Die Drucklegung des Buchs wird im November 2016 ins Auge gefasst

Nachem eine Reihe von Publikumsverlagen keinerlei Interesse an einer Veröffentlichung meiner Abhandlung über die Sexualität gezeigt hat und mir die betreffenden Verlage auch nach vielen Monaten nicht einmal eine Eingangsbestätigung zukommen ließen, habe ich mich entschlossen, mit einem in der Öffentlichkeit weniger renommierten Verlag zusammenzuarbeiten. Ein erstes Gespräch findet im November 2016 statt. Wenn ein Erscheinungsdatum absehbar ist, werde ich es in diesem Blog mitteilen.

Update vom 24.02.2017:

Leider hatten alle bisherigen Bemühungen keinen Erfolg, diese Abhandlung in Buchform zu veröffentlichen. Entweder scheiterte das Vorhaben an dem von Verlagsseite geforderten Druckkostenzuschuss oder aber an einer vorgeschlagenen Umgestaltung, die ich als Autor nicht befürworten kann. So wird es in nächster Zeit leider zu keiner Buchpublikation kommen, was das Lesen des Textes und Betrachten der Abbildungen sicher erleichtern würde.  

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Buchtitel und Vorwort

Heinz Schott

Himmel oder Hölle

Ein Essay über die Sexualität

[Vorschau / Preview]

Vorwort

Lange habe ich nach einem geeigneten Titel für meinen Essay gesucht. Schließlich fiel mir das Spiel „Himmel oder Hölle“ ein. Ich kann mich daran erinnern, dass wir es als Kinder hin und wieder gespielt haben. Dabei wird ein Papier so gefaltet, dass zwei kreuzweise angeordneten Spalten entstehen. Die Wände der einen Spalte werden rot, die der anderen blau gefärbt. Mit einer Handbewegung zeigt er Spieler seinem Gegenüber, der das Papierkunstwerk hält, auf die zu öffenende Spalte. Zeigen sich deren Wände blau, kommt er in den Himmel, zeigen sie sich rot, kommt er in die Hölle. Das Sexualleben, nicht zuletzt in Form der bürgerlichen Ehe, wird häufig als ein Glücksspiel aufgefasst, das dem von „Himmel oder Hölle“ entspricht: Man hat zwar die Wahl, aber was herauskommt ist Zufall − und eher Hölle als Himmel, gängiger Stoff für für Ehedramen und Liebesgeschichten. In Literatur und Kunst ist Sexualität als Ursache gescheiterter Beziehungen, also die „Hölle“, zumeist ein interessanterer Gegenstand als jene Sexualität, die Glück, also den „Himmel“, bedeutet. Dem entspricht die verbreitete Meinung, dass der Mensch sexuellem Begehren und Getriebensein auf Gedeih und Verderb ausgesetzt sei und dieses allenfalls um den Preis seiner Vitalität und Gesundheit unterdrücken könne. Die Vorstellung, dass Sexualität so gelenkt und gemeistert werden kann, dass sie Vitaltiät und Gesundheit steigert, erscheint dagegen weniger populär.

Meine Betrachtungen als Medizinhistoriker resümieren die Ergebnisse langjähriger Forschungen. Erste Überlegungen zur Ideengeschichte der Sexualität stellte ich bereits vor mehr als drei Jahrzehnten an. So eindrucksvoll die psychoanalytisch inspirierten Sexualtheorien und davon abgeleitete Sexualpraktiken damals in den studentenbewegten Jahren auch waren − vor allem Wilhelm Reich wurde seinerzeit intensiv diskutiert −, so unbefriedigend erschienen sie mir in ihrer geistigen und poetischen Substanz. Eine faszinierende Gegenwelt schienen dagegen utopisch erscheinende Sexualkonzepte zu versprechen, welche die geistige Führung des Geschlechtstriebs propagierten und die man im Allgemeinen der „Sexualmagie“ zuordnet. Insofern scheint mein Ansatz „idealistisch“ zu sein: Er hat hat keine Scheu, Gebiete der Theologie und Mystik zu berühren und den Begriff des Geistes ins Spiel zu bringen.

Dieser Essay lebt von Zitaten und Anspielungen. Deren Quellen müssen selbstverständlich detailliert angegeben werden. Ich habe eine Form gewählt, die den Leser möglichst wenig stören soll, ihm aber bei Bedarf exakte Literaturhinweise im Anhang liefert. Dieses Buch ist kein Gesundheitsratgeber, kann aber gleichwohl eine Orientierung für die Lebensführung geben. Es will auch keinen Beitrag zur Sexualethik liefern, obwohl es voller ethischer Implikationen steckt. Dem Leser bleibt es überlassen, inwieweit er aus dem Gelesenen praktische Konsequenzen für sein eigenes Leben ziehen kann und will. Als Autor möchte ich es mit einem Zitat aus Goethes „Faust“ halten, das auch der Selbstanalytiker Sigmund Freud wie eine Schutzformel in seinem Hauptwerk „Die Traumdeutung“ ins Feld führte:

Das Beste, was du wissen kannst,

Darfst du den Buben doch nicht sagen.“

Bonn, im Frühjahr 2016 Heinz Schott

Inhaltsverzeichnis

The

Hier sind nur die Kapitel angegeben, die jeweiligen Unterabschnitte sind auf der Seitenleiste (verlinkt) ersichtlich. Die Überschriften der beiden Abschnitte A. und B. haben keinen eigenen Beitrag.

