Buchpublikation in Vorbereitung (2017)

Update vom 4.04.2017

PRINTED BOOK NOW AVAILABLE !

 

Der Inhalt dieses Blogs wird demnächst vollständig als Buch erscheinen: in gedruckter Form und zugleich als E-Book, und zwar unter dem Titel:

Himmel oder Hölle

Ansichten zur menschlichen Sexualität.

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Das aufgeklappte Cover des neuen Buchs: in Eigenregie erstellt

Nachdem ich mich lange Zeit bei einer Reihe von Verlagen vergeblich darum bemühte, dieses Buch zum Druck zu bringen, habe ich mich entschlossen, die Publikation selbst in die Hand zu nehmen. Der Verlag BoD — Books on Demand bietet mir die Möglichkeit, ohne Druckkostenbeihilfe zu publizieren. Das ist ein Versuch wert.

Anmerkung:

Ich finde es bedauerlich, dass Bücher mit eigenwilligen Themen und ausgefallenen Formaten bei Verlagen offenbar auf wenig Gegenliebe stoßen. Sind die Zeiten vorbei, als Verleger vor allem „Gesinnungstäter“, und erst in zweiter Linie Betriebwirtschaftler waren? Oder gab es diese Zeiten nie? Merkwürdig, dass sich niemand aus der herkömmlichen Verlagslandschaft für mein Projekt begeistern konnte …

Update vom 21.03.2017:

Das Buch wird in allernächster Zeit über Books on Demand (BoD) veröffentlicht. Hier einige Details:

Format: DIN A5 (14,8×21 cm)

Einband: Paperback

Bindung: Klebebindung

Gesamtseitenzahl: 244 — mit 39 S/W-Abbildungen

Ladenpreis: 8,99 EUR

E-Book-Ladenpreis: 6,99 EUR

E-Book-Aktionspreis: 4,99 EUR — ab Veröffentlichung für 4 Wochen, Ladenpreis 6,99 EUR

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Buchtitel und Vorwort

Heinz Schott

Himmel oder Hölle

Ein Essay über die Sexualität

[Vorschau / Preview]

Vorwort

Lange habe ich nach einem geeigneten Titel für meinen Essay gesucht. Schließlich fiel mir das Spiel „Himmel oder Hölle“ ein. Ich kann mich daran erinnern, dass wir es als Kinder hin und wieder gespielt haben. Dabei wird ein Papier so gefaltet, dass zwei kreuzweise angeordneten Spalten entstehen. Die Wände der einen Spalte werden rot, die der anderen blau gefärbt. Mit einer Handbewegung zeigt er Spieler seinem Gegenüber, der das Papierkunstwerk hält, auf die zu öffenende Spalte. Zeigen sich deren Wände blau, kommt er in den Himmel, zeigen sie sich rot, kommt er in die Hölle. Das Sexualleben, nicht zuletzt in Form der bürgerlichen Ehe, wird häufig als ein Glücksspiel aufgefasst, das dem von „Himmel oder Hölle“ entspricht: Man hat zwar die Wahl, aber was herauskommt ist Zufall − und eher Hölle als Himmel, gängiger Stoff für für Ehedramen und Liebesgeschichten. In Literatur und Kunst ist Sexualität als Ursache gescheiterter Beziehungen, also die „Hölle“, zumeist ein interessanterer Gegenstand als jene Sexualität, die Glück, also den „Himmel“, bedeutet. Dem entspricht die verbreitete Meinung, dass der Mensch sexuellem Begehren und Getriebensein auf Gedeih und Verderb ausgesetzt sei und dieses allenfalls um den Preis seiner Vitalität und Gesundheit unterdrücken könne. Die Vorstellung, dass Sexualität so gelenkt und gemeistert werden kann, dass sie Vitaltiät und Gesundheit steigert, erscheint dagegen weniger populär.

