie mechanisch auf den Start-Knopf ‚Sex’. Oder Sie kommen langsam und nachhaltig zum Höhepunkt. Mit diesem Mittel aus der Apotheke von Mutter Natur. Mit Vital G MAX bekommen Sie kräftige Helfer für Ihre harte und ausdauernde Männlichkeit. Damit tanken Sie den Sex-Kraftstoff von Mutter Natur.“8 Die „Apotheke von Mutter Natur“ hat also im Marketing „natürlicher“ Potenzmittel Konjunktur. Das Denkmodell ist freilich dasselbe, wie bei der „harten Chemie“, geht es doch um die bessere Durchblutung des Penis, „harte Erektionen und langes Durchhalten“, wie es in entsprechenden Werbebroschüren heißt.

Die uralten Sexualpraktiken des fernöstlichen „Tantra“, aber auch die im Kontext der westlichen Sexualreform um 1900 entwickelte Technik der „Karezza“ lehnen eine solche rein leistungsphysiologische Auffassung von Potenz und Orgasmus ab und verweisen auf die Möglichkeit, durch bewusstes Training die unwillkürlichen Sexualvorgänge ein Stück weit willkürlich zu modulieren (siehe Kapitel 6). In diesem Zusammenhang ist der Begriff der „Magie“ bzw. „Sexualmagie“ interessant, worauf im letzten Kapitel zurückzukommen ist. Die Verwurzelung der Sexualmedizin und Sexualwissenschaft im biologistischen Denken der Medizin des 19. und 20. Jahrhunderts zeigt sich in ihrer Einstellung zu solchen esoterisch erscheinenden Sexualpraktiken: Diese werden entweder gänzlich ignoriert oder aber nur oberflächlich gestreift. Eine Art komplementäre Sexualmedizin in Analogie zur „Komplementärmedizin“ ist nicht Gegenstand meiner Untersuchung und würde deren ideengeschichtlichen Rahmen sprengen. Ich möchte lediglich das Menschenbild der Sexualmedizin problematisieren, das alternative Ideen ausblendet. Dies sei an einem Beispiel erläutert. In dem oben erwähnten Standardwerk von Haeberle wird „Carezza“ [sic] an drei Stellen beiläufig erwähnt, ohne dass sich eine Auseinandersetzung mit dieser Methode des Geschlechtsverkehrs anschließt.9 „Das Ziel ist eine vor allem geistige Vereinigung der Partner, und man sagt, sie erreichten auf diese Weise eine verlängerte Lustphase mit mehreren Orgasmen. Jedenfalls bleibt der Mann wohl länger in der Plateauphase, als für beide befriedigend sein kann.“ Diese „Orgasmen“ seien aber nicht mit den physiologischen Vorgängen identisch, von denen in der Sexualmedizin die Rede sei. Aber um was handelt es sich dann? Und was bedeutet „geistige Vereinigung der Partner“? Diese Fragen bleiben undiskutiert im Raume stehen. „Karezza“ wird schlechthin mit dem Coitus reservatus identifiziert, bei der der Mann die Ejakulation vermeidet, und somit den „unzuverlässigen Methoden“ der Empfängnisverhütung zugeordnet. Wie wir sehen werden, wollte die „sexuelle Revolution“ im Kontext der 68er Studentenbewegung die unterdrückte Sexualität befreien und den Trieben ihre berechtigte Befriedigung verschaffen. Die Überführung sexueller Regungen in geistiges Leben oder gar die geistige Modulierung biologischer, „unwillkürlicher“ Abläufe durch meditative Übungen lag außerhalb ihres Denkhorizonts.

Auch in dem umfassenden Standardwerk „Sexualmedizin“ können wir Ähnliches beobachten.10 Im Kapitel „Anthropologische Grundlegung“ wird der Einfluss von Kultur und Religion auf das Sexualverhalten thematisiert und die ausschließlich biologische Erklärung sexueller Phänomene (essenzialistische Perspektive) ebenso abgelehnt wie die ausschließlich historisch-kulturelle Erklärung (konstruktivistische Perspektive). Beide Erklärungsansätze seien gleichermaßen berechtigt, nur führe ihre jeweilige dogmatische Verabsolutierung auf die falsche Fährte. Eine Auseinandersetzung mit naturphilosophischen oder spiritualistischen Konzepten findet freilich nicht statt. Dies hat einen einfachen Grund: Das „biopsychosoziale Modell des Sexuellen“ scheint – analog zum Menschenbild der Medizin und insbesondere ihrer psychosozialen Fachgebiete – die „Ganzheit“ des menschlichen Lebens zu erfassen. Es unterstreicht zwar den Einfluss von Religion und Kultur auf Gesundheit und Krankheit, nimmt deren Inhalte und ihre ideengeschichtliche Bedeutung für uns heute aber nicht wirklich ernst. Das zeigt sich im Abschnitt „Kulturgeschichte“, wo auf wenigen Seiten die Geschichte der Sexualität als eine Geschichte ihrer Unterdrückung entlarvt werden soll. Diese scheinbar obsolete Geschichte, die als unwissenschaftliche Vorgeschichte begriffen wird, fand demnach erst mit dem „Beginn der Sexualwissenschaft“ im frühen 20. Jahrhundert ihr Ende, die jenen wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht habe, auf dessen Höhepunkt die Autoren ihre eigene Position ansiedeln. Diese Geschichtsauffassung und wissenschaftliche Selbsteinschätzung stimmen völlig mit denjenigen überein, die wir auch sonst in der medizinischen Literatur – auf biomedizinischem Feld ebenso wie auf sozialmedizinischem – finden. Begriffe wie natürliche Magie, Heilige Hochzeit, Mystik, Alchemie etc. werden wohl als anachronistische Fremdwörter empfunden, die von einer irrelevant eingeschätzten Vorgeschichte herrühren.