# Einleitung

[A. Der biologische Reflex: Aspekte des sexuellen Elends]

# 1. Geschlechtstrieb: Der gefährliche „Trieb der Natur“

# 2. Normierungen der Sexualwissenschaft und Sexualmedizin

# 3. Die „sexuelle Revolution“ und ihre biologistische Verblendung

[B. Die Macht des Geistes: Metamorphosen der Sexualität]

# 4. „Unio mystica“ als religiöse Liebesvereinigung

# 5. Der Topos von der „Heiligen“ oder „Himmlische Hochzeit

# 6. Formen der erotischen Magie und ihre Glücksversprechen

# Schlussbetrachtung

The End

# Einleitung

Sex, dieses einsilbige Wörtchen mit nur drei Buchstaben, hat im Laufe des 20. Jahrhunderts − man denke an die „Sexbombe“ im klassischen Hollywoodfilm − eine steile Karriere gemacht. Es berührt menschliches Leben schlechthin, wobei wir in unserem Essay von der Sexualität bei Pflanzen und Tieren absehen wollen. „Sex haben“ entspringt wohl dem englischen Ausdruck to have sex und wurde früher mit dem heute altmodischen klingen Ausdruck „Geschlechtsverkehr ausüben“ bezeichnet. Wenn etwas als sexy charakterisiert wird, so hat das gewöhnlich mit Sexualität im engeren Sinne ebenso wenig zu tun wie das inzwischen äußerst beliebte Adjektiv „geil“. In der Regel aber verweist das Wörtchen Sex − zumindest in der heutigen Umgangssprache − auf geschlechtliche Interaktionen zwischen Individuen. Diese können recht verschiedene Formen annehmen und haben auch im Laufe der Menschheitsgeschichte verschiedene Formen angenommen. Sex bedeutet also die konkrete Ausprägung der Sexualität in einem bestimmten sozialhistorischen Kontext.

Die Sexualität gehört zu den schwierigsten Kapiteln der Menschenkunde. So tut sich die medizinisch oder philosophisch ausgerichtete Anthropologie schwer, „Sexualität“ begrifflich zu fassen. Eine Bewertung scheint alle Zeitalter zu überdauern und trotz aller biologischer und psychosozialer Erkenntnisse auch heute noch vorherrschend: Sexualität erscheint als Trieb der Natur und als solcher irrational, von biologischer Gesetzmäßigkeit bestimmt und deshalb vom Verstand kaum beeinflussbar. Dieser Trieb scheint alles überrennen zu wollen, was ihm im Wege steht, und sich wie ein Herrscher in seinem Reich aufzuführen. Hier stellt sich dann die Frage: Bedeutet Sexualität ein Sperrgebiet für den menschlichen Geist? Gleicht jene nicht einem verminten Schlachtfeld, auf dem dieser letztlich verloren ist, wenn er es betritt?

Merkwürdigerweise wurden und werden diese Fragen in letzter Konsequenz bejaht. Der Geschlechtstrieb wurde traditionell dem dunklen und gefährlichen Unterleib des Menschen zugeordnet, dort, wo der Teufel eine Eintrittspforten finden konnte, während Geist, Verstand, Vernunft im hellen Oberleib, insbesondere Herz und Hirn, lokalisiert wurden. Diesem gefährlichen Feind im Unterleib galt es Paroli zu bieten, ihn zu bändigen und in seine Schranken zu weisen. Selbst Sigmund Freud bediente sich noch dieses Modells, um seine spezielle Neurosenlehre aus der Sexuallehre abzuleiten: Zum Aufbau und zur Erhaltung der Kultur hatte der Mensch seine Sexualität zu unterdrücken. Dies aber führte zu seiner unauflösbaren Tragik: seiner Neurose, die darin bestand, dass sich der Sexualtrieb eben nicht besiegen ließ und nur mühsam in Schach gehalten werden konnte − um den Preis neurotischer Krankheitssymptome. Freilich war Freud im Gegensatz zu fast allen seiner Anhänger raffiniert genug, um dieses einfache Unterdrückungsmodell zu verflüssigen: Der Geschlechtstrieb, die „Libido“ oder Sexualenergie konnte sublimiert werden, ließ sich also in kulturelle Leistung verwandeln. Die „Sublimierung“ spielte metaphorisch auf die alchemistischen Stoffverwandlung und -veredlung an. Doch auch dieser Begriff der Sublimierung bestätigt letztlich die traditionelle Auffassung von Sexualität. Sie ist das urtümliche Reich der Lebenskraft, die zwar verfeinert, sublimiert werden kann, aber dadurch zugleich die Vitalität des kulturell gezähmten Menschen einschränkt und ihn zum Neurotiker macht. Freud setzte, was den meisten Interpreten entgangen ist, nicht am Sexualleben unmittelbar an. Sublimieren bedeutete für ihn also nicht eine veränderte Sexualpraktik, sondern eine Verschiebung der Energie auf kulturelle Leistungen.