Meine Betrachtungen als Medizinhistoriker resümieren die Ergebnisse langjähriger Forschungen. Erste Überlegungen zur Ideengeschichte der Sexualität stellte ich bereits vor mehr als drei Jahrzehnten an. So eindrucksvoll die psychoanalytisch inspirierten Sexualtheorien und davon abgeleitete Sexualpraktiken damals in den studentenbewegten Jahren auch waren − vor allem Wilhelm Reich wurde seinerzeit intensiv diskutiert −, so unbefriedigend erschienen sie mir in ihrer geistigen und poetischen Substanz. Eine faszinierende Gegenwelt schienen dagegen utopisch erscheinende Sexualkonzepte zu versprechen, welche die geistige Führung des Geschlechtstriebs propagierten und die man im Allgemeinen der „Sexualmagie“ zuordnet. Insofern scheint mein Ansatz „idealistisch“ zu sein: Er hat hat keine Scheu, Gebiete der Theologie und Mystik zu berühren und den Begriff des Geistes ins Spiel zu bringen.

Dieser Essay lebt von Zitaten und Anspielungen. Deren Quellen müssen selbstverständlich detailliert angegeben werden. Ich habe eine Form gewählt, die den Leser möglichst wenig stören soll, ihm aber bei Bedarf exakte Literaturhinweise im Anhang liefert. Dieses Buch ist kein Gesundheitsratgeber, kann aber gleichwohl eine Orientierung für die Lebensführung geben. Es will auch keinen Beitrag zur Sexualethik liefern, obwohl es voller ethischer Implikationen steckt. Dem Leser bleibt es überlassen, inwieweit er aus dem Gelesenen praktische Konsequenzen für sein eigenes Leben ziehen kann und will. Als Autor möchte ich es mit einem Zitat aus Goethes „Faust“ halten, das auch der Selbstanalytiker Sigmund Freud wie eine Schutzformel in seinem Hauptwerk „Die Traumdeutung“ ins Feld führte:

Das Beste, was du wissen kannst,

Darfst du den Buben doch nicht sagen.“

Bonn, im Frühjahr 2016 Heinz Schott

# Einleitung

Sex, dieses einsilbige Wörtchen mit nur drei Buchstaben, hat im Laufe des 20. Jahrhunderts − man denke an die „Sexbombe“ im klassischen Hollywoodfilm − eine steile Karriere gemacht. Es berührt menschliches Leben schlechthin, wobei wir in unserem Essay von der Sexualität bei Pflanzen und Tieren absehen wollen. „Sex haben“ entspringt wohl dem englischen Ausdruck to have sex und wurde früher mit dem heute altmodischen klingen Ausdruck „Geschlechtsverkehr ausüben“ bezeichnet. Wenn etwas als sexy charakterisiert wird, so hat das gewöhnlich mit Sexualität im engeren Sinne ebenso wenig zu tun wie das inzwischen äußerst beliebte Adjektiv „geil“. In der Regel aber verweist das Wörtchen Sex − zumindest in der heutigen Umgangssprache − auf geschlechtliche Interaktionen zwischen Individuen. Diese können recht verschiedene Formen annehmen und haben auch im Laufe der Menschheitsgeschichte verschiedene Formen angenommen. Sex bedeutet also die konkrete Ausprägung der Sexualität in einem bestimmten sozialhistorischen Kontext.

Die Sexualität gehört zu den schwierigsten Kapiteln der Menschenkunde. So tut sich die medizinisch oder philosophisch ausgerichtete Anthropologie schwer, „Sexualität“ begrifflich zu fassen. Eine Bewertung scheint alle Zeitalter zu überdauern und trotz aller biologischer und psychosozialer Erkenntnisse auch heute noch vorherrschend: Sexualität erscheint als Trieb der Natur und als solcher irrational, von biologischer Gesetzmäßigkeit bestimmt und deshalb vom Verstand kaum beeinflussbar. Dieser Trieb scheint alles überrennen zu wollen, was ihm im Wege steht, und sich wie ein Herrscher in seinem Reich aufzuführen. Hier stellt sich dann die Frage: Bedeutet Sexualität ein Sperrgebiet für den menschlichen Geist? Gleicht jene nicht einem verminten Schlachtfeld, auf dem dieser letztlich verloren ist, wenn er es betritt?

