5. Kap./6* Hierosgamos in der Moderne

Die von der Theosophie inspirierte Braut-Mystik, insbesondere die Vereinigung mit Sophia, wie sie im Gefolge von Jakob Böhme zunächst von Johann Georg Gichtel geschildert wurde, erlebte im Kontext lebens- und sexualreformerischer Strömungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den USA eine beachtliche Renaissance. Sie ist andeutungsweise auch in der Vorstellungswelt der Heilsarmee (Salvation Army) zu finden, die 1865 in London gegründet wurde. Bilder können oft mehr über ideengeschichtliche Hintergründe einer Lehre aussagen als Texte und ihre Mehrdeutigkeit zum Ausdruck bringen. Als Beispiel sie hier eine in verschiedenen Auflagen erschienene Broschüre von Emma Booth-Tucker genauer betrachtet, der Tochter von William Booth, dem Gründer der Heilsarmee. Das vorliegende Exemplar wurde 1904 veröffentlicht und trägt den Titel „Rules and Regulations for the Rescue Officers“. (Abb. 34)

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Abb. 35: Rettende Erleuchtung durch die Heilsarmee (1904)

Man sieht eine bürgerlich gekleidete Frau im Türrahmen einer hell erleuchteten Pforte stehen. Am Fuße des Treppenaufgangs, den man als Himmels- oder Jakobsleiter deuten kann, steht eine junge Frau mit langem Kleid und einem Hut auf dem Kopf, die ihr Gesicht hingebungsvoll der oben stehenden Frau zuwendet. Diese hat ihre Handflächen, von denen Strahlen ausgehen, auf die unten stehende gerichtet. Auf dem Blatt ist zu lesen: „Light out of darkness comes, and the full glory Shines on Salvation’s sea, boundless and wide, Still in god’s mercy a limitless tide”. Die Frau in der Lichtpforte tritt hier als Medium zwischen der göttlichen Lichtquelle und der jungen Frau auf der Straße in Erscheinung. Sie übernimmt in gewisser Weise die Rolle der Natura. Zugleich deuten ihre Strahlenhände auf den Mesmerismus und die Übertragung des magnetischen Fluidums hin . „Salvation’s sea“ und „limitless tide“ unterstreichen das mesmeristische Motiv. Insofern übernimmt sie die Rolle eines Magnetiseurs. Bei der in den 1870er Jahren gegründeten Christian Science wird der mesmeristische Hintergrund noch deutlicher: Mary Baker-Eddy wurde direkt von dem Magnetiseur Phineas Quimby, der sie als Patientin behandelte, beeinflusst − ein viel beachtetes Thema in Religionsgeschichte und Esoterik, worauf wir hier nicht näher eingehen wollen.

Einzelne esoterische Gemeinschaften und „Orden“ entwickelten außergewöhnliche und zum Teil als „magisch“ bezeichnete Sexualpraktiken, worauf das letzte Kapitel ausführlicher eingehen wird. An dieser Stelle sei nur die Geschichte einer weniger bekannten Mystikerin erwähnt, die auf religiöser Grundlage höchst praktische Ratschläge für ein reformiertes Sexualleben propagierte: Ida Craddock. Streng puritanisch erzogen und schon von Kindheit an in intensivem Bibelstudium geübt, wandte sie sich als junge Frau den bislang ausgeklammerten Themen wie Sexualität, Okkultismus und Freiheit im Allgemeinen zu.[1] Um 1887 beschäftigte sich Craddock mit theosophischen Themen und studierte alle möglichen Quellen zum Okkultismus. Neben der biblischen Tradition berücksichtigte sie auch hinduistische Lehren, griechische Philosophie und zeitgenössische Auffassungen des Okkultismus. Einmal bezeichnete sie sich sogar als „Priestess and Pastor of the Church of Yoga“.