Die „sexuellen Revolutionen“ im 20. Jahrhundert blieben in diesem Modell der unterdrückten Sexualität befangen. Letztere sollte sich endlich von den Fesseln befreien, sich ungehindert von sozialen Tabus ausleben können. Die Akteure konnten sich auf ein scheinbar zwingendes Argument berufen: Die Unterdrückung der Sexualität mache krank und schwach, das Ausleben emanzipiere von den bürgerlichen Normen und mache gesund und stark. Was bestimmte Vordenker propagiert hatten, etwa in der Lebensreformbewegung um 1900 und dann mit sozialrevolutionärem Elan in der Zwischenkriegszeit, wurde nun in den 1960er und 1970er Jahren zum Evangelium erhoben. Es kam zu einer unreflektierten Neo-Romantik, die der menschlichen Natur gegen den normativen Zwang der Gesellschaft zu ihrem Recht verhelfen wollte. Freilich waren diese Bestrebungen bei genauerem Hinsehen vielmehr der biologistischen Doktrin − etwa im Sinne eines Wilhelm Reich −, als irgendeiner romantischen Naturphilosophie − etwa im Sinne eines Novalis − verpflichtet. Mit anderen Worten: Sex wurde nun in allerlei Spielarten „emanzipatorisch“ praktiziert und war Teil eines mehr oder weniger revolutionären Kampfes, der sich gegen bürgerliche Normen, kapitalistische Zwänge oder gar faschistische „Panzerungen“ richtete. Über dieses Schlachtfeld hatte der menschliche Geist zwar die Oberaufsicht, insofern er das Terrain mit ideologischer Schärfe absteckte, einen direkten Zutritt hatte er jedoch nicht. Denn in das sich quasi automatisch entladende Sexleben sollte er sich keinesfalls einmischen. Denn Sexualität erschien ja per se unterdrückt und sollte sich endlich aus den kulturellen Fesseln befreien.

Mein Essay stellt diese einseitige Auffassung der Sexualität und die aus ihr abgeleiteten Sexualpraktiken in Frage. Er gliedert sich in zwei Abschnitte: Im ersten untersuche ich die traditionelle und letztlich auch heute noch vorherrschende Auffassung von Sexualität, die als Ausdruck einer natürlichen Triebhaftigkeit begriffen wird, deren Spannung in einem biologischen Reflexvorgang aufgelöst werden sollte; im zweiten stelle ich anhand von historischen Zeugnissen dar, wie das Sexualleben möglicherweise durch die „Macht des Geistes“ willkürlich zu einer Quelle von Mitmenschlichkeit und Glück verwandelt werden kann.

Die traditionelle Auffassung von Sexualität als „Trieb der Natur“ erblickte im menschlichen Geist eine Art Zuchtmeister, der die Peitsche schwingen muss, um der sexuellen Unzucht Herr zu werden. Die „sexuellen Revolutionen“ im 20. Jahrhundert haben zwar den Zuchtmeister zurückgepfiffen, aber keine grundsätzlich neue Auffassung von Sexualität als Naturtrieb hervorgebracht, sondern diese eher noch radikalisiert: Befreiend und gesund schien nun die von geistiger Beeinflussung ungehemmt praktizierte Sexualität. Mein Essay verfolgt eine umgekehrte Perspektive. Ich gehe nicht von der (unbestreitbar vorhandenen) Macht des Naturtriebs und seiner unwillkürlichen Physiologie aus, um von dieser Grundlage aus alle weiteren Überlegungen zu entwickeln, sondern von der Macht des menschlichen Geistes, willkürlich in die physiologischen Vorgänge einzugreifen und diese zu modellieren. Selbstverständlich sind geistigen Kräften − wie auch körperlichen − Grenzen gesetzt. Aber wo liegen sie konkret? Wie ernsthaft versucht der einzelne Mensch, diese Grenzen auszuweiten oder sie kontrolliert zu überschreiten?

Mein Essay schildert also einen Perspektivwechsel. Ich scheue mich, diesen großmundig als einen Wechsel von der Natur zum Geist zu deklarieren, da ich mich nicht auf das Feld der gelehrten Philosophie vorwagen möchte. Aber auf meinem eigenen Gebiet der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte gibt es genügend Anhaltspunkte, um einen solchen Perspektivwechsel tatsächlich plausibel zu machen. Ich stütze mich dabei vor allem auf meine Buch „Magie der Natur“, dessen letzten sieben Kapitel unter der Überschrift stehen: „Eros − Liebeszauber zwischen Sex und Mystik“. Mein Essay geht jedoch über die betreffenden Ausführungen hinaus, indem er die Thematik neu strukturiert und thesenartig zuspitzt. Wenn meine Betrachtungen provozierend wirken und zu Diskussionen führen, umso besser.

