1. Kap./3* „Todsünde“ wider die Natur

Die Gefährlichkeit der Onanie (wie des übermäßigen Geschlechtsverkehrs) ergab sich aus der Vorstellung, dass mit dem Verlust des Samens zugleich Lebenskraft verloren gehe. Diese Lehre konnte sich in der abendländischen Tradition auf Aristoteles berufen, der tatsächlich in „De generatione animalium“ festgestellt hatte, dass im allgemeinen bei den meisten Männern der Geschlechtsverkehr zu Erschöpfung und Schwäche führe.1 Wir werden nun sehen, wie Christoph Wilhelm Hufeland in den 1790er Jahren die oben skizzierte Lehre von der verderblichen Onanie unverändert aufgriff und höchst wirkungsvoll in seine „Makrobiotik“ einbaute. Hufeland war seinerzeit noch Hofmedikus in Weimar. Zu seinen Patienten gehörten die dort ansässigen Geistesgrößen wie Goethe und Schiller. Nach seiner Berufung 1801 nach Berlin stieg er zu einer führenden Figur der deutschen Universitätsmedizin auf. Seine Lehre repräsentierte die medizinische Wissenschaft seiner Zeit. Deshalb sind seine Ausführungen zur Onanie besonders aufschlussreich und sollen im Einzelnen vorgestellt werden. Der Titel von Hufelands populärer Programmschrift lautete „Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“. Sie erschien erstmals 1796 bzw. 1797 und wurde in zahlreichen späteren Auflagen unter dem Obertitel „Makrobiotik“ in weiten Teilen der Bevölkerung auch als „Volksausgabe“ bekannt. Es lohnt sich, das dem Abschnitt „Verkürzungsmittel des Lebens“ zugeordnete Kapitel „Ausschweifungen der Liebe. – Verschwendung der Zeugungskraft. – Onanie, sowohl physische als moralische“ etwas genauer in Augenschein zu nehmen.2 Es stand bereits in der ersten Auflage von 1797 an zweiter Stelle von insgesamt 12 Kapiteln, was die Wichtigkeit seiner Thematik von Anfang an unterstrich. Auf wenigen Seiten malte Hufeland ein unüberbietbares Schreckensgemälde an die Wand. Die Ausschweifung sei das zerstörendste „von allen Lebensverkürzungsmitteln“: „Was kann aber wohl mehr die Summe der Lebenskraft vermindern, als die Verschwendung desjenigen Saftes, der dieselbe in der concentrirtesten Gestalt erhält, der den ersten Lebensfunken für ein neues Geschöpf, und den größten Balsam für unser eigenes Blut in sich faßt?“ Seelenorgane (Gehirn) und Zeugungsorgane seien eng miteinander verbunden und verbrauchten „beide den veredeltsten und sublimirtesten Theil der Lebenskraft“. Je mehr wir die Denkkraft anstrengen würden, desto weniger lebe unsere Zeugungskraft und „je mehr wir die Zeugungskräfte reizen und ihre Säfte verschwenden, desto mehr verliert die Seele an Denkkraft, Energie, Scharfsinn, Gedächtniß.“ Hufeland empfahl nun ein allgemeines therapeutisches Konzept gegen die triebhafte Säfteverschwendung, nämlich die Ehe, „die den Reiz des Wechsels ausschließt und den physischen Trieb höhern moralischen Zwecken unterwirft“. Somit könne „dieser Trieb auch physisch geheilt, d. h. unschädlich und heilsam gemacht werden.“ War nun die sexuelle Ausschweifung per se schon schlimm genug, so erschien die Onanie als der Gipfel der Schädigung, als Todsünde wider die Natur. Denn es gelte der Grundsatz, „daß die Natur nichts fürchterlicher rächt, als das, wo man sich an ihr selbst versündigt. – Wenn es Todsünden giebt, so sind es zuverlässig die Sünden gegen die Natur.“ Onanie schade bei beiden Geschlechtern „unendlich mehr […] als der naturgemäße Beischlaf.“ Hufeland malte ein entsprechendes Schreckensbild des „Sünders“ aus, der wegen seines Lasters von so gut wie allen Krankheiten, die seinerzeit diagnostiziert wurden, heimgesucht werden konnte. Es soll hier ausführlich wiedergegeben werden, da es jene medizinische Doktrin prägnant zusammenfasste, die erst im ausgehenden 20. Jahrhundert ihre Gültigkeit verlor.

„Schrecklich ist das Gepräge, was die Natur einem solchen Sünder aufdrückt! Er ist eine verwelkte Rose, ein in der Blüthe verdorrter Baum, eine wandelnde Leiche. Alles Feuer und Leben wird durch dieses stumme Laster getödtet, und es bleibt nichts als Kraftlosigkeit, Unthäthigkeit, Todtenblässe, Verwelken des Körpers und Niedergeschlagenheit der Seele zurück. Das Auge verliert seinen Glanz und seine Stärke, der Augapfel fällt ein, die Gesichtszüge fallen in das Länglichte, das schöne jugendliche Ansehen verschwindet, eine blassgelbe bleyartige Farbe bedeckt das Gesicht. Der ganze Körper wird krankhaft, empfindlich, die Muskelkräfte verlieren sich, der Schlaf bringt keine Erholung, jede Bewegung wird sauer […]. Knaben, die Genie und Witz hatten, werden mittelmässige oder gar Dummköpfe; die Seele verliert den Geschmack an allen guten und erhabnen Gedanken; die Einbildungskraft ist gänzlich verdorben. Jeder Anblick eines weiblichen Gegenstands erregt in ihnen Begierden, Angst, Reue, Beschämung und Verzweiflung an der Heilung des Uebels macht den peinlichen Zustand vollkommen.“

Der Onanist sei auch von „Anwandlungen zum Selbstmord“ wegen peinigender Gefühle und geheimer Vorwürfe bedroht: „Das schreckliche Gefühl des lebendigen Todes macht endlich den völligen Tod wünschenswerth.“ Aber auch andere schreckliche Leiden der Körperorgane und des Organismus insgesamt könnten entstehen: „Überdies ist die Verdauungskraft dahin, Winde und Magenkrämpfe plagen unaufhörlich, das Blut wird verdorben, die Brust verschleimt, es entstehen Ausschläge und Geschwüre in der Haut, Verdrocknung und Abzehrung des ganzen körpers, Epilepsie, Lungensucht, schleichendes Fieber, Ohnmachten und früher Tod.“ Das Übel werde noch komplettiert durch die Folgen der „moralischen Onanie“, der „Anfüllung und Erhitzung der Phantasie mit lauter schlüpfrigen und wollüstigen Bildern“. Dies könne zur „Gemüthskrankheit“ führen, zu einem schwächenden Reizfieber, einer „Reizung ohne Befriedigung“. Hufeland sah besonders drei Gruppen von der „moralischen Onanie“ betroffen: „Wollüstlinge“, Menschen „im religiösen Cölibat“, die ihre „Geistesonanie“ hinter heiligen Entzückungen verstecken könnten, sowie ledige Frauen, die durch die Lektüre von Romanen „oft im innern gewaltig ausschweifen“.

Auf der anderen Seite sang Hufeland ein Loblied auf die „Enthaltsamkeit von dem Genuss der physischen Liebe in der Jugend und ausser der Ehe“, wie das vierte Kapitel von insgesamt 17 im Abschnitt „Verlängerungsmittel des Lebens“ überschrieben ist.3 Zwei Gründe waren für ihn ausschlaggebend: zum einen die Vergeudung von Lebenskraft durch übermäßigen Samenverlust und zum anderen die Gefahren einer Ansteckung durch das „venerische Gift“. Beides konnte durch die Enthaltsamkeit vermieden werden. Als Lohn winkte dann ein „glücklicher Ehestand“, der Hufeland im darauffolgenden Kapitel mit rosigen Farben häuslichen Glücks ausmalte. Ein neuer Gesichtspunkt kam nun hinzu: Der Mensch sei gegen den physischen Schaden, „den die Nichtbefriedigung des Geschlechtstriebs erregen könnte, gesichert, es existirt keine unwiderstehliche blos thierische Nothwendigkeit desselben“. Es gebe „natürliche Ableitungen“ – „Pollutiones nocturnae beym männlichen und Menstrua beym weiblichen Geschlechte“. Daraus schloss Hufeland, dass die Enthaltsamkeit keinen Schaden anrichte, im Gegenteil: Die Säfte seien „nicht bloß zur Ausleerung sondern am meisten zur Wiedereinsaugung ins Blut und zu unserer eigenen Stärkung bestimmt“. Gerade diese Idee der Wiedereinsaugung bzw. Zurückhaltung des Samens spielte in asiatischen Sexualpraktiken und ihren westlichen Adaptionen, wie etwa Karezza, die freilich ein gänzlich anderes Verständnis von „Enthaltsamkeit“ als Hufeland hatten, eine wichtige Rolle (siehe Kapitel 6).

Eine solche Brandmarkung der Onanie als naturwidrige und zu Krankheit und Tod führende Handlung durch ärztliche Autoritäten war zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert gang und gäbe. Sie bezeugt, wie religiöse Vorstellungen, vor allem die von Sünde, Schuld und Strafe (vor allem der „Natur“) ungebrochen in den medizinischen Diskurs einflossen und diesen befeuerten. Die Sünde bestand nun weniger darin, dass Gottes Gebot verletzt wurde – entsprechend der Geschichte des Onan im Alten Testament, die allerdings den Coitus interruptus und nicht die „Onanie“ problematisiert –, als vielmehr in der Missachtung der physiologischen, naturgegebenen Ordnung des menschlichen Organismus: die Vergeudung der Lebenskraft, die Schwächung des Körpers und im Falle der „moralischen Onanie“ die Überreizung der Seele. Letztlich galt die Onanie als potenzieller Selbstmord – und der war für Ärzte wie Seelsorger gleichermaßen mit allen Mitteln zu bekämpfen. Inwieweit ihr pädagogisches Wirken selbst dazu beitrug, dass solche Selbstmordgedanken bei Jugendlichen überhaupt erst entstehen konnten, lag außerhalb der zeitgenössischen Denkgewohnheit.

Der Kampf gegen die Onanie wurde mit allen möglichen Mitteln geführt. Zu den drastischen gehörten bestimmte Bandagiertechniken, wie sie der norddeutsche Arzt und Initiator des Seebades Heiligendamm Samuel Gottlieb Vogel empfahl. In seiner Aufklärungsschrift über das „unglaubliche gemeine Laster der zerstörenden Selbstbefleckung“ empfahl er u. a. das Hochbinden der Unterarme auf den Rücken zur Verhütung der Onanie.4 Auch Apparate zur Verhütung der Onanie in Form altbekannter Keuschheitsgürtel wurden bei beiden Geschlechtern eingesetzt. Der Pädagoge und Philanthrop Johann Heinrich Campe berichtete zur selben Zeit von einem Erzieher, dem als Jugendlicher Tissots Buch in die Hände gefallen sei und der sich von seinem vermeintlichen Leiden durch einen gekrümmten Draht befreit habe, den er sich an seinen zwei ringförmig gebogenen Enden durch die Vorhaut zog, sodass die Krümmung auf der Eichel lag. Um die Löcher in der Vorhaut anzubringen, legte er sie „etwas vorgezogen auf den Tisch, setzte den Nagel darauf und – man bewundere den tugendhaften Heldenmuth des Knaben! – nagelte sich, indem er einen derben Schlag mit einem Buche [Tissots Buch!] darauf versetzte fest.“5 Campe beschrieb den vielfachen Nutzen einer solchen Drahtvorrichtung, die er, wie er beteuerte, auch am eigenen Sohn einsetzen würde und die zu seinem Bedauern nur bei Jungen Anwendung finden könne: „Erstens macht er [der Draht] die Selbstschändung schlechterdings unmöglich; zweitens verhindert er auch die bloße Erection durch den Schmerz, der in dem nemlichen Augenblicke, da dieselbe sich ereignen will, alle wollüstigen Empfindungen sogleich unterdrückt; und hierdurch wird er drittens ein vollkommen sicheres Verwahrungsmittel auch gegen alle unwillkürlichen Schwächungen [Pollutionen] im Schlafe.“ Im Kampf gegen die Onanie sollten sich der Knabe oder Mann als Helden profilieren, die ihren Geschlechtstrieb mit aller Härte kontrollieren konnten – als Erziehungsprodukt im Sinne einer Modellierung des „männlich-bürgerlichen Körpers“, wie es aus heutiger Sicht erscheint. Es sei hier angemerkt, dass Keuschheitsgürtel noch Mitte des 19. Jahrhunderts propagiert und hergestellt wurden. So veröffentlichte der schottische Chirurg John Moodie 1848 eine einschlägige Schrift, die Baupläne entsprechender Apparate für beide Geschlechter zur Bekämpfung dieses „tödlichen Lasters“ enthielt.6

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1 Aristoteles: De generatione animalium: Buch I, 18 (724a).

2 Christoph Wilhelm Hufeland: Makrobiotik oder Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern. Volksausgabe von Alfred Maury. Berlin: Cronbach, 1869: S. 49-53.

3 Christoph Wilhelm Hufeland: Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern. Jena: Akad. Buchhandlung, 1797: S. 513-544.

4 Samuel Gottlieb Vogel: Unterricht für Eltern, Erzieher und Kinderaufseher] […] wie das unglaubliche gemeine Laster der zerstörenden Selbstbefleckung am sichersten zu entdecken, zu verhüten und zu heilen sei. Stendal: Franz & Grosse, 1786,

5 Zit. n. Sabine Todt: „… das Gemüth wird verschlossen, verdrossen, unlustig zu Spiel und nützlicher Beschäftigung“. Die Bedeutung des Anti-Onanie-Diskurses für die Volksaufklärung im 18. und frühen 19. Jahrhundert. In: Volksaufklärung. Eine praktische Reformbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts. Hg. von Holger Böning, Hanno Schmitt und Reinhart Siegert. Bremen: Ed. Lumière, 2007 (Presse und Geschichte – neue Beiträge; Bd. 27): S. 237-260; hier S. 252, 253, 255, 258.

6 John Moody: A medical Treatise; with principles and observations, to preserve chastity and morality; with 4 plates of an apparatus for the same purpose. Edinburgh: Sold by the Booksellers, 1848: pp. 7, 10, 13, 69 [Fig. 1-4].

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6. Kap./3* Tantrismus − asiatische Sexualriten

„Tantra“ und „Tantrismus“ sind schillernde Begriffe, die im Westen zu erstaunlichen Missverständnissen, Engführungen und Legendenbildungen geführt haben (siehe unten). Die wissenschaftlich seriöse Literatur, die die komplexe Vielfalt der hinduistischen und buddhistischen Traditionen des Tantrismus und seiner historischen Wandlungen berücksichtigt, ist eher rar, vor allem dann, wenn es um die Rolle der Sexualität im Tantrismus (tantric sex) geht. Überhaupt stellt sich die Frage, inwieweit diese Sexualität buchstäblich oder symbolisch zu verstehen ist.[1] Im frühen hinduistischen Tantra diente der Geschlechtsverkehr oft nur dazu, eine gemeinsame Sexualflüssigkeit als Opfergabe für die tantrischen Gottheiten herzustellen. Andererseits existierten auch tantrische Sexualpraktiken, die den Austausch von Sexualflüssigkeiten zwischen den Geschlechtspartnern zum Ziel hatten. Hier wurde sogar der Mann physisch mit den Sexualsekreten der Frau, insbesondere Menstrualblut, besamt oder getränkt. Sie entsprangen nach tantrischer Vorstellung in der Gebärmutter und enthielten die göttliche Kraft, da die Frau im Sexualakt die weibliche Gottheit oder Weisheit verkörperte. Offenbar rückte später das Moment der Verzückung, der Erleuchtung anstelle des sexuellen Rituals in den Mittelpunkt des Interesses. Im buddhistischen Tantra ging es vor allem um die Zurückhaltung des Samens und die Umkehr der Sexualenergie im Körper des männlichen Adepten.

Wie eine Skulptur aus dem 10. Jahrhundert darstellt, konnte der Mann durch den Kanal der Geschlechtsorgane der Frau Zugang zur kosmischen Kraftquelle erlangen. Ein Mann legt seinen Mund an die Vulva einer über ihm sitzenden Frau, einer weiblichen Gottheit, um aus ihr zu trinken. (Abb. 39)

img9.jpg

Abb. 9: Sexualität und Spiritualität: Skulptur in einem indischen Tempel (10. Jh.)

Schon die Größenunterschiede zwischen dem kleineren, untergebenen Mann und der größeren, aufragenden Frau verweisen auf die religiöse Bedeutung der Szene. Es handelt sich um eine Skulptur aus dem Kandariya-Mahadeva-Tempel, der zum Tempelbezirk von Khajuraho gehört, einer Stadt im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Der heutige Betrachter mag bei dieser Darstellung an die orale Sexualpraktik des Cunnilingus erinnert werden. Vielleicht geht es aber hier weniger um einen Sexualakt als vielmehr um das Trinken einer lebensspendenden Flüssigkeit (Urin?), analog zur Figur der Alma mater oder der Maria lactans in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ikonografie. Auf einem Halbrelief aus dem Tempel von Madurai wird diese Konstellation noch deutlicher: Ein Heilsuchender trinkt aus der Lebensquelle, der Vulva einer mächtigen Frau mit gespreizten Oberschenkeln.[2] Er hat dieser gegenüber die Größe eines Kleinkinds, das sich nach dem nackten Schoß der mächtigen Mutter streckt. Offenbar rückte später anstelle des sexuellen Rituals das spirituelle Moment der Verzückung, der Erleuchtung in den Mittelpunkt des Interesses.

Der französische Indologe Jean Varenne war wohl einer der wenigen westlichen Forscher, die die kulturhistorischen Hintergründe des Tantrismus und seiner einzelnen Richtungen intensiv erforscht und deren sexuelle Rituale sachgerecht dargestellt haben. [3]  Eine zentrale Rolle spielten, wie bereits mehrfach angedeutet, Sperma und Menstrualblut. Bei der speziellen Technik der „vajrolî“ sollte nicht nur der Samen kurz vor der Ejakulation noch im Penis wieder aufgesaugt werden, sondern auch äußere Flüssigkeit von der Frau. Die Fähigkeit zu dieser Yoga-Haltung (geste de yoga oder „yoga- mudrâ“) setzte lange Übung voraus. Der Adept hatte zuerst mit Wasser zu trainieren, bevor er seine Kunst in einem tantrischen Ritual mit einer jungen, attraktiven und ihm ganz ergebenen Partnerin ausüben konnte. Je stärker das sexuelle Verlangen war, um so größer musste die Kontrolle sein, um das Ziel des Rituals zu erreichen. Er sollte seine Emotionen zügeln und in der Partnerin verweilen, um dann mithilfe der vajrolî-mudrâ die ausgestoßene Sexualflüssigkeit aufzusaugen und so seinen Lebensstoff (substance vitale) wiederzugewinnen. Während dieser Akt im yoga nur den Mann betraf, strebte der Tantrismus eine Vereinigung der Gegensätze an, sodass der Adept nicht nur die eigene Substanz (rétas), sondern auch die der Frau (rajas) in sich aufnahm. Diese Vereinigung von weißem Sperma und rotem Blut spiegelte die alchemistische Vereinigung von Silber und Gold und die kosmische von Sonne und Mond wider. In einem tantrischen Text des hatha-yoga, der Shiva-Samhitâ, heißt es hierzu:

« Car le sperme est la lune

et l’humeur rouge est le Soleil ;

c’est l’union de ces deux

qu’aspire à la intérieur de soi

le yogin véritable!“    

Spiegelbildlich gab es auch eine entsprechende Anweisung für die weibliche Partnerin, „une yoginî parfaite“, den männlichen Samen, den ihr Partner in sie ejakuliert hatte, vermischt mit ihrem eigenen Menstrualblut in sich aufzunehmen. In analogen Riten wurden mit Fingern in der Vagina Sperma und Menstrualblut vermischt und dann ins Gesicht geschmiert oder die Melange auch getrunken, als ein Trank der Unsterblichkeit, als Saft des Götterpaares Shiva und Shakti. Ähnliche Praktiken wurden vermutlich auch von alexandrinischen Gnostikern im vierten Jahrhundert ausgeübt, bei deren Abendmahl Sperma anstelle des Brots und Menstrualblut anstelle des Weins angeboten wurde und die eine Mischung von beidem auf Gesicht und Körper auftrugen. Die mythische Verquickung von Religion und Sexualität war in dieser Form kaum überbietbar.

Der bengalische Kurator indischer Kunst Ajit Mookerjee war Direktor des Crafts Museum in New Delhi. Seine exzellente Privatsammlung wurde ab den 1970er Jahren an prominenten Orten in Europa ausgestellt, unter anderem auch in Stuttgart.[4] Mookerjee war einer der wenigen Kenner des Tantra, die mit dessen Quellen vertraut waren und ihre Bedeutung dem westlichen Betrachter nahe bringen konnten, wie etwa im Bildband „Tantra Asana“.[5] Asana bedeutet die Körperhaltung im Yoga. Durch Tantra könne uns Sexualität von Sexualität befreien (sex liberates us from sex). Die geschlechtliche Vereinigung führe auch zu einer geistigen, einer „fusion of minds“. Tantra Asana sei für einen Mann mit jeder Frau möglich, „for all human relationships, according to Tantra, are mere thought constructions.“ Auch Mookerjee hob die zentrale Bedeutung der Zurückhaltung der Sexualenergie hervor, die wahllose Entladung von Lebensflüssigkeiten (vital fluids) sei bei beiden Geschlechtern eine Verschwendung psychischer Kraft (psychic force). Die von den Hoden produzierten Sekrete könnten durch die Zurückhaltung im Körper zirkulieren und enorm zur „magnetischen und geistigen Entwicklung“ des Menschen beitragen. Auch dieser Autor griff auf die Metaphorik von Magnetismus und Elektrizität zurück, um den „Austausch kosmischer Kraft“ während des Sexualakts plausibel zu machen: „The male genitals are electrical on the exterior and magnetic within, while those of the female are magnetic on the exterior and electrical within.“ Nach der sexuellen Vereinigung sei eine Ausstrahlung des Körpers zu beobachten (an egg-shaped nebula). Die tantrische Vereinigung stehe eben im Einklang mit dem Kosmos.

Der US-amerikanische Religionswissenschaftler Hugh B. Urban hat auf die fälschliche „fundamental equation of Western sexual magic with Asian Tantra“ hingewiesen.[6] Denn die frühen Formen des Tantra, die seit dem fünften Jahrhundert in den hinduistischen und buddhistischen Traditionen Indiens, Chinas, Tibets und Japans auftauchten, hätten kaum etwas zu tun mit den Formen der Sexualmagie, die sich seit dem 19. Jahrhundert in Europa und Amerika entfalteten. Denn es ging im asiatischen Tantra nicht um „sex in the first place“. Die sexuelle Vereinigung spielte eine untergeordnete Rolle und wurde, wenn überhaupt erwähnt, als symbolischer Ausdruck verstanden bzw. sie war, wenn praktisch ausgeführt, nur eine von vielen Wegen, um die göttliche Kraft (Shakti) zu wecken. Der sogenannte Tantrismus sei, wie Urban feststellt, ein relativ rezenter Begriff, den westliche Orientalisten des 19. Jahrhunderts geprägt hätten. Wie Michel Foucault festgestellt habe, sei das ausgehende 19. Jahrhundert und insbesondere das Viktorianische Zeitalter in England nicht nur durch eine Unterdrückung der Sexualität gekennzeichnet gewesen. Zugleich habe sich ein aufreizender Diskurs über die Sexualität und ihre abweichenden Formen ergeben, der das Interesse an Tantra und anderen exotischen Sexualpraktiken des „mystischen Orients“ geweckt habe. In dieser Situation habe der von Theodor Reuss gegründete Ordo Templi Orientis (O.T.O.) als eine der ersten Gruppen in Europa die indische Tradition des Tantra und Yoga mit westlicher Sexualmagie, wie sie Randolph und dann Aleister Crowey lehrten, vermischt.

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[1] David Gordon White (Hg.): Tantra in Practice. Princeton; Oxford: Princeton University Press, 2000; „Introduction“ of the editor: pp. 3-38, hier S. 16 f.

[2] Jean Varenne: Le Tantrisme. La sexualité transcendée. Paris: Celt, 1977: S. 131.

[3] A. a. O., S. 134-137.

[4] http://www.zeit.de/1973/09/einuebung-ins-ewige-entzuecken (10.05.2012).

[5] Ajit Mookerjee: Tantra Asana. A way to self-realization. Basel; Paris; New Delhi: Kumar 1971: S. 35-37, 61 f., 65.

[6] Hugh B. Urban: Magia Sexualis. Sex, Magic, and Liberation in Modern Western Exotericism. Berkeley; Los Angeles; London: University of California Press, 2006: S. 402, 127, 404-406.