Sie behauptete, mit einem Engel namens Soph − wohl dem männlichen Pendant zu Sophia  − verheiratet zu sein, wie sie in ihrer Schrift „Heavenly Bridegrooms“ (Himmlische Bräutigame) darlegte, die der „Sexualmagier“ Aleister  Crowley (siehe Kapitel 6) in einer Besprechung 1919 in höchsten Tönen lobte: This book is of incalculable value to every student of occult matters. No Magick library is complete without it.“[2] Obwohl sie nie verheiratet oder öffentlich mit einem Mann liiert war, hatte sie zwischen 1889 und 1891 nach Auskunft eines Vertrauten zwei Liebhaber, die recht unterschiedlich waren.[3] Der erste konnte sie in seiner konventionellen Art sexuell nicht befriedigen, während der zweite, ein „heretical mystic“, mit der Karezza-Technik wohlvertraut war und durch sein Können Ida in eine bis dahin nicht gekannte sexuelle Ekstase versetzte. Sie interessierte sich zunehmend für Formen religiöser Sexualität, die sie eklektizistisch sehr unterschiedlichen kulturgeschichtlichen Quellen entnahm. Ihre diesbezügliche Schrift war mit „Lunar & Sex Worship“ betitelt. Das Kreuz, das auch weit über die Christenheit hinaus in allen Kulturen und Religionen der Welt als Zeichen beachtet werde, sei, so legte sie in einer Folgeschrift dar, grundsätzlich ein Symbol der sexuellen Vereinigung, das überall als Quintessenz jeglicher Religion verehrt würde.

Craddocks theosophische und spiritualistische Anschauungen standen in einem merkwürdigen Spannungsverhältnis zu ihren sehr praktischen Ratschlägen für ein sexuell befriedigendes Eheleben. Was heute als „Vergewaltigung in der Ehe“ problematisiert wird, hatte sie als schreckliches Alltagserleben unzähliger Frauen vor Augen. Sie kannte aus einschlägigen Berichten das sexuelle Elend, das mit den Redeweisen von „Hochzeitsnacht“ und „ehelichen Pflichten“ umschrieben wurde. So verfasste sie emanzipatorische Aufklärungsschriften wie „The Wedding Night“ und „Right Marital Living“, in denen sie konkrete Ratschläge erteilte, die von ihren Feinden als obszön angesehen wurden und Anlass zu ihrer juristischen Verfolgung gaben. Sie betonte die Notwendigkeit der sexuellen Selbst-Kontrolle. Wer den Geschlechtsverkehr mit seiner Frau erzwingt, ohne dass diese Verlangen danach verspürt, vergewaltige sie. Stattdessen empfahl Craddock, den Geschlechtsverkehr mindestens eine halbe bis eine Stunde andauern zu lassen, um der Frau genügend Zeit zu geben, zum Orgasmus zu gelangen. Das erigierte Glied sei abstoßend, eine „monstrosity“, wenn die Frau nicht entsprechend sexuell erregt sei. Umso mehr gelte dies für eine junge Braut: „how much more must the sight and touch of that apparent monstrosity in a man shock and terrify the inexperienced young bride!“ Sie empfahl, der Natur mit Einfühlungsvermögen beim Liebesspiel ihren Lauf zu lassen: „if you are patient and loverlike and gentlemanly and considerate and do not seek to unduly precipitate matters, you will find that Nature will herself arrange the affair for you most delicately and beautifully.” Sie beschrieb die physiologischen Reaktionen der Frau auf die Liebkosungen des Mannes, sodass sich die Erregung reflexartig von den Brüsten auf die Genitalien übertragen könne und die Vagina feucht werde. Der Penis könne dann nicht nur ohne Schmerzen, sondern mit einer Verzückung (rapture) eingeführt werden.