1. Kap./3* „Todsünde“ wider die Natur

Die Gefährlichkeit der Onanie (wie des übermäßigen Geschlechtsverkehrs) ergab sich aus der Vorstellung, dass mit dem Verlust des Samens zugleich Lebenskraft verloren gehe. Diese Lehre konnte sich in der abendländischen Tradition auf Aristoteles berufen, der tatsächlich in „De generatione animalium“ festgestellt hatte, dass im allgemeinen bei den meisten Männern der Geschlechtsverkehr zu Erschöpfung und Schwäche führe.1 Wir werden nun sehen, wie Christoph Wilhelm Hufeland in den 1790er Jahren die oben skizzierte Lehre von der verderblichen Onanie unverändert aufgriff und höchst wirkungsvoll in seine „Makrobiotik“ einbaute. Hufeland war seinerzeit noch Hofmedikus in Weimar. Zu seinen Patienten gehörten die dort ansässigen Geistesgrößen wie Goethe und Schiller. Nach seiner Berufung 1801 nach Berlin stieg er zu einer führenden Figur der deutschen Universitätsmedizin auf. Seine Lehre repräsentierte die medizinische Wissenschaft seiner Zeit. Deshalb sind seine Ausführungen zur Onanie besonders aufschlussreich und sollen im Einzelnen vorgestellt werden. Der Titel von Hufelands populärer Programmschrift lautete „Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“. Sie erschien erstmals 1796 bzw. 1797 und wurde in zahlreichen späteren Auflagen unter dem Obertitel „Makrobiotik“ in weiten Teilen der Bevölkerung auch als „Volksausgabe“ bekannt. Es lohnt sich, das dem Abschnitt „Verkürzungsmittel des Lebens“ zugeordnete Kapitel „Ausschweifungen der Liebe. – Verschwendung der Zeugungskraft. – Onanie, sowohl physische als moralische“ etwas genauer in Augenschein zu nehmen.2 Es stand bereits in der ersten Auflage von 1797 an zweiter Stelle von insgesamt 12 Kapiteln, was die Wichtigkeit seiner Thematik von Anfang an unterstrich. Auf wenigen Seiten malte Hufeland ein unüberbietbares Schreckensgemälde an die Wand. Die Ausschweifung sei das zerstörendste „von allen Lebensverkürzungsmitteln“: „Was kann aber wohl mehr die Summe der Lebenskraft vermindern, als die Verschwendung desjenigen Saftes, der dieselbe in der concentrirtesten Gestalt erhält, der den ersten Lebensfunken für ein neues Geschöpf, und den größten Balsam für unser eigenes Blut in sich faßt?“ Seelenorgane (Gehirn) und Zeugungsorgane seien eng miteinander verbunden und verbrauchten „beide den veredeltsten und sublimirtesten Theil der Lebenskraft“. Je mehr wir die Denkkraft anstrengen würden, desto weniger lebe unsere Zeugungskraft und „je mehr wir die Zeugungskräfte reizen und ihre Säfte verschwenden, desto mehr verliert die Seele an Denkkraft, Energie, Scharfsinn, Gedächtniß.“ Hufeland empfahl nun ein allgemeines therapeutisches Konzept gegen die triebhafte Säfteverschwendung, nämlich die Ehe, „die den Reiz des Wechsels ausschließt und den physischen Trieb höhern moralischen Zwecken unterwirft“. Somit könne „dieser Trieb auch physisch geheilt, d. h. unschädlich und heilsam gemacht werden.“ War nun die sexuelle Ausschweifung per se schon schlimm genug, so erschien die Onanie als der Gipfel der Schädigung, als Todsünde wider die Natur. Denn es gelte der Grundsatz, „daß die Natur nichts fürchterlicher rächt, als das, wo man sich an ihr selbst versündigt. – Wenn es Todsünden giebt, so sind es zuverlässig die Sünden gegen die Natur.“ Onanie schade bei beiden Geschlechtern „unendlich mehr […] als der naturgemäße Beischlaf.“ Hufeland malte ein entsprechendes Schreckensbild des „Sünders“ aus, der wegen seines Lasters von so gut wie allen Krankheiten, die seinerzeit diagnostiziert wurden, heimgesucht werden konnte. Es soll hier ausführlich wiedergegeben werden, da es jene medizinische Doktrin prägnant zusammenfasste, die erst im ausgehenden 20. Jahrhundert ihre Gültigkeit verlor.

„Schrecklich ist das Gepräge, was die Natur einem solchen Sünder aufdrückt! Er ist eine verwelkte Rose, ein in der Blüthe verdorrter Baum, eine wandelnde Leiche. Alles Feuer und Leben wird durch dieses stumme Laster getödtet, und es bleibt nichts als Kraftlosigkeit, Unthäthigkeit, Todtenblässe, Verwelken des Körpers und Niedergeschlagenheit der Seele zurück. Das Auge verliert seinen Glanz und seine Stärke, der Augapfel fällt ein, die Gesichtszüge fallen in das Länglichte, das schöne jugendliche Ansehen verschwindet, eine blassgelbe bleyartige Farbe bedeckt das Gesicht. Der ganze Körper wird krankhaft, empfindlich, die Muskelkräfte verlieren sich, der Schlaf bringt keine Erholung, jede Bewegung wird sauer […]. Knaben, die Genie und Witz hatten, werden mittelmässige oder gar Dummköpfe; die Seele verliert den Geschmack an allen guten und erhabnen Gedanken; die Einbildungskraft ist gänzlich verdorben. Jeder Anblick eines weiblichen Gegenstands erregt in ihnen Begierden, Angst, Reue, Beschämung und Verzweiflung an der Heilung des Uebels macht den peinlichen Zustand vollkommen.“

Der Onanist sei auch von „Anwandlungen zum Selbstmord“ wegen peinigender Gefühle und geheimer Vorwürfe bedroht: „Das schreckliche Gefühl des lebendigen Todes macht endlich den völligen Tod wünschenswerth.“ Aber auch andere schreckliche Leiden der Körperorgane und des Organismus insgesamt könnten entstehen: „Überdies ist die Verdauungskraft dahin, Winde und Magenkrämpfe plagen unaufhörlich, das Blut wird verdorben, die Brust verschleimt, es entstehen Ausschläge und Geschwüre in der Haut, Verdrocknung und Abzehrung des ganzen körpers, Epilepsie, Lungensucht, schleichendes Fieber, Ohnmachten und früher Tod.“ Das Übel werde noch komplettiert durch die Folgen der „moralischen Onanie“, der „Anfüllung und Erhitzung der Phantasie mit lauter schlüpfrigen und wollüstigen Bildern“. Dies könne zur „Gemüthskrankheit“ führen, zu einem schwächenden Reizfieber, einer „Reizung ohne Befriedigung“. Hufeland sah besonders drei Gruppen von der „moralischen Onanie“ betroffen: „Wollüstlinge“, Menschen „im religiösen Cölibat“, die ihre „Geistesonanie“ hinter heiligen Entzückungen verstecken könnten, sowie ledige Frauen, die durch die Lektüre von Romanen „oft im innern gewaltig ausschweifen“.