So ist es nicht verwunderlich, wenn in dem über 800 Seiten dicken Werk die sogenannten „Tantra- und Karezza-Praktiken“ nur mit einem einzigen Satz erwähnt werden: „Einige Männer scheinen tatsächlich zu präejakulatorischen Orgasmen in der Lage zu sein, die nicht nur Erregungsspitzen sind, und es gibt Hinweise darauf, dass durch eine Art viszeralen Lernens eine differentielle Hemmung des sympathisch innervierten Emissionsmechanismus unter Erhalt des somatisch innervierten Kontraktionsmechanismus trainierbar ist, wie dies auch für Tantra- und Karezza-Praktiken beschreiben wird.“ Die religions- und kulturhistorischen Traditionen sowie – im Falle von „Karezza“ – die sexual- und sozialreformerischen Implikationen werden hierbei gänzlich ausgeblendet. Und so erscheint das „biopsychosoziale Modell des Sexuellen“ als einzig mögliches Denkmodell, ohne Alternative. Man könnte auch sagen: Es offenbart den Essenzialismus der sexualmedizinischen Konstruktion.

Von Sexualwissenschaft als einer etablierten wissenschaftlichen Disziplin kann gegenwärtig keine Rede mehr Rede sein. Das 1973 am Medizinischen Fachbereich der Universität Frankfurt gegründete Institut für Sexualwissenschaft (IfS) wurde mit der Emeritierung seines Leiters Volkmar Sigusch 2006 wieder geschlossen. Dessen bitteres Fazit lautete, dass sich die „regierenden Körpermediziner mit ihrer offenbar unerschütterlichen Borniertheit“ durchgesetzt hätten, wonach „sexuelle Störungen ohne eine Reflexion der seelischen, kulturellen und gesellschaftlichen Umstände erforscht, begriffen und behandelt werden können.“11 Tatsächlich waren die „Körpermediziner“ der Meinung, sie hätten operativ „doch alles im Griff“, wie es damals ein Ordinarius für Gynäkologie formulierte.12 Die Sexualwissenschaft scheint demnach also entbehrlich zu sein. Gestörte Sexualität mit Krankheitswert wird in der Frauenheilkunde, Psychiatrie und Chirurgie behandelt, neuerdings auch von Spezialfächern wie Reproduktionsmedizin und Andrologie.

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1 Volkmar Sigusch: Praktische Sexualmedizin. Eine Einführung. Köln: Deutscher Ärzte-Verl., 2005: S. 66.

2 Volkmar Sigusch: Physiologie des Orgasmus. Versuch einer Definition. In: Volkmar Sigusch (Hg.): Sexualität und Medizin. Arbeiten aus der Abteilung für Sexualwissenschaft des Klinikums der Universität Frankfurt am Main. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1979: S. 143-156.

3 Caroline Maake: Biologische Grundlagen der Sexualität: Anatomie, Physiologie, Hormone. In: Sexualität im Wandel. Hg. von Rainer Hornung, Claus Buddenberg, Thomas Bucher. Zürich: vdf Hochschulverlag ETH Zürich, 2004 (Reihe Zürcher Hochschulforum; Bd. 36): S. 29-43. − Gunter Schmidt: Sexualität und Kultur: Soziokultureller Wandel der Sexualität. In: Sexualität im Wandel, 2004 [siehe oben]: S. 11-28.

4 Rainer Hornung / Thomas Bucher: Sexualität im Alter. In: Sexualität im Wandel, 2004 [wie Anm. 30]: S. 181-193.

5 Alfred C. Kinsey / Wardell B. Pomeroy / Clyde E. Martin: Das sexuelle Verhalten des Mannes. [Originalausg. 1948] Berlin; Frankfurt am Main: S. Fischer, 1965. − Dieselben zusammen mit Paul H.Gebhard: Das sexuelle Verhalten der Frau. [Originalausg. 1953] Berlin; Frankfurt am Main: S. Fischer, 1966.

6 Regina Ammicht Quinn: Körper – Religion – Sexualität. Theologische Reflexionen zur Ethik der Geschlechter. Mainz: Matthias-Grünewald-Verl., 1999.

7 Erwin J. Haeberle: Die Sexualität des Menschen. Handbuch und Atlas. Berlin; New York: de Gruyter, 1983rle, 1983: S. 281, 348, 379. 347, 375.

9 Haeberle, 1983 [wie Anm. 34]: S. 39, 100, 281.

10 Klaus M. Beier / Hartmut A.G. Bosinski / Kurt Loewit: Sexualmedizin. Grundlagen und Praxis. 2., völlig neu bearb. u. erweiterte Aufl. München; Jena: Urban & Fischer, 2005: S. 45-51, 240.

11 Volkmar Sigusch: Geschichte der Sexualwissenschaft. Mit 210 Abbildungen und einem Beitrag von Günter Grau. Frankfurt; New York: Campus, 2008: S. 475 f.

12 Volker Breidbeck: Fülle und Falle der Wollust. Zum 70. Geburtstag des Sexualforschers Volkmar Sigusch. Süddeutsche Zeitung, 11. Juni 2010, Nr. 131, S. 14.