Craddock identifizierte sich bezüglich ihres himmlischen Bräutigams mit Maria, die ja ebenfalls durch einen solchen, nämlich den Heiligen Geist, befruchtet worden sei. Sie beschrieb drei Stufen der Initiation durch sexuelle Mittel: (1) Der „Alphaism“ als erste Stufe untersagte die geschlechtliche Vereinigung außer einer beabsichtigten Zeugung; (2) der „Dianism“ bedeutete die absolute Selbstkontrolle beim Geschlechtsverkehr, wobei in der ersten Phase die Ejakulation hinausgezögert und die Vereinigung unbegrenzt verlängert werden sollte, während in der zweiten Phase die Fähigkeit erworben werden sollte, durch die Ekstase des Orgasmus ohne Ejakulation zu kommen; auf der dritten und letzten Stufe sollte eine Vereinigung mit Gott (comunion with Deity) als dem „dritten Partner bei der ehelichen Vereinigung“ erzielt werden, wobei auch hier zwei Phasen zu unterscheiden seien: Zunächst sei während der sexuellen Ekstase die Vereinigung mit Gott anzustreben, und sodann sei der Zustand der Freude zu erhalten, der Gott und den menschlichen Sexualpartnern durch diese Vereinigung zufließe. Craddocks spezielle Art, Brautmystik mit innovativer Sexualpraktik zu kombinieren, wurde vor allem in ihrer Schrift „Heavenly Bridegrooms“ deutlich.[4] Solche Himmlischen Bräutigame seien viel häufiger, als allgemein angenommen.

Sie wehrte sich gegenüber vehement vorgebrachten Verdächtigungen: Entweder habe sie verbotene Erfahrungen gemacht und sei verdorben − oder sie sei schlichtweg verrückt. Sie identifizierte als die beiden himmlischen Bräutigame den Heiligen Geist und Christus, denen als Braut Maria bzw. die christliche Kirche gegenüberstand. Sie verwies auf Teresa von Avila, die Christus als Bräutigam der Seele verstanden habe, und auf den volkstümlichen Choral: „Jesus, Lover of my soul, / Let me to Thy bosom fly!“ Auch hob sie, wie viele andere, die religiöse Erotik im Hohelied Salomos hervor. Sie forderte ihre prüde Umwelt auf doppelte Weise heraus: spiritualistisch als angebliche Braut eines Engels und sexualreformerisch als Ratgeberin für einen befriedigenderen Geschlechtsverkehr. So stand sie mit einem Bein im Irrenhaus, mit dem anderen im Gefängnis und wurde von ihren Verfolgern gehasst, vor allem von dem selbst ernannten Sittenrichter Anthony Comstock. 1902 beging sie im Alter von 45 Jahren Suizid, nachdem man ihr angeboten hatte, ihr eine drohende Gefängnisstrafe zu erlassen, wenn sie sich für geisteskrank erklären würde.

Auch in Europa regte die Idee der Himmlischen oder Heiligen Hochzeit bestimmte okkultistische Zirkel zu „sexualmagischen“ Praktiken an. So ging der Opernsänger und Okkultist Theodor Reuß, der vorübergehend auf dem Monte Verità aktiv war, in seinen religionshistorischen Betrachtungen auch auf die Heilige Hochzeit ein, insbesondere auf den hinduistischen Lingam-Yoni-Kult.[5] Offenbar handelt es sich hier um den ersten Teil eines geplanten Werks, dessen nicht erschienene „zweite Abteilung“ die Beziehungen des Lingam-Yoni-Kults zum Marienkult und den Symbolen der Rosenkreuzer behandeln sollte. Reuß war Mitglied und zum Teil Mitbegründer zahlreicher esoterischer Orden und ging recht unterschiedlichen Tätigkeiten nach. Sein Buch „Lingam-Yoni“ entstammte nicht, wie auf dem Titelblatt angegebenen, „alten Geheimschriften eines Ordens“, sondern stellte eine Übernahme des 1889 in London anonym erschienenen Privatdrucks „Phallism: A Description of the Worhip of Lingam-Yoni“ dar. Biografen mutmaßten, dass der Inhalt etwas mit dem „Geheimnis“ des Orientalischen Templer Ordens (Ordo Templis Orientalis, O.T.O.), den Reuß mitbegründet hatte, zu tun habe. Treibende Kraft der Ordensgründung war der Wiener Fabrikant Carl August Kellner, der sich seit den 1890er Jahren mit Yoga-Techniken beschäftigt hatte. Er praktizierte in seinem Haus alleine oder mit seiner Frau „some form of tantric goddess worship“, wie die niederländische Religionswissenschaftlerin Albertina Nugteren mitteilte.[6] Allerdings seien in seinem Fall die biografischen Tatsachen von Fiktionen verdeckt, wie eine Urenkelin von Kellner monierte.[7] 1912 war in der „Oriflamme“, dem amtlichen Organ des O.T.O., zu lesen, dass der Orden die Schlüssel für „alle maurerischen und hermetischen Geheimnisse“ besitze, nämlich „die Lehre von der Sexual-Magie, und diese Lehre erklärt restlos alle Rätsel der Natur“.[8]

Das Aufnahmeritual des O.T.O. war erotisch gefärbt. Der Aufzunehmende hatte es mit verbundenen Augen zu absolvieren. In einer Geschichte des Monte Verità heißt es, wie Reuß zitiert: „Unklare Weihehandlungen, süßlich duftende Dämpfe, teilweise Entkleidungen, aufpeitschende Musik schufen eine Schwüle, die den Teilnehmern bald den Rest der Besinnung raubte. Sie gerieten in einen Taumel, durch den alles weitere Geschehen, das bei Licht besehen einfältig und schamlos angemutet hätte, sublimiert wurde. […] Manche ehrbaren Frauen gaben sich den Brüdern in Verzückung hin und waren später der festen Meinung, Gott sei der Vater ihres Kindes“. Reuß galt als „Frauenfresser“, dem alle Frauen verfallen waren, was schließlich dazu führte, dass er den Monte Verità nach einjährigem Treiben 1917 verlassen musste.

Reuß berief sich auf tradierte Formen des Phallus-Kultes bei Indern, Griechen und Römern und das transkulturelle Symbol Lingam-Yoni, das die Geschlechtsvereinigung in Steinskulpturen zeigt, wobei Lingam (oder Linga) das männliche und Yoni das weibliche Geschlechtsorgan symbolisiert: „das Symbol der göttlichen sacti [sic]oder vereinigten aktiven Energien, die zeugende und gebärende Kraft, durch welche die ganze Summe der irdischen Wesen entsteht und besteht.“ Offenbar sollte dieser Bezug auf ehrwürdige kulturhistorische Zeugnisse die Dignität seiner „Sexual-Magie“ belegen. Eine besondere Bedeutung hatte die sogenannte Linga-Puja-Zeremonie in Indien: „In jedem Dorfe ist ein Tempel, und in jedem Tempel ist ein Linga, gewöhnlich zwei oder drei Fuß hoch, der sich aus einer Art breiten Basis in konischer Form gerade zum Himmel emporhebt. Junge Mädchen, die Liebhaber oder Ehemänner zu bekommen wünschen, versammeln sich am frühen Morgen in diesen Tempeln zur Vornahme feierlicher Zeremonien und Anbetung der Gottheit. Diese Zeremonie wird ‚Linga-Puja’ genannt […]. Zuerst bespritzen die jungen Mädchen das Symbol mit Wasser aus dem Ganges […], dann dekorieren sie den Linga mit Guirlanden aus Tulvablumen, […] schließlich reiben sie ihren Unterleib gegen das Symbol und flehen die Gottheit an, sie fruchtbar zu machen.“ Da die Nachkommenschaft in Indien aus religiösen Gründen einen hohen Stellenwert habe, würden Ehemänner, deren Frauen kinderlos geblieben sind, in einen speziellen „Hochzeitstempel“ schicken, um zu Linga zu beten. Reuss schilderte auch ausführlich die mythologisch und kulturhistorisch bedeutenden Projektionen von Linga und Yoni auf alle möglichen natürlichen und künstlich hergestellten Dinge, etwa die Vereinigung beider bei einem Schiff, wobei Yoni den Schiffskörper und Linga den Schiffsmast darstellt − was an manche (vulgär-) psychoanalytische Symboldeutung erinnert.

In der libertinen französischen Literatur des 18. Jahrhunderts wurde übrigens der Phalluskult bildlich dargestellt. Inwieweit hierbei indische Einflüsse eine Rolle spielten, sei dahingestellt. Die lasziven Illustrationen gehören zur Vorgeschichte der Pornografie, deren Begriff erst im frühen 19. Jahrhundert geprägt wurde. So ist auf dem Titelblatt des anonym veröffentlichten Gedichtbandes „Parapilla“, der von dem französischen Dichter Charles Bordes verfasst wurde, ein erotisches Fest mit nackten Frauen dargestellt. (Abb. 35)

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Abb. 35: Im Zeichen von Hymen und Phallus

Sie beten einen blumenbekränzten Phallus mit Flügeln an, der auf einem monumentalen Sockel nach oben ragt. Über ihm hängt ein Blumenkranz, Symbol des weiblichen Geschlechtsorgans („Hymen“) und der Hochzeit, die in der griechischen Mythologie unter der Botschaft des Gottes Hymenaios stand. Eine analoge Illustration zeigt das Titelblatt des zweiten Teils der französischen Übersetzung (Nouvelle Traduction de Woman of Pleasur [sic]) „von „Fanny Hill“, einem erotischen Briefroman von John Cleland, der erstmals 1749 in London erschien.  (Abb. 36) Allerdings huldigen hier anstelle von Frauen Putten dem Phallus und umtanzen eine Blumengirlande tragend das Monument. Auch diese Illustration vermittelt den festlichen Charakter eines Ritus.

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Abb. 36: Phallisches Freudenfest (1777)

Moderne Okkultisten werteten die Heilige Hochzeit auf, indem sie auf tantrische und taoistische Lehren zurückgriffen. Hierbei ging es um Sexualpraktiken, die eine ekstatische Verschmelzung des Einzelnen mit dem Kosmos zum Ziel hatten. Ein wichtiges Moment war nach dem tantrischen Yoga die Praxis des maithuna. Hierbei sollte der Samen (des Mannes) beim Koitus zurückgehalten werden und dann rückläufig zum Scheitelpunkt des Gehirns aufsteigen und dort zur Erleuchtung führen.[9] Der Samen galt als Träger der Lebenskraft, der auch zur Heilung von Krankheiten und zur Langlebigkeit beitrug. Der Mann stand dabei im Zentrum der Aufmerksamkeit, die Frau hatte ihm als Instrument für seine Zwecke zu dienen, was soweit führte, dass nach dem Kult des Sahajiva sogar eine imaginäre Frau, ein succubus, die reale ersetzen konnte. Im abendländischen Okkultismus wurden dagegen Techniken entwickelt, die beide Geschlechtspartner gleichermaßen befriedigen sollten, was nicht zuletzt auf die säkulare Sexualpraktik der Karezza zutrifft (siehe Kapitel 6).

Alber Camus schilderte in seiner Erzählung „Die Ehebrecherin“, wie eine ungeliebte und frustrierte Ehefrau, die verhärmt und erstarrt neben ihrem Mann dahinvegetiert, eines nachts unter nordafrikanischem Himmel ganz alleine eine Art himmlische Vermählung erlebt, die ihre Lebenslage völlig verändert. Diese poetisch wunderbar beschriebene unio mystica führt zum Orgasmus, der eine Erlösung der Frau von ihrer Not bedeutet. Der Ehebruch wird in einem quasi religiösen Akt der Hingabe an den Himmel, die Natur, die Nacht vollzogen: „Da begann mit unerträglicher Milde das Wasser der Nacht Janine zu erfüllen, es begrub die Kälte unter sich, vom geheimen Mittelpunkt ihres Wesens stieg es nach und nach empor und drang in ununterbrochener Flut bis in ihren von Stöhnen übergehenden Mund. Im nächsten Augenblick breitete der ganze Himmel sich über ihr, die rücklings auf der kalten Erde lag.“[10] Man könnte sagen: Janine gehört nun nicht mehr ihrem Ehemann, sondern dem Himmel.

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[1] Vere Chappell: Ida Craddock: Sexual Mystic and Martyr for Freedom. Originally presented at the Second National O.T.O. conference; August 7, 1999; http://www.idacraddock.com/intro.html (31.05.2012).

[2] http://en.wikipedia.org/wiki/Ida_Craddock (31.05.2012).

[3] Chappell, 1999 [wie Anm. 1].

[4] Craddock, 1918; http://www.idacraddock.com/bridegrooms.html (4.06.2012).

[5] Theodor Reuß [Pseudonym: Pendragon]: Lingam-Yoni oder die Mysterien des Geschlechts-Kultus als die Basis der Religion aller Kulturvölker des Altertums und des Marienkultus in der christlichen Kirche sowie Ursprung des Kreuzes und des Crux Ansata. Gross-Lichterfelde-Berlin: Willson, 1906. Enthalten in: Theodor Reuß (Hg.): Lingam-Yoni oder die Mysterien des Geschlechts-Kultus. München: Verl. der Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen, 1983 (Hiram-Edition; 14): S. 128, IV f.

[6] Zit. n. Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884-1945. 2 Bde. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007: S. 978,.

[7] http://www.parareligion.ch/sunrise/sigrid.htm (8.02.2013).

[8] Reuß, 1983 [wie Anm. 5]: S. IX f., 55, 60, 63, 73.

[9] Sarane Alexandrian: Histoire de la philosophie occulte. Paris: Seghers, 1983: S. 373, 375.

[10] Albert Camus: Die Ehebrecherin. In: Ders.: Gesammelte Erzählungen. Deutsch von Guido G. Meister. Reinbek bei Hamburg: Rohwolt, 1966, S. 105-126, hier: S. 125.

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6. Kap./3* Tantrismus − asiatische Sexualriten

„Tantra“ und „Tantrismus“ sind schillernde Begriffe, die im Westen zu erstaunlichen Missverständnissen, Engführungen und Legendenbildungen geführt haben (siehe unten). Die wissenschaftlich seriöse Literatur, die die komplexe Vielfalt der hinduistischen und buddhistischen Traditionen des Tantrismus und seiner historischen Wandlungen berücksichtigt, ist eher rar, vor allem dann, wenn es um die Rolle der Sexualität im Tantrismus (tantric sex) geht. Überhaupt stellt sich die Frage, inwieweit diese Sexualität buchstäblich oder symbolisch zu verstehen ist.[1] Im frühen hinduistischen Tantra diente der Geschlechtsverkehr oft nur dazu, eine gemeinsame Sexualflüssigkeit als Opfergabe für die tantrischen Gottheiten herzustellen. Andererseits existierten auch tantrische Sexualpraktiken, die den Austausch von Sexualflüssigkeiten zwischen den Geschlechtspartnern zum Ziel hatten. Hier wurde sogar der Mann physisch mit den Sexualsekreten der Frau, insbesondere Menstrualblut, besamt oder getränkt. Sie entsprangen nach tantrischer Vorstellung in der Gebärmutter und enthielten die göttliche Kraft, da die Frau im Sexualakt die weibliche Gottheit oder Weisheit verkörperte. Offenbar rückte später das Moment der Verzückung, der Erleuchtung anstelle des sexuellen Rituals in den Mittelpunkt des Interesses. Im buddhistischen Tantra ging es vor allem um die Zurückhaltung des Samens und die Umkehr der Sexualenergie im Körper des männlichen Adepten.

Wie eine Skulptur aus dem 10. Jahrhundert darstellt, konnte der Mann durch den Kanal der Geschlechtsorgane der Frau Zugang zur kosmischen Kraftquelle erlangen. Ein Mann legt seinen Mund an die Vulva einer über ihm sitzenden Frau, einer weiblichen Gottheit, um aus ihr zu trinken. (Abb. 39)

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Abb. 9: Sexualität und Spiritualität: Skulptur in einem indischen Tempel (10. Jh.)

Schon die Größenunterschiede zwischen dem kleineren, untergebenen Mann und der größeren, aufragenden Frau verweisen auf die religiöse Bedeutung der Szene. Es handelt sich um eine Skulptur aus dem Kandariya-Mahadeva-Tempel, der zum Tempelbezirk von Khajuraho gehört, einer Stadt im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Der heutige Betrachter mag bei dieser Darstellung an die orale Sexualpraktik des Cunnilingus erinnert werden. Vielleicht geht es aber hier weniger um einen Sexualakt als vielmehr um das Trinken einer lebensspendenden Flüssigkeit (Urin?), analog zur Figur der Alma mater oder der Maria lactans in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ikonografie. Auf einem Halbrelief aus dem Tempel von Madurai wird diese Konstellation noch deutlicher: Ein Heilsuchender trinkt aus der Lebensquelle, der Vulva einer mächtigen Frau mit gespreizten Oberschenkeln.[2] Er hat dieser gegenüber die Größe eines Kleinkinds, das sich nach dem nackten Schoß der mächtigen Mutter streckt. Offenbar rückte später anstelle des sexuellen Rituals das spirituelle Moment der Verzückung, der Erleuchtung in den Mittelpunkt des Interesses.

Der französische Indologe Jean Varenne war wohl einer der wenigen westlichen Forscher, die die kulturhistorischen Hintergründe des Tantrismus und seiner einzelnen Richtungen intensiv erforscht und deren sexuelle Rituale sachgerecht dargestellt haben. [3]  Eine zentrale Rolle spielten, wie bereits mehrfach angedeutet, Sperma und Menstrualblut. Bei der speziellen Technik der „vajrolî“ sollte nicht nur der Samen kurz vor der Ejakulation noch im Penis wieder aufgesaugt werden, sondern auch äußere Flüssigkeit von der Frau. Die Fähigkeit zu dieser Yoga-Haltung (geste de yoga oder „yoga- mudrâ“) setzte lange Übung voraus. Der Adept hatte zuerst mit Wasser zu trainieren, bevor er seine Kunst in einem tantrischen Ritual mit einer jungen, attraktiven und ihm ganz ergebenen Partnerin ausüben konnte. Je stärker das sexuelle Verlangen war, um so größer musste die Kontrolle sein, um das Ziel des Rituals zu erreichen. Er sollte seine Emotionen zügeln und in der Partnerin verweilen, um dann mithilfe der vajrolî-mudrâ die ausgestoßene Sexualflüssigkeit aufzusaugen und so seinen Lebensstoff (substance vitale) wiederzugewinnen. Während dieser Akt im yoga nur den Mann betraf, strebte der Tantrismus eine Vereinigung der Gegensätze an, sodass der Adept nicht nur die eigene Substanz (rétas), sondern auch die der Frau (rajas) in sich aufnahm. Diese Vereinigung von weißem Sperma und rotem Blut spiegelte die alchemistische Vereinigung von Silber und Gold und die kosmische von Sonne und Mond wider. In einem tantrischen Text des hatha-yoga, der Shiva-Samhitâ, heißt es hierzu:

« Car le sperme est la lune

et l’humeur rouge est le Soleil ;

c’est l’union de ces deux

qu’aspire à la intérieur de soi

le yogin véritable!“    

Spiegelbildlich gab es auch eine entsprechende Anweisung für die weibliche Partnerin, „une yoginî parfaite“, den männlichen Samen, den ihr Partner in sie ejakuliert hatte, vermischt mit ihrem eigenen Menstrualblut in sich aufzunehmen. In analogen Riten wurden mit Fingern in der Vagina Sperma und Menstrualblut vermischt und dann ins Gesicht geschmiert oder die Melange auch getrunken, als ein Trank der Unsterblichkeit, als Saft des Götterpaares Shiva und Shakti. Ähnliche Praktiken wurden vermutlich auch von alexandrinischen Gnostikern im vierten Jahrhundert ausgeübt, bei deren Abendmahl Sperma anstelle des Brots und Menstrualblut anstelle des Weins angeboten wurde und die eine Mischung von beidem auf Gesicht und Körper auftrugen. Die mythische Verquickung von Religion und Sexualität war in dieser Form kaum überbietbar.

Der bengalische Kurator indischer Kunst Ajit Mookerjee war Direktor des Crafts Museum in New Delhi. Seine exzellente Privatsammlung wurde ab den 1970er Jahren an prominenten Orten in Europa ausgestellt, unter anderem auch in Stuttgart.[4] Mookerjee war einer der wenigen Kenner des Tantra, die mit dessen Quellen vertraut waren und ihre Bedeutung dem westlichen Betrachter nahe bringen konnten, wie etwa im Bildband „Tantra Asana“.[5] Asana bedeutet die Körperhaltung im Yoga. Durch Tantra könne uns Sexualität von Sexualität befreien (sex liberates us from sex). Die geschlechtliche Vereinigung führe auch zu einer geistigen, einer „fusion of minds“. Tantra Asana sei für einen Mann mit jeder Frau möglich, „for all human relationships, according to Tantra, are mere thought constructions.“ Auch Mookerjee hob die zentrale Bedeutung der Zurückhaltung der Sexualenergie hervor, die wahllose Entladung von Lebensflüssigkeiten (vital fluids) sei bei beiden Geschlechtern eine Verschwendung psychischer Kraft (psychic force). Die von den Hoden produzierten Sekrete könnten durch die Zurückhaltung im Körper zirkulieren und enorm zur „magnetischen und geistigen Entwicklung“ des Menschen beitragen. Auch dieser Autor griff auf die Metaphorik von Magnetismus und Elektrizität zurück, um den „Austausch kosmischer Kraft“ während des Sexualakts plausibel zu machen: „The male genitals are electrical on the exterior and magnetic within, while those of the female are magnetic on the exterior and electrical within.“ Nach der sexuellen Vereinigung sei eine Ausstrahlung des Körpers zu beobachten (an egg-shaped nebula). Die tantrische Vereinigung stehe eben im Einklang mit dem Kosmos.

Der US-amerikanische Religionswissenschaftler Hugh B. Urban hat auf die fälschliche „fundamental equation of Western sexual magic with Asian Tantra“ hingewiesen.[6] Denn die frühen Formen des Tantra, die seit dem fünften Jahrhundert in den hinduistischen und buddhistischen Traditionen Indiens, Chinas, Tibets und Japans auftauchten, hätten kaum etwas zu tun mit den Formen der Sexualmagie, die sich seit dem 19. Jahrhundert in Europa und Amerika entfalteten. Denn es ging im asiatischen Tantra nicht um „sex in the first place“. Die sexuelle Vereinigung spielte eine untergeordnete Rolle und wurde, wenn überhaupt erwähnt, als symbolischer Ausdruck verstanden bzw. sie war, wenn praktisch ausgeführt, nur eine von vielen Wegen, um die göttliche Kraft (Shakti) zu wecken. Der sogenannte Tantrismus sei, wie Urban feststellt, ein relativ rezenter Begriff, den westliche Orientalisten des 19. Jahrhunderts geprägt hätten. Wie Michel Foucault festgestellt habe, sei das ausgehende 19. Jahrhundert und insbesondere das Viktorianische Zeitalter in England nicht nur durch eine Unterdrückung der Sexualität gekennzeichnet gewesen. Zugleich habe sich ein aufreizender Diskurs über die Sexualität und ihre abweichenden Formen ergeben, der das Interesse an Tantra und anderen exotischen Sexualpraktiken des „mystischen Orients“ geweckt habe. In dieser Situation habe der von Theodor Reuss gegründete Ordo Templi Orientis (O.T.O.) als eine der ersten Gruppen in Europa die indische Tradition des Tantra und Yoga mit westlicher Sexualmagie, wie sie Randolph und dann Aleister Crowey lehrten, vermischt.

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[1] David Gordon White (Hg.): Tantra in Practice. Princeton; Oxford: Princeton University Press, 2000; „Introduction“ of the editor: pp. 3-38, hier S. 16 f.

[2] Jean Varenne: Le Tantrisme. La sexualité transcendée. Paris: Celt, 1977: S. 131.

[3] A. a. O., S. 134-137.

[4] http://www.zeit.de/1973/09/einuebung-ins-ewige-entzuecken (10.05.2012).

[5] Ajit Mookerjee: Tantra Asana. A way to self-realization. Basel; Paris; New Delhi: Kumar 1971: S. 35-37, 61 f., 65.

[6] Hugh B. Urban: Magia Sexualis. Sex, Magic, and Liberation in Modern Western Exotericism. Berkeley; Los Angeles; London: University of California Press, 2006: S. 402, 127, 404-406.