Auf der anderen Seite sang Hufeland ein Loblied auf die „Enthaltsamkeit von dem Genuss der physischen Liebe in der Jugend und ausser der Ehe“, wie das vierte Kapitel von insgesamt 17 im Abschnitt „Verlängerungsmittel des Lebens“ überschrieben ist.3 Zwei Gründe waren für ihn ausschlaggebend: zum einen die Vergeudung von Lebenskraft durch übermäßigen Samenverlust und zum anderen die Gefahren einer Ansteckung durch das „venerische Gift“. Beides konnte durch die Enthaltsamkeit vermieden werden. Als Lohn winkte dann ein „glücklicher Ehestand“, der Hufeland im darauffolgenden Kapitel mit rosigen Farben häuslichen Glücks ausmalte. Ein neuer Gesichtspunkt kam nun hinzu: Der Mensch sei gegen den physischen Schaden, „den die Nichtbefriedigung des Geschlechtstriebs erregen könnte, gesichert, es existirt keine unwiderstehliche blos thierische Nothwendigkeit desselben“. Es gebe „natürliche Ableitungen“ – „Pollutiones nocturnae beym männlichen und Menstrua beym weiblichen Geschlechte“. Daraus schloss Hufeland, dass die Enthaltsamkeit keinen Schaden anrichte, im Gegenteil: Die Säfte seien „nicht bloß zur Ausleerung sondern am meisten zur Wiedereinsaugung ins Blut und zu unserer eigenen Stärkung bestimmt“. Gerade diese Idee der Wiedereinsaugung bzw. Zurückhaltung des Samens spielte in asiatischen Sexualpraktiken und ihren westlichen Adaptionen, wie etwa Karezza, die freilich ein gänzlich anderes Verständnis von „Enthaltsamkeit“ als Hufeland hatten, eine wichtige Rolle (siehe Kapitel 6).

Eine solche Brandmarkung der Onanie als naturwidrige und zu Krankheit und Tod führende Handlung durch ärztliche Autoritäten war zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert gang und gäbe. Sie bezeugt, wie religiöse Vorstellungen, vor allem die von Sünde, Schuld und Strafe (vor allem der „Natur“) ungebrochen in den medizinischen Diskurs einflossen und diesen befeuerten. Die Sünde bestand nun weniger darin, dass Gottes Gebot verletzt wurde – entsprechend der Geschichte des Onan im Alten Testament, die allerdings den Coitus interruptus und nicht die „Onanie“ problematisiert –, als vielmehr in der Missachtung der physiologischen, naturgegebenen Ordnung des menschlichen Organismus: die Vergeudung der Lebenskraft, die Schwächung des Körpers und im Falle der „moralischen Onanie“ die Überreizung der Seele. Letztlich galt die Onanie als potenzieller Selbstmord – und der war für Ärzte wie Seelsorger gleichermaßen mit allen Mitteln zu bekämpfen. Inwieweit ihr pädagogisches Wirken selbst dazu beitrug, dass solche Selbstmordgedanken bei Jugendlichen überhaupt erst entstehen konnten, lag außerhalb der zeitgenössischen Denkgewohnheit.

Der Kampf gegen die Onanie wurde mit allen möglichen Mitteln geführt. Zu den drastischen gehörten bestimmte Bandagiertechniken, wie sie der norddeutsche Arzt und Initiator des Seebades Heiligendamm Samuel Gottlieb Vogel empfahl. In seiner Aufklärungsschrift über das „unglaubliche gemeine Laster der zerstörenden Selbstbefleckung“ empfahl er u. a. das Hochbinden der Unterarme auf den Rücken zur Verhütung der Onanie.4 Auch Apparate zur Verhütung der Onanie in Form altbekannter Keuschheitsgürtel wurden bei beiden Geschlechtern eingesetzt. Der Pädagoge und Philanthrop Johann Heinrich Campe berichtete zur selben Zeit von einem Erzieher, dem als Jugendlicher Tissots Buch in die Hände gefallen sei und der sich von seinem vermeintlichen Leiden durch einen gekrümmten Draht befreit habe, den er sich an seinen zwei ringförmig gebogenen Enden durch die Vorhaut zog, sodass die Krümmung auf der Eichel lag. Um die Löcher in der Vorhaut anzubringen, legte er sie „etwas vorgezogen auf den Tisch, setzte den Nagel darauf und – man bewundere den tugendhaften Heldenmuth des Knaben! – nagelte sich, indem er einen derben Schlag mit einem Buche [Tissots Buch!] darauf versetzte fest.“5 Campe beschrieb den vielfachen Nutzen einer solchen Drahtvorrichtung, die er, wie er beteuerte, auch am eigenen Sohn einsetzen würde und die zu seinem Bedauern nur bei Jungen Anwendung finden könne: „Erstens macht er [der Draht] die Selbstschändung schlechterdings unmöglich; zweitens verhindert er auch die bloße Erection durch den Schmerz, der in dem nemlichen Augenblicke, da dieselbe sich ereignen will, alle wollüstigen Empfindungen sogleich unterdrückt; und hierdurch wird er drittens ein vollkommen sicheres Verwahrungsmittel auch gegen alle unwillkürlichen Schwächungen [Pollutionen] im Schlafe.“ Im Kampf gegen die Onanie sollten sich der Knabe oder Mann als Helden profilieren, die ihren Geschlechtstrieb mit aller Härte kontrollieren konnten – als Erziehungsprodukt im Sinne einer Modellierung des „männlich-bürgerlichen Körpers“, wie es aus heutiger Sicht erscheint. Es sei hier angemerkt, dass Keuschheitsgürtel noch Mitte des 19. Jahrhunderts propagiert und hergestellt wurden. So veröffentlichte der schottische Chirurg John Moodie 1848 eine einschlägige Schrift, die Baupläne entsprechender Apparate für beide Geschlechter zur Bekämpfung dieses „tödlichen Lasters“ enthielt.6

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1 Aristoteles: De generatione animalium: Buch I, 18 (724a).