Merkwürdigerweise wurden und werden diese Fragen in letzter Konsequenz bejaht. Der Geschlechtstrieb wurde traditionell dem dunklen und gefährlichen Unterleib des Menschen zugeordnet, dort, wo der Teufel eine Eintrittspforten finden konnte, während Geist, Verstand, Vernunft im hellen Oberleib, insbesondere Herz und Hirn, lokalisiert wurden. Diesem gefährlichen Feind im Unterleib galt es Paroli zu bieten, ihn zu bändigen und in seine Schranken zu weisen. Selbst Sigmund Freud bediente sich noch dieses Modells, um seine spezielle Neurosenlehre aus der Sexuallehre abzuleiten: Zum Aufbau und zur Erhaltung der Kultur hatte der Mensch seine Sexualität zu unterdrücken. Dies aber führte zu seiner unauflösbaren Tragik: seiner Neurose, die darin bestand, dass sich der Sexualtrieb eben nicht besiegen ließ und nur mühsam in Schach gehalten werden konnte − um den Preis neurotischer Krankheitssymptome. Freilich war Freud im Gegensatz zu fast allen seiner Anhänger raffiniert genug, um dieses einfache Unterdrückungsmodell zu verflüssigen: Der Geschlechtstrieb, die „Libido“ oder Sexualenergie konnte sublimiert werden, ließ sich also in kulturelle Leistung verwandeln. Die „Sublimierung“ spielte metaphorisch auf die alchemistischen Stoffverwandlung und -veredlung an. Doch auch dieser Begriff der Sublimierung bestätigt letztlich die traditionelle Auffassung von Sexualität. Sie ist das urtümliche Reich der Lebenskraft, die zwar verfeinert, sublimiert werden kann, aber dadurch zugleich die Vitalität des kulturell gezähmten Menschen einschränkt und ihn zum Neurotiker macht. Freud setzte, was den meisten Interpreten entgangen ist, nicht am Sexualleben unmittelbar an. Sublimieren bedeutete für ihn also nicht eine veränderte Sexualpraktik, sondern eine Verschiebung der Energie auf kulturelle Leistungen.

Die „sexuellen Revolutionen“ im 20. Jahrhundert blieben in diesem Modell der unterdrückten Sexualität befangen. Letztere sollte sich endlich von den Fesseln befreien, sich ungehindert von sozialen Tabus ausleben können. Die Akteure konnten sich auf ein scheinbar zwingendes Argument berufen: Die Unterdrückung der Sexualität mache krank und schwach, das Ausleben emanzipiere von den bürgerlichen Normen und mache gesund und stark. Was bestimmte Vordenker propagiert hatten, etwa in der Lebensreformbewegung um 1900 und dann mit sozialrevolutionärem Elan in der Zwischenkriegszeit, wurde nun in den 1960er und 1970er Jahren zum Evangelium erhoben. Es kam zu einer unreflektierten Neo-Romantik, die der menschlichen Natur gegen den normativen Zwang der Gesellschaft zu ihrem Recht verhelfen wollte. Freilich waren diese Bestrebungen bei genauerem Hinsehen vielmehr der biologistischen Doktrin − etwa im Sinne eines Wilhelm Reich −, als irgendeiner romantischen Naturphilosophie − etwa im Sinne eines Novalis − verpflichtet. Mit anderen Worten: Sex wurde nun in allerlei Spielarten „emanzipatorisch“ praktiziert und war Teil eines mehr oder weniger revolutionären Kampfes, der sich gegen bürgerliche Normen, kapitalistische Zwänge oder gar faschistische „Panzerungen“ richtete. Über dieses Schlachtfeld hatte der menschliche Geist zwar die Oberaufsicht, insofern er das Terrain mit ideologischer Schärfe absteckte, einen direkten Zutritt hatte er jedoch nicht. Denn in das sich quasi automatisch entladende Sexleben sollte er sich keinesfalls einmischen. Denn Sexualität erschien ja per se unterdrückt und sollte sich endlich aus den kulturellen Fesseln befreien.

Mein Essay stellt diese einseitige Auffassung der Sexualität und die aus ihr abgeleiteten Sexualpraktiken in Frage. Er gliedert sich in zwei Abschnitte: Im ersten untersuche ich die traditionelle und letztlich auch heute noch vorherrschende Auffassung von Sexualität, die als Ausdruck einer natürlichen Triebhaftigkeit begriffen wird, deren Spannung in einem biologischen Reflexvorgang aufgelöst werden sollte; im zweiten stelle ich anhand von historischen Zeugnissen dar, wie das Sexualleben möglicherweise durch die „Macht des Geistes“ willkürlich zu einer Quelle von Mitmenschlichkeit und Glück verwandelt werden kann.

Die traditionelle Auffassung von Sexualität als „Trieb der Natur“ erblickte im menschlichen Geist eine Art Zuchtmeister, der die Peitsche schwingen muss, um der sexuellen Unzucht Herr zu werden. Die „sexuellen Revolutionen“ im 20. Jahrhundert haben zwar den Zuchtmeister zurückgepfiffen, aber keine grundsätzlich neue Auffassung von Sexualität als Naturtrieb hervorgebracht, sondern diese eher noch radikalisiert: Befreiend und gesund schien nun die von geistiger Beeinflussung ungehemmt praktizierte Sexualität. Mein Essay verfolgt eine umgekehrte Perspektive. Ich gehe nicht von der (unbestreitbar vorhandenen) Macht des Naturtriebs und seiner unwillkürlichen Physiologie aus, um von dieser Grundlage aus alle weiteren Überlegungen zu entwickeln, sondern von der Macht des menschlichen Geistes, willkürlich in die physiologischen Vorgänge einzugreifen und diese zu modellieren. Selbstverständlich sind geistigen Kräften − wie auch körperlichen − Grenzen gesetzt. Aber wo liegen sie konkret? Wie ernsthaft versucht der einzelne Mensch, diese Grenzen auszuweiten oder sie kontrolliert zu überschreiten?

Mein Essay schildert also einen Perspektivwechsel. Ich scheue mich, diesen großmundig als einen Wechsel von der Natur zum Geist zu deklarieren, da ich mich nicht auf das Feld der gelehrten Philosophie vorwagen möchte. Aber auf meinem eigenen Gebiet der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte gibt es genügend Anhaltspunkte, um einen solchen Perspektivwechsel tatsächlich plausibel zu machen. Ich stütze mich dabei vor allem auf meine Buch „Magie der Natur“, dessen letzten sieben Kapitel unter der Überschrift stehen: „Eros − Liebeszauber zwischen Sex und Mystik“. Mein Essay geht jedoch über die betreffenden Ausführungen hinaus, indem er die Thematik neu strukturiert und thesenartig zuspitzt. Wenn meine Betrachtungen provozierend wirken und zu Diskussionen führen, umso besser.

