Buchpublikation in Vorbereitung (2017)

Update vom 4.04.2017

PRINTED BOOK NOW AVAILABLE !

 

Der Inhalt dieses Blogs wird demnächst vollständig als Buch erscheinen: in gedruckter Form und zugleich als E-Book, und zwar unter dem Titel:

Himmel oder Hölle

Ansichten zur menschlichen Sexualität.

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Das aufgeklappte Cover des neuen Buchs: in Eigenregie erstellt

Nachdem ich mich lange Zeit bei einer Reihe von Verlagen vergeblich darum bemühte, dieses Buch zum Druck zu bringen, habe ich mich entschlossen, die Publikation selbst in die Hand zu nehmen. Der Verlag BoD — Books on Demand bietet mir die Möglichkeit, ohne Druckkostenbeihilfe zu publizieren. Das ist ein Versuch wert.

Anmerkung:

Ich finde es bedauerlich, dass Bücher mit eigenwilligen Themen und ausgefallenen Formaten bei Verlagen offenbar auf wenig Gegenliebe stoßen. Sind die Zeiten vorbei, als Verleger vor allem „Gesinnungstäter“, und erst in zweiter Linie Betriebwirtschaftler waren? Oder gab es diese Zeiten nie? Merkwürdig, dass sich niemand aus der herkömmlichen Verlagslandschaft für mein Projekt begeistern konnte …

Update vom 21.03.2017:

Das Buch wird in allernächster Zeit über Books on Demand (BoD) veröffentlicht. Hier einige Details:

Format: DIN A5 (14,8×21 cm)

Einband: Paperback

Bindung: Klebebindung

Gesamtseitenzahl: 244 — mit 39 S/W-Abbildungen

Ladenpreis: 8,99 EUR

E-Book-Ladenpreis: 6,99 EUR

E-Book-Aktionspreis: 4,99 EUR — ab Veröffentlichung für 4 Wochen, Ladenpreis 6,99 EUR

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3. Kap./1* „Physiologie der Ehe“

Gegenüber dem viel beklagten sexuellen Elend in der Ehe − der Eintönigkeit des Geschlechtsverkehrs, der Gewaltanwendung des Mannes gegenüber der Frau, der Herabwürdigung der Frau zur Gebärmaschine etc. − revoltierten sowohl Romantiker um 1800 als auch Anhänger der Lebensreform 100 Jahre später. Neben hedonistischen Strömungen für die „freie Liebe“ gab es auch Versuche, das als weithin desolat empfundene Eheleben zu reformieren, es gewissermaßen zu veredeln. In der Regel beriefen sich die betreffenden Protagonisten eines idealen ehelichen Sexuallebens auf die Natur, mit deren Gesetzmäßigkeiten es in Einklang zu bringen sei. Der französische Schriftsteller Honoré de Balzac nahm einen anderen Standpunkt ein, indem er sich auf Napoleons Ausspruch berief: „Die Ehe läßt sich durchaus nicht aus der Natur ableiten. […] Der Mensch ist ein Werkzeug der Natur, die Gesellschaft aber drängt sich ihr auf. – Das Gesetz ist um der Sitten Willen da, und die Sitten wandeln sich. – Folglich kann die Ehe an der stufenweisen Vervollkommnung teilnehmen, die für alle menschlichen Einrichtungen möglich ist.“1 Balzac veröffentlichte 1829 ein mit praktischen Ratschlägen angereichertes Buch mit dem Titel: „Physiologie der Ehe“, in dem „alles Beobachtung und Analyse“ sei. Seine Erkenntnisse fasste er in 92 „Grundsätzen“ zusammen, die er blockweise in den gesamten Text einfügte. Die Grundsätze 27 bis 54 bezeichnete er als „Ehekatechismus“. Sie bilden Aphorismen über die geglückte Liebe, die Balzac als Ausdruck von Kunst und Bildung ansah. So meinte er unter anderem: Die Frau sei „in der Liebe gleich einer Leier, die nur dem ihre Geheimnisse offenbart, der gut darauf spielen kann“ (Grundsatz 31). „Leichte Auffassungsgabe für die Nuancen der Wollust, ihre Ausübung, sowie Stilbildung und Originalität der Ausdrucksweise begründen das Genie eines Gatten.“ (Grunsatz 38) „Zwischen zwei Wesen, die einander nicht lieben, bedeutet dieses Genie Zügellosigkeit; Liebkosungen jedoch, die die Liebe regiert, sind niemals lasziv“ (Grundsatz 39).

Der niederländische Gynäkologe und Direktor der Frauenklinik in Haarlem Theodor Hendrik van de Velde nahm im Gegensatz zu Balzac einen biologistischen Standpunkt ein, auch wenn er sich zustimmend auf dessen oben zitierten „Ehekatalog“ bezogen hat. Sein in zahlreichen Auflagen und viele Sprachen übersetztes Buch „Die vollkommene Ehe“, erstmals 1926 in niederländischer Sprache erschienen, machte wegen seiner freizügigen Darstellungen Furore und gelangte sogar auf den Index des Vatikan.2 Für den Autor waren normative Vorstellungen entscheidend, ging es ihm doch einzig und allein um die idealtypische heterosexuelle Konstellation in der „Hoch-Ehe“. Homosexualität oder „Perversionen“ waren für ihn kein Thema. Für ihn war das Hauptproblem der „Kampf zwischen instinktiver geschlechtlicher Abstoßung und triebhafter sexueller Anziehung“. Als ein Mittel der Rettung der Ehe sei deshalb „die rechtzeitige Verstärkung der sexuellen Anziehungskräfte, so daß die entgegengesetzten überhaupt nicht in die Lage kommen, sich zu offenbaren.“ Auf diesem Wege sollte die „Hoch-Ehe“ erreicht werden, und zwar „durch Ausbildung der Technik der gegenseitigen Geschlechtsbefriedigung, weit über das in der jetzigen Ehe Übliche hinaus.“ Van de Velde gab eine minutiöse Beschreibung des „normalen, ‚gesunden’ Coitus“, die an die Gebrauchsanleitung für einen technischen Apparat erinnert: Bei einem solchen Koitus soll „der beiderseitige Orgasmus unbedingt annähernd gleichzeitig eintreten, d. h. normalerweise fängt die Ejakulation beim Manne an, und die Lustlösung setzt beim Weibe sofort darauf ein, − genauer gesagt, nach so viel Zeit, als nötig ist, um den durch die Ejakulation erweckten Gefühlseindruck dem Zentralnervensystem zuzuleiten und ihn dort in die Entladung umzusetzen, das ist also […] in weniger als einer Sekunde.“ So entwarf van de Velde Verlaufskurven der „Vergattung“, die den „Erregungskurven“ des Orgasmus von Wilhelm Reich entsprechen (siehe unten).

Beim Betrachten der Verlaufskurven wird van de Veldes normative Auffassung der „Vergattung“ besonders deutlich. Die Graphiken erinnern an zwei aufeinander bezogene Fieberkurven, die eine angeblich gesunde Idealkonstellation fixieren und alle davon abweichenden Konstellationen als ungenügend oder „abnormal“ definieren. So wird „A. Ideale Vergattung“ (Abb. 9) kontrastiert mit „B. Coitus ohne Vorbereitung der erfahrenen Frau“ und „C. Coitus mit einer unerfahrenen Frau nach vorhergehendem Reizspiel“ (Abb. 10) sowie „D. Coitus mit einer unerfahrenen Frau ohne genügende Vorbereitung“ (Abb. 11) und „E. Coitus interruptus“. (Abb. 12) Letzterer gehöre eigentlich nicht mehr zur Physiologie, da er eine „abnormale geschlechtliche Handlung“ darstelle. Denn für „sexuell vollwertige Menschen“ bedeute der „systematische Coitus interruptus […] eine Abwürgung der Ehe, eine Gefahr für die Gesundheit des Mannes und ein Verbrechen an der Frau.“

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Abb. 9: Erregungskurven von Mann und „Weib“ bei normalem Koitus (van de Velde, 1929)

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Abb. 10: Erregungskurve einer unerfahrenen Frau beim Koitus mit Vorspiel

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Abb. 11: Erregungskurve einer unerfahrenen Frau „ohne genügend Vorbereitung“

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Abb. 12: Erregungskurve beim (angeblich) gesundheitsgefährdenden „Coitus interruptus“

Van de Velde polemisierte auch gegen die Verzögerung des Eintritts der Ejakulation und bezweifelte im Hinblick auf asiatische Sexualpraktiken, dass es dadurch zur Erhöhung der Lustgefühle bei der Frau komme: „ob die den Hindus, Javanern und anderen Bewohnern des Morgenlandes nicht ungewohnte Übertreibung dieser Methode dennoch der Frau die (von dem Manne beabsichtigte) Gelegenheit gibt, die erwünschte, stark vergrößerten örtlichen Reize durch Phallosreibungen tatsächlich auch unverändert zu bekommen?“ Das erscheine eher unwahrscheinlich, „weil diese Reibungen bei einem derartigen Verhalten des Mannes wahrscheinlich ziemlich stark an Frequenz und Intensität einbüßen werden. Was ich aber wohl als sicher betrachte, ist, daß dieses Verfahren für Kulturmenschen der weißen Rasse schon aus ästhetischen Rücksichten nicht in Frage kommt, – es sei denn ausnahmsweise und in larvierter Form nach schon vorhergegangener richtiger Vergattung.“ Nach van de Veldes Theorie der „richtigen Vergattung“ bedeutete die Immissio penis ohne Ejakulation ein „wirklicher Exzeß“, „eine Vergattung – die keine ist.“

Beiläufig ging er in diesem Zusammenhang auf die „Oneida-Gemeinde“ und „Karezza“ ein, wobei er die einschlägige Literatur offenbar nur bruchstückhaft zur Kenntnis genommen hatte (siehe Kapitel 6). Er zitierte lediglich das höchst einflussreiche Buch „Married Love“ der britischen Paläobotanikerin und Frauenrechtlerin Mary Stopes, das 1918 erschien und in den USA bis 1931 wegen des anstößigen Inhalts verboten war. Stopes hatte behauptet, dass die Karezza-Methode einer Frau mit starkem Geschlechtstrieb „das Gefühl der Geschlechtsvereinigung und der körperlichen Nervenberuhigung“ schenken könne.3 Das sei aber physiologisch völlig widersinnig, so van de Velde, denn ohne „orgastische Befriedigung als naturgewollte Abreaktion“ könne es keine Beruhigung „von normalen Menschen“ geben. So möchte er „vor der ‚Karezza’ dringend warnen“. Freilich wolle er zugeben, „daß eine derartige Vergattung, die keine ist, gelegentlich für einen stark untererregbaren Mann und seine ebenso untererregbare Gattin […] ohne Gefahr für Schaden in Betracht kommen kann, wenn ihr seelisches Liebesbedürfnis eine möglichst innige Berührung der Körper wünscht, während dennoch ein ausgesprochener Geschlechtsbefriedigungstrieb fehlt.“

Ausführlich schilderte van de Velde „Stellung und Haltung beim Coitus“ und entwarf eine „Tabula positionum“. Diese „Synousiologie“ als „Lehre vom Coitus“ sei für Ärzte und Laien gleichermaßen wichtig. Er stellte die möglichen Koitushaltungen in einer doppelseitigen Tabelle zusammen. „Auf Wunsch des Verlags in lateinischer Übersetzung“, merkte er in einer Fußnote an. Darin verzeichnete er zu den einzelnen Stellungen die Art der sexuellen Reizung bei beiden Geschlechtern, die jeweilige Indikation und Kontraindikation sowie die Wahrscheinlichkeit der Empfängnis. In Krankheits- und Problemfällen solle der Arzt hinsichtlich des Eheglücks „durch genaue, auf der Physiologie fußende, technische Ratschläge segensreich eingreifen können.“ Der Begriff „Physiologie“ erinnerte ihn offenbar an die „Physiologie du Mariage“ und den „Ehekatechismus“ von Balzac, der allerdings unter diesem Begriff etwas ganz anderes verstanden hatte.

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1 Honoré de Balzac: Physiologie der Ehe oder eklektische Betrachtungen über eheliches Glück und Unglück [franz. Originalausg. 1829]. Übertragen von Joachim Huppelsberg. Krefeld, Scherpe, 1951: 11, 22, 82-84.

2 Theodor Hendrik van de Velde: Die vollkommene Ehe. Eine Studie über ihre Physiologie und Technik. 37. Aufl. Leipzig; Stuttgart: Montana-Verl., 1929: S. 18 f., 169, 179, 188 f., 190 f., 219-222.

3 Zit. n. Velde, 1929 [wie Anm. 2]: S. 190.

6. Kap./6* Sexual magnetism

Im Gegensatz zur pragmatischen Ausrichtung der Oneida Community, die religiöse und säkulare Motive miteinander verband, agierte Noyes’ Landsmann Thomas Lake Harris, ein Spiritualist und Swedenborgianer. Er gründete 1859 in England eine christliche Kommune „Brotherhood of the New Life“ und ließ sich 1861 in den USA mit seiner Gruppe in dem Dorf Brocton (US-Bundesstaat New York) nieder. Darüber hinaus gründete er eine Niederlassung in Kalifornien, wohin er und der innere Zirkel seiner „Brotherhood“ übersiedelte. Die Kooperative betrieb Landwirtschaft und produzierte Waren, wobei Harris selbst auch Wein anbaute, der angeblich mit göttlichem Atem (divine breath) angereichert war und alle schädlichen Stoffe neutralisierte.[1] Er hatte in den USA und Großbritannien zeitweilig bis zu 2000 Anhänger.  Harris schöpfte aus älteren esoterischen Quellen, insbesondere dem Swedenborgianismus, der in den USA seinerzeit Konjunktur hatte. In geringerem Umfang bezog er sich auch auf die christliche Theosophie in der Tradition Jakob Böhmes. Heutigen Betrachtern erscheint sein Ansatz eher fremd und, verglichen mit Noyes, weniger zugänglich.[2] Angeblich empfing er in seinen Visionen direkt Swedenborgs Segen und erreichte höhere Stufen der Offenbarung (revelation). Die theosophischen Ideen der Himmlischen Hochzeit und der Brautmystik waren für Harris entscheidend: Die innere geistige Hochzeit mit einem himmlischen Partner ließ die irdische Ehe und Sexualität in den Hintergrund treten. So führte Harris mit seiner zweiten Frau vorsätzlich über drei Jahrzehnte hinweg mit deren Einverständnis eine zölibatäre Ehe. Denn die geistige Vermählung mit einer himmlischen Macht, die der Idee der „ehelichen“ Liebe bei Swedenborg entsprach, als dessen Nachfolger er sich ansah, stand für ihn im Mittelpunkt. Diese Macht bezeichnete er als himmlische „Lily Queen“, in Anspielung auf Böhmes Prophezeiung einer bevorstehenden “Lilienzeit“ und dessen mystische Vorstellung einer Hochzeit der Seele mit Sophia. (siehe Kapitel 5).

Harris schöpfte offenbar ausschließlich aus den Quellen der westlichen esoterischen Tradition. So war seine Empfehlung des „inneren Atmens“ (internal respiration), die an buddhistische Meditationstechniken erinnert, von Swedenborgs „respiratio interna“ abgeleitet und die Idee einer Vereinigung mit einem himmlischen „counterpart“, die an den asiatischen Tantrismus denken lässt, wurzelte in der christlichen Theosophie. Trotz dieser spiritualisierten Transformation sexueller Gefühle spielten diese in der Gemeinschaft durchaus eine manifeste Rolle. Interessant sind die anonym verfassten Briefe einer „Sister in the New Life“ aus dem Jahr 1881. Die Briefschreiberin berichtete von vibrierenden Empfindungen in den Armen, die sich auf den ganzen Körper ausbreiteten. Beim ersten Mal seien diese wohl durch die Geschlechtsorgane in den Körper gekommen, „and with it came the thought, this is like sexual intercourse, only infinitely more so, in that every atom of your frame enters into union with another atom to the furthest extremity of your body.”[3] Sie fühlte sich daraufhin voller Dankbarkeit unendlich ruhig und friedlich. Einige Tage später fühlte sie ihren “counterpart” in sich, ihren “inner husband or angel”, und spürte mit Ehrfurcht den „Tempel der Mutter“ (the Mother’s temple) in sich selbst und dass die Gebärmutter (womb) und Leben spendenden Organe sehr heilig sein müssten. Sie kultivierte diese ekstatischen Sensationen und fühlte die Lebensströme durch sich hindurchfließen. Mit der Frauenärztin Alic Bunker Stockham und ihrem Konzept der Karezza werden wir gegenüber Noyes und Harris auf einen weiteren Typ sexueller Spiritualität stoßen, den Versluis zutreffend als „a more secular sexual mysticism of human creativity“ bezeichnet hat (siehe unten).

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erreichte der Mesmerismus in den USA eine spezifische Blüte, die eine einzigartige Melange aus dem Streben nach Gesundheit, persönlichem Glück, sozialer Harmonie und religiösem Heil darstellte.[4] Auch die Probleme der Sexualität schienen nach dem Vorbild des Mesmerismus lösbar zu sein. Es ist zu vermuten, dass er in der „grauen Literatur“ der Gesundheitsratgeber und Erbauungsbroschüren eine herausragende Bedeutung hatte. Vor allem spielte er eine Rolle in sozialutopischen Reformansätzen, in denen biologisches, sozialreformerisches, medizinisches und religiöses Denken miteinander verwoben war. Beispielhaft kann hier der US-amerikanische Schriftsteller und Sozialutopist Albert Chavannes genannt werden, der als Farmer in Knoxville, Tennessee, lebte und in den 1880er und 1890er Jahren eine Reihe von Schriften veröffentlichte, darunter auch – inspiriert von Edward Bellamys seinerzeit berühmtem Roman „Looking Backward“ (1888) – zwei utopische Romane. Er vertrat einen „naiven Marxismus“ und versuchte, die darwinistische Evolutionstheorie mit einer dynamischen Soziologie zu verbinden. In der von ihm angestrebten wissenschaftlich begründeten neuen Gesellschaft sollten sich Individualismus und Kommunismus optimal ergänzen.[5] Sein Büchlein „Vital Force and Magnetic Exchange“ erschien 1888. Es ist heute bibliothekarisch nur noch ein Exemplar in der U. S. National Library of Medicine nachweisbar. Chavannes verknüpfte in dieser Schrift mesmeristische mit neurophysiologischen Ideen zu einer Lehre vom „sexuellen Magnetismus“ als Grundlage für eine humane Gesellschaft. Zentrales Reservoir für die Gesundheit, für das perfekte Arbeiten aller Teile der Körpermaschine (machine), sei die Lebenskraft (vital force). [6] Lebenskraft, Elektrizität und Magnetismus seien alle Manifestationen einer spirituellen Substanz und unterschieden sich nur hinsichtlich ihrer Funktionen. Die Lebenskraft werde nicht nur für die je eigenen Bedürfnisse benötigt, sondern auch für den Austausch (exchange) mit anderen. Für diesen magnetischen Austausch müssten alle Hindernisse für den magnetischen Strom (flow of magnetism) beseitigt, alle Kanäle (channels) geöffnet werden, was eine kontinuierliche Praxis zur Voraussetzung habe. Chavannes setzte diese interpersonellen Austauschverhältnisse in Analogie mit den Verhältnissen der technischen Zivilisation. Genauso, wie eine zivilisierte Nation Kapitalakkumulationen, Eisenbahn, Dampfschiffe, Banken und Geschäfte zum freien Warenaustausch benötige, würden gesunde, aktive Menschen einen großen Vorrat an Lebenskraft akkumulieren, ihr gesamtes System zu einem höheren Wirkungsgrad der Transferleistung trainieren und gegen alle Hindernisse eines freien Austauschs ankämpfen.

Chavannes unterschied drei Speicher (storehouses) der Lebenskraft: Im Gehirn sei der „intellectual magnetism“, im „sympathischen Nerv“, einem Nervenzentrum, das hinter dem Herzen liege, sei der „emotional magnetism“ und in den Genitalien sei der „sexual magnetism“ gespeichert. Was Mesmer als „Magnetisieren“, als Übertragung des Fluidums oder als „Mitteilung des Lebensfeuers“ bezeichnete, schilderte nun Chavannes als „Überfluss dieser Lebenskraft“ (overflow of this vitality), die von einem auf den anderen übertragen (transferring) werden könne. Der „sexuelle Magnetismus“ sei jene Lebenskraft (vital force), wodurch sich die Geschlechter anziehen. So würde der Magnet Eisen anziehen und der magnetische Strom die Muskeln kontrahieren – und dieselbe Kraft würde auch die Individuen zusammenziehen. Der Antrieb zum Geschlechtsverkehr (coition) entspringe nicht dem Wunsch nach Reproduktion, sondern vielmehr dem Bestreben, den sexuellen Magnetismus zu übertragen (transfer of sexual magnetism). Chavannes benutzte hier die Metapher der Batterie, um die Dynamik der Kraftübertragung zu illustrieren: „A manly man und a womanly woman, in good health and in the strength of life, are sexual magnetic batteries, always loaded, and always ready to give off their magnetism. Through the eye, through the voice the exchange is often carried on, and can be made very effectively through kisses, holding of hands and caresses.”

Chavannes Schlüsselbegriff für die Übertragung des „sexuellen Magnetismus“ war „magnetation“. Er hatte ihn auf Anregung des US-amerikanischen Anarchisten John William Lloyd übernommen, mit dem er offenbar in den 1880er Jahren in Kontakt stand, worauf dieser in einer Jahrzehnte später erschienenen Publikation hingewiesen hat (siehe unten).[7] Der springende Punkt war die Annahme, dass die Sexualkraft (sexual force) nicht nur auf die Nachkommen übertragen werde, sondern auch zum eigenen Wohl verwandt werden könne, um die eigene Lebenskraft zu stärken und womöglich die Lebensdauer zu verlängern. Magnetation erzeuge durch den sexuellen Magnetismus immer ein Gefühl der Anziehung. Freilich besagte der Kernsatz „Magnetation leads to procreation, but procreation kills magnetation“, dass eine magnetische Übertragung von Lebenskraft nur mit einer strikten Familienplanung gewährleistet sei.

Auch für Chavannes waren die Begriffe „Mesmerismus“ und „Hypnotismus“ Synonyme und verwiesen auf jene „wunderbare Kraft“ (wonderful power), auf die Mesmer als Erster aufmerksam gemacht habe und die nichts anderes sei, als die Lebenskraft, die in uns allen stecke und die wir zu unserem Wohle einsetzen könnten. Er widmete der „magnetischen Heilweise“ (magnetic cures) ein eigenes Kapitel, wobei er hierunter auch die Geistheilung (mind cures) subsumierte. Er ging von zwei unterschiedlichen Heilmethoden aus: Die traditionelle Methode setze „chemische Kräfte“ ein und sei bei akuten Krankheiten angezeigt, die magnetische Methode, welche auf die Stärkung der „Lebenskraft“ baue, solle bei chronischen Krankheiten angewandt werden. Er betonte, dass nicht der „Überfluss“ an Lebenskraft bei den magnetisierenden Ärzten (magnetic doctors) ausschlaggebend sei, da diese zumeist eine recht empfindliche Konstitution (very sensitive organizations) aufwiesen und keine Lebenskraft erübrigen könnten. Vielmehr seien sie als „Medien“ (mediums) zu betrachten – „persons peculiarly organized, so as to enable them to recieve and dispense some occult – unknown – power or force which is latent in the universe.”

Chavannes vermutete, dass der Patient nur das schwächste Mitglied in einer Familie mit mangelnder Lebenskraft sei und als Sündenbock herhalten müsse. Deshalb habe der Arzt die gesamte Familie zu therapieren, gerade da, wo ein Mitglied durch Missachtung der „Gesundheitsgesetze“ (laws of health) selbst Lebenskraft vergeude und von anderen aufsauge. Die Lebenskraft müsse als ein Wirkstoff (actual substance) begriffen werden, wertvoller als Gold und Silber, Grundlage allen Lebens und Glücks. Chavannes verwies auf analoge Begriffe anderer Autoren, wie z. B. „Animo-Vital Electricity“ eines gewissen Dr. Foot oder „Nervous Ether“ eines gewissen Dr. Richardson. Bei Letzterem handelte es sich wohl um Benjamin Ward Richardson, den Pionier der Anästhesiologie, der eine unsichtbare, ätherartige Substanz annahm, die sich über die Nerven verbreite, als „Band und Medium der Kommunikation“. Offenbar war auch Chavannes von der ungemein populären Theorie der „Nervenschwäche“ aufgrund zivilisatorischer Überreizung überzeugt, obwohl er explizit weder von „neurasthenia“ noch von „American nervousness“ sprach und den maßgeblichen US-amerikanischen Neurologen George Miller Beard namentlich nicht erwähnte. Seine kritischen Bemerkungen zur sozialen Lage zielten jedoch in dieselbe Richtung: „The waste of vital force in this country is enormous. No people produce so much as the American people, or waste so recklessly as they. […] It fills the land with invalids, and supports a host of physicians and of medicine venders.”

Es sei hier noch einmal hervorgehoben, dass gerade in den USA der Nährboden für sozialreformerische, religiöse und esoterische Bewegungen, die im 19. Jahrhundert vielfältig aufblühten, besonders fruchtbar war und bis heute seine Nachwirkungen zeigt. Spiritualismus, New Thought, Mind Cure movement und Theosophie hätten eine nachhaltige Tradition in außerkirchlicher amerikanischer Spiritualität (in unchurched American spirituality) geschaffen, wie der US-amerikanische Religionswissenschaftler Robert Fuller darstellte.[8] Ihr wichtigstes Erbe sei vielleicht gewesen, eine breite Schicht der Mittelklasse in „exotische Philosophien“ einzuführen, die östliche Religionen, Traditionen der amerikanischen Ureinwohner und heidnische Lehren umfassten. „Spiritual, but not religious“ lautet Fullers Befund, um die gegenwärtige geistige Situation zu kennzeichnen. Sie wurde von Vordenkern und religiösen Revolutionären − einige von ihnen haben wir bereits ausführlich behandelt − herbeigeführt, die eine spezifische „American metaphysical religion“ schufen: „Together they have given rise to a variety of unchurched forms of American spirituality“.[9] Ohne diese Vorgeschichte sind das New Age und seine sozialen Ausdrucksformen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, von der Hippie-Bewegung bis zu den „Sannyasins“ unter der Führung von Bhagwan Shree Rajneesh kaum verständlich. Die USA, insbesondere die kalifornische Westküste, war die Schaltstelle, von der solche, zum Teil durch östliche Weisheiten angereicherte spirituelle Bewegungen ins ferne Europa ausstrahlten. Die Folgen zeigen sich auf dem Esoterik-Markt und hier vor allem im Bereich der so genannten Alternativmedizin, die unter diesem schillernden Sammelbegriff alle möglichen „magischen“ Heilweisen und Gesundheitslehren anzubieten hat.

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[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Lake_Harris (17.04.2012).

[2] Arthur Versluis: Sexual Mysticism in Nineteenth Century America: John Humphrey Noyes, Thomas Lake Harris, and Alice Bunker Stockham. In: Wouter J Hanegraaff / Jeffrey J. Kripal (Hg.): Hidden Intercourse. Eros and Sexuality in the History of Western Esotericism. Leiden; Boston. Brill, 2008 (Aries Book Series; v. 7): S. 333-354, hier: S. 349.

[3] Zit. a. a. O., S. 344.

[4] Robert C. Fuller: The American Mesmerists. In: Heinz Schott (Hg.). Franz Anton Mesmer und die Geschichte des Mesmerismus. Beiträge zum Internationalen Wissenschaftlichen Symposion […] 1984 in Meersburg. Stuttgart: Steiner, 1985: S. 163-173.

[5] Roper, Jon: Utopianism, Scientific and Socialistic: Albert Chavannes and „Socioland“. Journal of American Studies 23 (1989), S. 407-421. Online: http://www.jstor.org/pss/27555212 (15.12.2010).

[6] Albert Chavannes: Vital Force and Magnetic Exchange. Their Relation to each other and to Life and Happiness. Followed by a Brief Study of their Agency upon Conduct and the Phenomena of Mind Reading and Magnetic Cures. Knoxville, Tenn.: Haws, 1888: S. 14, 17 f., 21, 24 f., 27, 42, 39. 40 f.

[7] John William Lloyd: Karezza-Praxis. Liebe als austausch magnetischer kräfte. Die kunst ehelicher liebe. Der liebende als künstler der berührung. […] hg. von Werner Zimmermann. Lauf bei Nürnberg; Bern; Leipzig: Die Neue Zeit. Rudolf Zitzmann Verl., 1930: S. 14.

[8] Robert C.Fuller: Spiritual, But Not Religious. Understanding unchurched America. Oxford: Oxford University Press, 2001: S. 11.

[9] Robert C. Fuller: Religious Revolutionaries. The rebels who reshaped American religion. New York: Palgrave Macmillan, 2004: S. 149.

6. Kap./8*„Magnetation“ durch Karezza

Der Arzt John William Lloyd, „an American individualist anarchist“, griff Stockhams Begriff der Karezza auf und erläuterte ihn seinen Lesern als praktikable Methode anhand detaillierter Ratschläge.[1] Sein Buch The Karezza Method or Magnetation“ erschien zunächst anonym und dann 1931 unter seinem Namen in den USA.[2] Werner Zimmermann, der Übersetzer von Stockhams „Ethik der Ehe“ (siehe oben), berichtete, wie er dazu kam, diese Schrift zu übersetzen, die dann 1930 unter dem deutschen Haupttitel „Karezza-Praxis“ erschien.[3] Als er 1929 wieder in New York weilte, überbrachte ihm ein Freund diese anonyme Schrift, dessen Verlag ebenfalls verschwiegen wurde.[4] Denn in den USA war die Verbreitung „unzüchtiger Schriften“ damals verboten. Wie Zimmermann weiter berichtete, sei es ihm gelungen, den Verfasser ausfindig zu machen. Er habe ihn „in seiner klause“ besucht und einen 72jährigen stillen Mann „voller pläne, voller unternehmungslust“, getroffen: „Silberweiß sind haar und bart […]. Friedevoll, in milder güte leuchten seine klarblauen augen, künden von einer innern, von der ewigkeitlichen welt der Wahrheit, der Schönheit und der Liebe.“ Während Stockham „in gütiger menschlichkeit und mütterlichkeit zartfühlend die umfassenden zusammenhänge“ dargelegt habe, gehe Lloyd „in wissenschaftlicher gründlichkeit auf die wesentlichsten einzelheiten ein.“

Ausdrücklich knüpfte Lloyd an Stockham und die Vorläufer der Karezza-Methode in der Oneida-Gemeinschaft an. Noyes gebühre die „entdeckerehre“: Er habe „das licht von Karezza für breitere schichten“ entzündet. [5] Lloyd wies die Einwände zurück, dass Karezza gesundheitsschädigend sei. Er selbst habe über 40 Jahre auf diese Weise geliebt und sei durch Chavannes (siehe oben), „der mit seiner frau zwanzig jahre in solcher ehe gelebt hat“, damit bekannt gemacht worden. Durch Studium der einschlägigen Literatur zur Oneida-Gemeinschaft und durch persönliche Bekanntschaft mit Mitgliedern derselben sei er zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: „Ich habe noch von keiner einzigen frau gehört, die auch nur im geringsten eine einwendung gemacht hätte in dem sinne, Karezza sei deren gesundheit nicht zuträglich oder zeitige unerfreuliche nacherscheinungen.“ Er erwähnte auch die Untersuchung von 42 Frauen der Oneida-Gemeinschaft durch den Psychologen Havelock Ellis, die bestätigte, dass keine Frauenkrankheiten oder andere krankhaften Zustände aufgrund des Sexuallebens festzustellen waren. Ganz im Gegenteil: Für Lloyd war Karezza eine körperlich gesunde bzw. gesund machende und psychisch erleuchtende und beglückende Sexualpraktik. Freilich habe sich die Leidenschaft der Liebe unterzuordnen und deshalb sei klar, „daß bei solchem liebesfest der orgasmus ein störenfried ist, ein plumper zufall aus unbeholfenheit, der für einige zeit dem lusterleben ein ende setzt und daher höchst unerwünscht ist.“ Die „Geschlechtsliebe“ habe grundsätzlich „zwei Aufgaben“: „Karezza für die tiefere liebe, den akt mit orgasmus für körperliche befruchtung.“ Karezza erschien Lloyd als eine Kunst der Sublimierung: Der „Karezza-Künstler“ verwandle die „sexualleidenschaft“ in „verfeinerten, geistgetragenen, poetisch schönen und herzenssüßen liebesausdruck“, wodurch eine Überspannung der Geschlechtszone und eine plötzliche Entladung verhütet werde. Die Seele nehme die „blinde sexualerregung an sich, zerteilt sie und erleuchtet das ganze wesen.“

Lloyds Lobeshymne auf Karezza ist kaum zu überbieten. Sie sei „lebensnahrung oder -kraft“, „lebenstrunk“, „lebensbrot“. Durch Karezza strahle das ganze Wesen „und schwingt in romantischem liebesjubel, und ein starkes nachgefühl von gesundheit, reinheit und lebenskraft verklärt alles.“ Der Orgasmus, quasi „ein epileptischer krampf“, rufe eine „nachfolgende schwäche“ hervor, die „krankhafte und unschöne wirkungen“ wie Blässe, Verdauungsstörung und Reizbarkeit zeitige. „Je häufiger daher geschlechtsverkehr mit orgasmus, desto sicherer stirbt die liebe“. Denn dieser bringe „entmagnetisierung, gleichgültigkeit, reizbarkeit, ekel“. Immer wieder stellte Lloyd Karezza als „Liebes-Kunst“ dar. Der Mann solle sich als „elektrische batterie“ betrachten lernen und sich „in der kunst magnetischer berührung“ üben. Das Männliche sei positiv-aktiv gegenüber dem Weiblichen eingestellt, wie umgekehrt das Weibliche negativ-passiv gegenüber dem Männlichen, was insbesondere für die Geschlechtsorgane gelte. Allerdings ging Lloyd von der „Zweipoligkeit“ des Menschen, seiner Bisexualität, aus. Wir seien alle „als kinder göttlicher ahnen […] zwitter“: „bald überwiegt das eine, bald das andere, in ewig wechselndem spiel, teils unbewußt, teils von unserem willen lenkbar.“ Die „magnetation“ führe zu fühlbaren Strömungen zwischen den beiden Partnern. Der Mann solle seine Frau so berühren, „daß seine strömende lebenselektrizität sie in schauern des entzückens durchrieselt, während dies ihn von der innern spannung aufgestauter kraft befreit.“ Dieses Fließen und Austauschen von Energie führe schließlich zu „völligem ausgleich“ und „wohliger ruhe“.

Lloyds Anleihen beim Mesmerismus springen ins Auge und belegen wieder einmal, wie sehr dieses Konzept noch im frühen 20. Jahrhundert gerade in Amerika weiterwirkte: „Der liebeskünstler hat diesen lebensmagnetismus in seinen fingerspitzen, seinen handflächen, strahlt ihn aus den augen, läßt ihn durch seine stimme schwingen, kann ihn von jedem teil seines körpers auf den eines andern übertragen − ja, selbst durch seine aura, unsichtbar und ohne leiblichen kontakt.“ Lloyd umriss hier nur die bekannten Standardtechniken des Mesmerismus. Es fällt auf, dass in der Hochzeit des Mesmerismus im frühen 19. Jahrhundert eine direkte Anwendung des Magnetisierens im Sexualleben so gut wie nie zur Sprache kam. Rund hundert Jahre später hatte sich das geändert. Die Sexualität und vor allem ihre Perversionen und Pathologien waren nun in Wissenschaft, Kunst und Alltagsleben zu einem großen Thema geworden.

Lloyd pries die „Karezza-vereinigung“ als einen stetigen „jungbrunnen alles lebens“. Die Kraftquelle erklärte er physiologisch: Die Zurückhaltung des Samens spende dem Organismus Energie und Lebenskraft. Gelegentlich genüge schon ein einziger Samenerguss, „den mann seiner magnetischen kräfte zu berauben.“ Er suchte nach einer wissenschaftlichen Begründung und kombinierte dabei endokrinologische mit vitalistischen Vorstellungen. Das endokrine Drüsensystem erzeuge „lebenskraft“. Diese stecke im Samen. Wenn er wieder aufgesogen werde, stärke das die Lebenskraft. Dagegen sei der Orgasmus eine „gewaltsame entladung aufgestauter nervenkraft“ und führe zu krampfartigen Symptomen, etwa zur Hysterie „als ersatz für sexuelle orgasmen“. Ein Überschuss an „sexueller nervenkraft“ müsse aber gar nicht ausgeworfen werden, wie die „ärzte der orgasmus-richtung“ behaupteten, da er nach ihrer Meinung die Gesundheit angreife. Lloyd propagierte nun gegenüber den bekannten drei Arten des Geschlechtsakts (coitus completus, coitus interruptus und coitus reservatus) eine vierte Art: den „coitus sublimatus“ als den „höhergewandelten geschlechtsakt“. Dieser Karezza-Akt bringe  „restlose zerteilung aller blutüberfüllung, entladung aller überschüsse an nervenkraft, befreiung von aller spannung und umfassende befriedigung.“ Er rege die „tätigkeit der innern zeugungsdrüsen“ an und stärke sexuelle „schwächlinge“, so dass sie „zu männern“ würden. Aber auch dem Mann mit „normaler geschlechtlicher stärke“ biete er volle Befriedigung. Während der übliche Orgasmus alle Kräfte „abwärts“ leite und an die Geschlechtsorgane binde, weise der „geschlechtliche magnetismus“ bei Karezza „aufwärts“ und führe „zu einem romantischen, poetischen, vergeistigten abschluß“.

Lloyds vehemente Kritik an der „orgasmus-schule“ war für einen Arzt im frühen 20. Jahrhundert äußerst ungewöhnlich, denn sie widersprach den vorherrschenden Grundannahmen der Medizin und Sexualwissenschaft. Die Methoden der „orgasmus-schule“ seien so, „daß sie eine stauung schaffen, die nur durch einen orgasmus beseitigt werden kann.“ Dies sei für „den armen, den schwachen mann“ gefährlich. „Karezza dagegen baut ihn und seine kräfte auf, während sie dem sexualstarken eine verwendung seiner schöpferischen energien auf höherer ebene ermöglicht.“ Lloyd beendete sein Plädoyer für Karezza mit einer „Zusammenfassung der Vorteile“. Zum einen unterstrich er die sexualhygienischen Vorteile: Verhinderung unerwünschter Schwangerschaften und Verzicht auf lästige und schädliche Verhütungsmethoden. Zum anderen hob er die physiologischen und spirituellen Vorteile hervor: Jeder Körperteil werde „magnetisiert und belebt und dadurch verschönt“, das Geschlechtliche werde „geläutert, erlöst“: „Der friede, der aufstrahlt, ist so süß, die erfüllung so umfassend, und oft halten körperliches hochgefühl und geistige frische für viele tage an, wie wenn die beiden äterische [sic] anregung, nahrung empfangen hätten.“

Im Unterschied zur Situation in den USA fällt auf, dass sexualreformerische Ansätze wie Stockhams Karezza oder Lloyds Magnetation in Deutschland außerhalb kleiner Zirkel der Lebensreformbewegung kaum rezipiert und von den Pionieren der Sexualwissenschaft ebenso wie von den politischen Akteuren der Sexualreform ausgeklammert wurden. Diese lehnten die sexualreformerischen Methoden als unpraktikabel oder gar gesundheitsschädigend ab, häufig ohne ihren Ansatz überhaupt verstanden zu haben. Erstaunlicherweise konnte auch die „Sexualmagie“ neueren Datums mit „Karezza“ nicht viel anfangen. So definierte der  US-amerikanische Okkultist Donald Michael Kraig, Verfasser zahlreicher esoterischer Schriften, Karezza in einem „Course Glossary“ [6] folgendermaßen: „Karezza: A male technique for delaying orgasm, it is said to have beneficial effects to both members of a loving couple“ Die falsche Definition springt ins Auge. Zum einen ging es Stockham nicht um eine „Verzögerung“ des Orgasmus, zum anderen betraf die „Technik“ beide Geschlechter gleichermaßen. Im Übrigen nahm Kraig Wilhelm Reichs Orgasmus-Lehre ambivalent auf. Einerseits bewertete er den unkontrollierten Orgasmus eines potenten Menschen (orgasmically potent) positiv: „because going into such a state is exactly what true meditation is!“ Andererseits kritisierte er diesen angeblich einzigen Weg „to release Orgone energy“, da die Tantriker durchaus Methoden wüssten, diese Energie willentlich zu kontrollieren. Im fundamentalen Unterschied zu Karezza, wo von beiden Partnern eine Verstetigung und Verbreitung des Orgasmus ohne Höhepunkt angestrebt wurde, ging es in Kraigs Darstellung nur um ein Hinauszögern des Orgasmus beim Mann, während die Frau ihn mehrfach haben konnte.

[1] http://en.wikipedia.org/wiki/John_William_Lloyd (7.05.2012).

[2] John William Lloyd: The Karezza Method or Magnetation. The Art of Connubial Love. Privately printed for the author, 1931.

[3] John William Lloyd: Karezza-Praxis. Liebe als austausch magnetischer kräfte. Die kunst ehelicher liebe. Der liebende als künstler der berührung. […] hg. von Werner Zimmermann. Lauf bei Nürnberg; Bern; Leipzig: Die Neue Zeit. Rudolf Zitzmann Verl., 1930.

[4] Ebd., S. 8 f. [Vorwort des Herausgebers].

[5] LLoyd, 1930 [wie Fußn. 3]; S. 13 f., 19, 22., 42, 23-28, 32 f., 45, 35,54, 58. 126, 139-132, 137, 139-141, 131.

[6] Kraig, Donald Michael: Modern Magick. Eleven lessons in the High Magicl Arts. St. Paul, MN: Llewellyn Publications, 1988.Kraig, 1988. S. 523-540, 427, 438.