2 Christoph Wilhelm Hufeland: Makrobiotik oder Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern. Volksausgabe von Alfred Maury. Berlin: Cronbach, 1869: S. 49-53.

3 Christoph Wilhelm Hufeland: Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern. Jena: Akad. Buchhandlung, 1797: S. 513-544.

4 Samuel Gottlieb Vogel: Unterricht für Eltern, Erzieher und Kinderaufseher] […] wie das unglaubliche gemeine Laster der zerstörenden Selbstbefleckung am sichersten zu entdecken, zu verhüten und zu heilen sei. Stendal: Franz & Grosse, 1786,

5 Zit. n. Sabine Todt: „… das Gemüth wird verschlossen, verdrossen, unlustig zu Spiel und nützlicher Beschäftigung“. Die Bedeutung des Anti-Onanie-Diskurses für die Volksaufklärung im 18. und frühen 19. Jahrhundert. In: Volksaufklärung. Eine praktische Reformbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts. Hg. von Holger Böning, Hanno Schmitt und Reinhart Siegert. Bremen: Ed. Lumière, 2007 (Presse und Geschichte – neue Beiträge; Bd. 27): S. 237-260; hier S. 252, 253, 255, 258.

6 John Moody: A medical Treatise; with principles and observations, to preserve chastity and morality; with 4 plates of an apparatus for the same purpose. Edinburgh: Sold by the Booksellers, 1848: pp. 7, 10, 13, 69 [Fig. 1-4].

# 2. Kap. Normierungen der Sexualwissenschaft und Sexualmedizin

Erst im 20. Jahrhundert wurden die Termini Sexualwissenschaft und Sexualmedizin geprägt. Selbstverständlich bezog die Medizin zu allen Zeiten die Sexualität und ihre Störungen in ihre theoretischen Konzepte und praktischen Behandlungsmethoden ein, wenngleich nicht unter dieser Bezeichnung. Wahrscheinlich treten auf keinem anderen Gebiet Menschenbild und Krankheitsverständnis der Medizin so plastisch in Erscheinung wie hier. Auch wenn sich die gegenwärtige Sexualmedizin explizit auf die Kulturgeschichte beruft und auf die kulturabhängigen Konstruktionen des Sexuellen verweist, bleibt sie – angereichert durch soziologische und psychologische Aspekte – in der Bahn des biomedizinischen Denkens. So vertritt sie ein „biopsychosoziales Modell des Sexuellen“, das zunächst in der Psychosomatik entwickelt wurde.1 Die stark veränderten Formen der Sexualität und ihrer jeweiligen wissenschaftlichen und sozialen Bewertung springen ins Auge. Beispielhaft lässt sich dies an der „Konstruktion des Masturbierens“ oder der „Konstruktion der weiblichen Sexualität“ Ende des 19. Jahrhunderts im Vergleich zur Situation Ende des 20. Jahrhunderts aufzeigen. Die Masturbation verwandelte sich von der in jeder Hinsicht überaus gefährlich eingeschätzten „Selbstbefleckung“ zur durchweg als harmlos eingestuften und in gewisser Hinsicht sogar gesunden „Selbstbefriedigung“; die weibliche Sexualität verwandelte sich von der pflichtgemäßen Ausübung des Koitus mit dem Ehemann zu einer Variabilität der sexuellen Betätigung auch in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften. Es hat den Anschein, als bedeuteten die heutigen „Konstruktionen“ einen wahrhaften Fortschritt des humanen Sexuallebens im Einklang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen, eine gelungene „Enttabuisierung der Sexualsphäre“.2 Dennoch sind Zweifel angebracht, wenn wir die heute gängige Gegenüberstellung von normaler und pathologischer Sexualfunktion und die damit verbundenen Gesundheitsvorstellungen und Leistungsnormen ins Auge fassen.

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1   Klaus M. Beier / Hartmut A.G.Bosinski / Kurt Loewit: Sexualmedizin. Grundlagen und Praxis. 2., völlig neu bearb. u. erw. Aufl. München; Jena: Urban & Fischer, 2005: S. 30-32.

2 Rudolf Kaden: „Einleitung“ zu Rudolf Kaden (Hg.): Allgemeine Pathologie der Sexualfunktionen. Störungen der Reproduktion und der Kohabitation. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 1980: S. 15-17.