# 1. Kap. Geschlechtstrieb: Der gefährliche „Trieb der Natur“

Bevor der Begriff der Sexualität im 19. Jahrhundert allgemein in die medizinische Terminologie eingeführt wurde − von einer „Sexualität der Pflanzen“ ist in der Botanik schon um 1700 die Rede −1, sprach man von „Naturtrieben“ oder „Naturinstinkten“ und unterschied dabei zwischen den von Gott gewollten und den widernatürlichen, sündhaften. Bereits in der frühen Neuzeit wurde somit das Raster für die moderne Einteilung in normales und pathologisches Sexualleben vorgegeben. Was als normal galt, wurde mit der von Gott gegebenen „Natur“ und ab dem 19. Jahrhundert zunehmend mit der von den biologischen Naturgesetzen abgeleiteten „Physiologie“ begründet. Mit dem Degenerationsgedanken und der rassenbiologisch argumentierenden Zivilisationskritik am Fin de siècle breitete sich ein moderner Topos der medizinischen Anthropologie aus: Die Zivilisation mache krank und stelle selbst eine Krankheit dar. Nietzsche und Freud spitzten diesen Topos auf ihre je eigene Weise zu. Ersterer erblickte in der Unterdrückung der physiologischen Lebendigkeit durch die „asketischen Priester“ die Ursache für die „moderne Krankheit“ schlechthin, Letzterer machte die Unterdrückung der Sexualtriebe durch kulturelle Verbote für die alle Menschen betreffende „Neurose“ verantwortlich. Beide Ansätze begriffen Krankheit nicht als eine pathologische Normabweichung von der gesunden Normalität, sondern behaupteten, dass alle Menschen mehr oder weniger krank seien und sich in ihrer Symptomatik nur graduell voneinander unterscheiden würden. Man befand sich eben im „Zeitalter der Nervosität“.2

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1 Rudolf Jacob [Rudolphus Jacobus] Camerarius: De sexu plantarum epistola. Tübingen, 1694.

2 Joachim Radkau: Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler. München […]: Hanser, 1998.

 

# 2. Kap. Normierungen der Sexualwissenschaft und Sexualmedizin

Erst im 20. Jahrhundert wurden die Termini Sexualwissenschaft und Sexualmedizin geprägt. Selbstverständlich bezog die Medizin zu allen Zeiten die Sexualität und ihre Störungen in ihre theoretischen Konzepte und praktischen Behandlungsmethoden ein, wenngleich nicht unter dieser Bezeichnung. Wahrscheinlich treten auf keinem anderen Gebiet Menschenbild und Krankheitsverständnis der Medizin so plastisch in Erscheinung wie hier. Auch wenn sich die gegenwärtige Sexualmedizin explizit auf die Kulturgeschichte beruft und auf die kulturabhängigen Konstruktionen des Sexuellen verweist, bleibt sie – angereichert durch soziologische und psychologische Aspekte – in der Bahn des biomedizinischen Denkens. So vertritt sie ein „biopsychosoziales Modell des Sexuellen“, das zunächst in der Psychosomatik entwickelt wurde.1 Die stark veränderten Formen der Sexualität und ihrer jeweiligen wissenschaftlichen und sozialen Bewertung springen ins Auge. Beispielhaft lässt sich dies an der „Konstruktion des Masturbierens“ oder der „Konstruktion der weiblichen Sexualität“ Ende des 19. Jahrhunderts im Vergleich zur Situation Ende des 20. Jahrhunderts aufzeigen. Die Masturbation verwandelte sich von der in jeder Hinsicht überaus gefährlich eingeschätzten „Selbstbefleckung“ zur durchweg als harmlos eingestuften und in gewisser Hinsicht sogar gesunden „Selbstbefriedigung“; die weibliche Sexualität verwandelte sich von der pflichtgemäßen Ausübung des Koitus mit dem Ehemann zu einer Variabilität der sexuellen Betätigung auch in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften. Es hat den Anschein, als bedeuteten die heutigen „Konstruktionen“ einen wahrhaften Fortschritt des humanen Sexuallebens im Einklang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen, eine gelungene „Enttabuisierung der Sexualsphäre“.2 Dennoch sind Zweifel angebracht, wenn wir die heute gängige Gegenüberstellung von normaler und pathologischer Sexualfunktion und die damit verbundenen Gesundheitsvorstellungen und Leistungsnormen ins Auge fassen.

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1   Klaus M. Beier / Hartmut A.G.Bosinski / Kurt Loewit: Sexualmedizin. Grundlagen und Praxis. 2., völlig neu bearb. u. erw. Aufl. München; Jena: Urban & Fischer, 2005: S. 30-32.

2 Rudolf Kaden: „Einleitung“ zu Rudolf Kaden (Hg.): Allgemeine Pathologie der Sexualfunktionen. Störungen der Reproduktion und der Kohabitation. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 1980: S. 15-17.

# 6. Kap. Formen der erotischen Magie und ihre Glücksversprechen

Sexualität erscheint heute in zweierlei Hinsicht enttabuisiert. Zum einen wird der Mensch als biologisch fassbares Triebwesen verstanden, der auch noch im letzten seiner Gemütswinkel vom Geschlechtstrieb bedrängt wird; zum anderen wird Sexualität als Bühne der öffentlichen performance benutzt, auf der der Mensch seine Bedürfnisse endlich offen ausleben kann. Damit geraten zwei Dimensionen des Eros ins Abseits: die von der biologischen Sexualsphäre scheinbar unabhängige Macht des Geistes und die existenziell-private Erfahrung des Erotischen. In der Medizin wird, wie wir gesehen haben, Sexualität biologistisch verengt und letztlich der Sphäre des Vegetativen zugerechnet, das sich unwillkürlich jenseits des menschlichen Geisteslebens abspiele. Ähnliches geschieht aber auch mit der individuellen Erfahrung des Erotischen, die hinter statistisch erfassten äußerlichen Parametern, etwa der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs, aus den wissenschaftlichen Berechnungen verschwindet. Die magia naturalis implizierte jedoch, wie wir gesehen haben, durchaus erotische Momente, insbesondere in ihrer alchemistischen Variante. Der Naturforscher, der mehr oder weniger aus den Brüsten der Natura Milch saugte, oder die Konjunktion von Sonne und Mond bzw. Gold und Silber, die als kopulierendes Paar dargestellt wurde, sind Beispiele hierfür. Die sinnlich-erotischen Annäherungen an die vorgestellte Gottnatur geschahen am intensivsten in der mystischen Verschmelzung (unio mystica). Vor allem im Ausgang von altindischen religiösen Lehren entfaltete sich eine Tradition der Sexualmagie (magia sexualis), in der kosmisches Vereinigungserleben mit bestimmten Sexualpraktiken erreicht werden sollte. Die Zurückhaltung des Samens spielte hierbei eine zentrale Rolle.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie „magische“ Sexualpraktiken in einer Zeit propagiert und auch in die Tat umgesetzt wurden, als biologistisches Denken auch den Begriff der Sexualität beherrschte. Insbesondere soll die Technik der Karezza vorgestellt werden, die in der Lebensreformbewegung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert – wenn auch nur am Rande der Debatte über Sexualität – eine gewisse Bedeutung erlangte. Magia naturalis und magia sexualis sind kaum voneinander zu trennen. Letztere kann als die intensivste Stufe der Ersteren aufgefasst werden. In der Sexualität soll jene „Heilige Hochzeit“ aufscheinen, die in der unio mystica am eigenen Leib vollzogen wird (siehe Kapitel 5). Gegenüber der herrschenden Auffassung einer biologisch fixierten Sexualität sind wir hier mit einem alternativen Ansatz des Sexuallebens konfrontiert, nämlich einem Sexualleben als einem geistigen Agieren, einem spirituellen Handeln, das nach Überzeugung der Promotoren dieser magia sexualis befreit und zugleich beglückt. Die Gratwanderung zwischen Scharlatanerie, Missbrauch und Verblendung einerseits und religiösem Wahn, Schwärmerei und Geisteskrankheit andererseits ist gerade auf dem Gebiet der Sexualität schwierig und gefährlich. Angesichts der „sexuellen Not“, die als conditio humana auch nach allen „sexuellen Revolutionen“ nicht verschwunden ist, erscheint diese Gratwanderung gleichwohl als konkrete Utopie verlockend.