3. Kap./3* Männerfantasien und Faschismus

Der Germanist und Schriftsteller Klaus Theweleit hat mit seinem Bestseller „Männerphantasien“ in der nach-68er Zeit wie kein anderer an Wilhelm Reich und seinen Ansatz der psychoanalytischen Faschismuskritik angeknüpft.[1] Obwohl er sich der kritischen Beurteilung von Wilhelm Reich durch die französischen Analytiker Gilles Deleuzes und Félix Guattari anschloss, bieb seine Analyse monoman auf die Produktion des faschistischen Mannes mit ihrem Höhepunkt im Nationalsozialismus gerichtet. Jene hatten in ihrem „Anti-Ödipus“ formuliert: „Er [Reich] als erster hatte es versucht, die analytische und die revolutionäre Maschine gemeinsam funktionieren zu lassen. Und am Ende hatte er nurmehr seine eigenen Wunschmaschinen, seine paranoischen, wundersamen, zölibatären Kästen mit ihren woll- und baumwollbesetzten Metallwänden.“[2] Aus dem Abstand von mehr als drei Jahrzehnten erscheint mir Theweleits Analyse − „die vielleicht aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres“, wie Rudolf Augstein 1977 in „Der Spiegel“ schrieb − zwar als eine fulminante Leistung, aber zugleich auch als ein typischer Ausdruck damals vorherrschender Klischees: Engführung psychoanalytischer Konstrukte, die zur Erklärung sozialpolitischer Verhältnisse herangezogen wurden; die Frau im Fluss, als „Menschin aus dem Wasser“, gegenüber dem Mann, der sich einen „Panzer gegen die Frau“ zugelegt hat; die absolute Fixierung auf die Ausmalung der Facetten der totalen Katastrophe ohne die utopischen Momente der Befreiung und Erleuchtung einzelner Menschen oder Menschengruppen auch in der schlimmsten Diktatur. Mit anderen Worten: Die Befangenheit im zeitgenössischen Diskurs erlaubte keinen kulturhistorisch geweiteten Blick über den ideologischen Tellerrand. Sie war seinerzeit nicht erstaunlich, da die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich und seinen Folgen, konkret: mit der Generation der eigenen Eltern und insbesondere Väter, gerade erst begonnen hatte und die Blickrichtung fesselte.

Die diversen Versuche, Marx und Freud miteinander zu kombinieren, waren trotz ihrer fundamentalen Kritik an Kapitalismus und Staatssozialismus nicht dazu angetan, religiöse und kulturhistorische Betrachtungen anzustellen und die eigenen Denkmodelle historisch zu relativieren. So blieben die mystischen wie mythischen Aspekte der Sexualität ebenso außer Betracht wie die frühneuzeitlichen Ideen von der Magie der Natur und der Macht des Geistes. Die 68er Vordenker mochten sich einfach nicht vorstellen, dass es sich hierbei um mehr als nur um „Männerphantasien“ à la Theweleit gehandelt haben könnte. Die nach-68er Debatte über Sexualität und Gesellschaft war von einer gewissen Hilflosigkeit geprägt. Man wollte „Emanzipation“ und verfiel biologistischen Normvorstellungen, man wollte „Triebbefriedigung“ und sah diese an bestimmte Formen der Sexualität gebunden. Auch die professionelle Sexualwissenschaft konnte keine Lösung anbieten, wie das „Drama der Sexualität“ des Frankfurter Sexualwissenschaftlers Martin Danecker offenbart.[3] Die Abhandlung führt vor Augen, wie gut gemeintes emanzipatorisches Pathos ohne eine tiefer gehende ideengeschichtliche und kulturanthropologische Verankerung ins Leere läuft.

Inzwischen ist die von Wilhelm Reich inaugurierte Theorie von der unterdrückten Sexualität als Ursprung des faschistischen Massenmenschen, der mit seinem „Muskelpanzer“ die „emotionale Pest“ verursacht habe (siehe oben), widerlegt. Die US-amerikanische Historikerin Dagmar Herzog kritisierte in ihrer Studie zur Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts die These der Neuen Linken bzw. der Studentenbewegung um 1968, dass die sexuelle Repression „nicht nur ein Charakteristikum dieser Bewegung [des Faschismus], sondern ihre Ursache“ gewesen sei.[4] Noch unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs sei es die Meinung der Zeitgenossen gewesen, „die Nationalsozialisten hätten im Gegenteil sexuelle Freizügigkeit gefördert und diese sexuelle ‚Unmoral’ sei sogar untrennbar mit dem barbarischen Völkermord verbunden gewesen.“ Aus diesem Blickwinkel sei die sexual-konservative Nachkriegskultur keine Fortführung des angeblich sexuell repressiven Faschismus gewesen, sondern habe sich „zumindest teilweise als Gegenreaktion zum Nationalsozialismus“ entwickelt: „gerade die von NS-Seite betriebene Ermunterung zu vor- und außerehelichen heterosexuellen Kontakten – nicht nur zum Zwecke der Fortpflanzung, sondern auch zur Lustbefriedigung – wurde in der Nachkriegszeit geflissentlich vergessen.“ Herzog hat für dieses Verhalten eine plausible Erklärung: Angesichts des NS-Regimes, das eine ungeheuerliche Vernichtungspolitik betrieben hatte, schien es ratsam, „die Erinnerung an die Empfänglichkeit der Bevölkerung für die lustfördernden Aspekte des Nationalsozialismus auszulöschen.“ Die Verbindung der sexuellen Tabubrüche mit denen beim Völkermord ließ es nach Herzog aus psychologischen wie politischen Gründen opportun erscheinen, „in der Rückschau gewisse Elemente auszublenden und andere herauszustellen.“ So sei es um 1960 zu einer „Reihe von Halbwahrheiten und ausgemachten Lügen“ gekommen, wonach beispielsweise im Nationalsozialismus keinerlei Mittel und Informationen zur Empfängnisverhütung zur Verfügung gestellt worden seien, um die Geburtenrate zu steigern.

Um die Sexualität im Dritten Reich zu verstehen, zog Herzog den Begriff der repressiven Entsublimierung heran, den der Vordenker der 68er Studentenbewegung Herbert Marcuse in seinem Werk „Der eindimensionale Mensch“ geprägt hatte.[5] Sie würdigte dessen Verdienst: Er habe als einer der Ersten dargelegt, „dass und auf welche Weise der überhebliche NS-Rassismus untrennbar mit dem Bemühen des Regimes verbunden war, das Sexualleben seiner Bürger neu zu organisieren; von welch zentraler Bedeutung die Politisierung des vormals eher privaten Bereichs der Sexualität für die politische Tagesordnung der Nationalsozialisten war “. Dass die „repressive Entsublimierung“ für diverse „sexuelle Revolutionen“ im 20. Jahrhundert einschließlich ihrer sexualwissenschaftlichen Begleitung ein Grundproblem markiert, ist augenfällig.

Es ist bemerkenswert, dass auch im „Dritten Reich“ das Motiv der Göttin Natura, das in der Kunstgeschichte vom ausgehenden Mittelalter bis zum Jugendstil um 1900 eine Rolle spielt, immer wieder in Illustrationen auftaucht.[6] Der naturphilosophisch-religiöse Hintergrund tritt allerdings gegenüber dem rassenbiologischen und antisemitischen Alltagsgeschäft der Propaganda zurüci. Einige Beispiele können dies verdeutlichen. Im Kampfblatt der SS „Das Schwarze Korps“ wurden im Oktober 1938 unter der Überschrift „SCHÖN UND REIN“ eine Serie von Fotografien abgebildet, die eine junge, schöne, nackte Frau in einer natürlichen Umgebung („Strandlandschaft“) zeigen. (Abb. 18)

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Abb. 18: Natura-Motiv in der NS-Propaganda (1938)

Ihre göttliche Unnahbarkeit und Unschuld wird demonstriert, was an klassische Darstellungen der Natura erinnert. In der antisemitischen Wochenzeitung “Der Stürmer” wurde im April 1929 eine Karikatur mit der Legende „Nieder mit der Wahrheit!!!“ veröffentlicht. (Abb. 19)

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Abb. 19: NS-„Wahrheit“ als Frau

Sie zeigt eine nackte Frau, die gerade von Staatsanwalt und Polizei gefesselt wird und „die Wahrheit“ des Nationalsozialismus symbolisieren sollte, die von der staatlichen Gewalt niedergehalten wurde. Die Aufforderung an den Betrachter ist eindeutig: Diese gefesselte Wahrheit ist zu befreien, zu entfesseln. Interessant ist der angedeutete Heiligenschein der blonden Frau mit germanischen Gesichtszügen, der mit der Inschrift „Die Wahrheit“ versehen ist. Dies erinnert an „La Nature“, der man in der Französischen Revolution ein Monument errichtete und die man mit der raison und damit implizit mit der vérité identifizierte (Kap. 11) Dieses Motiv der gefesselten Wahrheit wurde noch einmal vom Stürmer“ im Februar 1930 mit unüberbietbarer religiöser Symbolik verschärft. Die Karikatur „Die Wahrheit am Kreuz“ zeigt anstelle von Christus eine nackte Frau mit Lendenschurz, deren Mund verbunden ist und die von „jüdischen Dunkelmännern“ lüstern angestarrt wird. (Abb. 20)

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Abb. 20: NS-„Wahrheit“ am Kreuz (1930)

Die antisemitische Hetze bediente sich hier des christlichen Antijudaismus, der sich traditionell an dem Umstand festmachte, dass Christus von den Juden ans Kreuz geschlagen worden war.

Nach der „Machtergreifung“ trat dann die „Wahrheit“ als strahlende Göttin auf. (Abb. 21)

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Abb. 21: NS-„Wahrheit“ vor „jüdischen Dunkelmännern“

Unter der Überschrift „Seltsame Auswirkung“ erschien im „Stürmer“ im Januar 1935 eine vielsagende Karikatur. Die übergroße stattliche nackte Frau mit langem blondem Haar hält in ihrer rechten Hand einen Spiegel, der ein Lichtbündel nach unten reflektiert, wo entsetzte jüdische „Untermenschen“ stehen, denen der Satz in den Mund gelegt wird: „Das haben mer nu davon, mit unserm Geschrei machen mer bloß Reklame für die Wahrheit“. Mit der Rechten zieht die „Wahrheit“ einen Vorhang beiseite und enthüllt damit ein antisemitisches Schriftrelief an der Wand. Auch hier bediente sich – wahrscheinlich den Machern selbst nicht bewusst – die Hetzpropaganda kulturhistorischer Versatzstücke. Die Frau personifiziert hier Isis-Natura, wobei der Spiegel an die göttliches Licht vermittelnde Natura in der frühneuzeitlichen Emblematik und der zurückgezogene Vorhang an die sich enthüllende Isis erinnert. Das viel besagte „kulturelle Gedächtnis“ war also im Nationalsozialismus keineswegs ausgeschaltet – im Gegenteil: Es wurde zu spezifischen Zwecken aktiviert.

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[1] Klaus Theweleit: Männerphantasien. 2. Bde. [Frankfurt am Main: Roter Stern, 1977: 1. Bd.; 1978; 2. Bd.] Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verl., 1980.

[2] Zit. ebd., S. 405.

[3] Martin Dannecker: Das Drama der Sexualität. Frankfurt am Main: Athenäum, 1987.

[4] Dagmar Herzog: Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Aus dem Amerikanischen von Ursel Schäfer und Anne Emmert. München: Siedler, 2005: S. 10. 80.

[5] Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Neuwied: Luchterhand, 1967: S. 76. Reimut Reiche: Sexualität und Klassenkampf. Zur Abwehr repressiver Entsublimierung. Frankfurt/Main: Verl. Neue Kritik, 1968: S. 45.

[6] Heinz Schott: Magie der Natur. Historische Variationen über ein Motiv der Heilkunst. Aachen: Shaker, 2014: