6. Kap./3* Tantrismus − asiatische Sexualriten

„Tantra“ und „Tantrismus“ sind schillernde Begriffe, die im Westen zu erstaunlichen Missverständnissen, Engführungen und Legendenbildungen geführt haben (siehe unten). Die wissenschaftlich seriöse Literatur, die die komplexe Vielfalt der hinduistischen und buddhistischen Traditionen des Tantrismus und seiner historischen Wandlungen berücksichtigt, ist eher rar, vor allem dann, wenn es um die Rolle der Sexualität im Tantrismus (tantric sex) geht. Überhaupt stellt sich die Frage, inwieweit diese Sexualität buchstäblich oder symbolisch zu verstehen ist.[1] Im frühen hinduistischen Tantra diente der Geschlechtsverkehr oft nur dazu, eine gemeinsame Sexualflüssigkeit als Opfergabe für die tantrischen Gottheiten herzustellen. Andererseits existierten auch tantrische Sexualpraktiken, die den Austausch von Sexualflüssigkeiten zwischen den Geschlechtspartnern zum Ziel hatten. Hier wurde sogar der Mann physisch mit den Sexualsekreten der Frau, insbesondere Menstrualblut, besamt oder getränkt. Sie entsprangen nach tantrischer Vorstellung in der Gebärmutter und enthielten die göttliche Kraft, da die Frau im Sexualakt die weibliche Gottheit oder Weisheit verkörperte. Offenbar rückte später das Moment der Verzückung, der Erleuchtung anstelle des sexuellen Rituals in den Mittelpunkt des Interesses. Im buddhistischen Tantra ging es vor allem um die Zurückhaltung des Samens und die Umkehr der Sexualenergie im Körper des männlichen Adepten.

Wie eine Skulptur aus dem 10. Jahrhundert darstellt, konnte der Mann durch den Kanal der Geschlechtsorgane der Frau Zugang zur kosmischen Kraftquelle erlangen. Ein Mann legt seinen Mund an die Vulva einer über ihm sitzenden Frau, einer weiblichen Gottheit, um aus ihr zu trinken. (Abb. 39)

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Abb. 9: Sexualität und Spiritualität: Skulptur in einem indischen Tempel (10. Jh.)

Schon die Größenunterschiede zwischen dem kleineren, untergebenen Mann und der größeren, aufragenden Frau verweisen auf die religiöse Bedeutung der Szene. Es handelt sich um eine Skulptur aus dem Kandariya-Mahadeva-Tempel, der zum Tempelbezirk von Khajuraho gehört, einer Stadt im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Der heutige Betrachter mag bei dieser Darstellung an die orale Sexualpraktik des Cunnilingus erinnert werden. Vielleicht geht es aber hier weniger um einen Sexualakt als vielmehr um das Trinken einer lebensspendenden Flüssigkeit (Urin?), analog zur Figur der Alma mater oder der Maria lactans in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ikonografie. Auf einem Halbrelief aus dem Tempel von Madurai wird diese Konstellation noch deutlicher: Ein Heilsuchender trinkt aus der Lebensquelle, der Vulva einer mächtigen Frau mit gespreizten Oberschenkeln.[2] Er hat dieser gegenüber die Größe eines Kleinkinds, das sich nach dem nackten Schoß der mächtigen Mutter streckt. Offenbar rückte später anstelle des sexuellen Rituals das spirituelle Moment der Verzückung, der Erleuchtung in den Mittelpunkt des Interesses.

Der französische Indologe Jean Varenne war wohl einer der wenigen westlichen Forscher, die die kulturhistorischen Hintergründe des Tantrismus und seiner einzelnen Richtungen intensiv erforscht und deren sexuelle Rituale sachgerecht dargestellt haben. [3]  Eine zentrale Rolle spielten, wie bereits mehrfach angedeutet, Sperma und Menstrualblut. Bei der speziellen Technik der „vajrolî“ sollte nicht nur der Samen kurz vor der Ejakulation noch im Penis wieder aufgesaugt werden, sondern auch äußere Flüssigkeit von der Frau. Die Fähigkeit zu dieser Yoga-Haltung (geste de yoga oder „yoga- mudrâ“) setzte lange Übung voraus. Der Adept hatte zuerst mit Wasser zu trainieren, bevor er seine Kunst in einem tantrischen Ritual mit einer jungen, attraktiven und ihm ganz ergebenen Partnerin ausüben konnte. Je stärker das sexuelle Verlangen war, um so größer musste die Kontrolle sein, um das Ziel des Rituals zu erreichen. Er sollte seine Emotionen zügeln und in der Partnerin verweilen, um dann mithilfe der vajrolî-mudrâ die ausgestoßene Sexualflüssigkeit aufzusaugen und so seinen Lebensstoff (substance vitale) wiederzugewinnen. Während dieser Akt im yoga nur den Mann betraf, strebte der Tantrismus eine Vereinigung der Gegensätze an, sodass der Adept nicht nur die eigene Substanz (rétas), sondern auch die der Frau (rajas) in sich aufnahm. Diese Vereinigung von weißem Sperma und rotem Blut spiegelte die alchemistische Vereinigung von Silber und Gold und die kosmische von Sonne und Mond wider. In einem tantrischen Text des hatha-yoga, der Shiva-Samhitâ, heißt es hierzu:

« Car le sperme est la lune

et l’humeur rouge est le Soleil ;

c’est l’union de ces deux

qu’aspire à la intérieur de soi

le yogin véritable!“    

Spiegelbildlich gab es auch eine entsprechende Anweisung für die weibliche Partnerin, „une yoginî parfaite“, den männlichen Samen, den ihr Partner in sie ejakuliert hatte, vermischt mit ihrem eigenen Menstrualblut in sich aufzunehmen. In analogen Riten wurden mit Fingern in der Vagina Sperma und Menstrualblut vermischt und dann ins Gesicht geschmiert oder die Melange auch getrunken, als ein Trank der Unsterblichkeit, als Saft des Götterpaares Shiva und Shakti. Ähnliche Praktiken wurden vermutlich auch von alexandrinischen Gnostikern im vierten Jahrhundert ausgeübt, bei deren Abendmahl Sperma anstelle des Brots und Menstrualblut anstelle des Weins angeboten wurde und die eine Mischung von beidem auf Gesicht und Körper auftrugen. Die mythische Verquickung von Religion und Sexualität war in dieser Form kaum überbietbar.

Der bengalische Kurator indischer Kunst Ajit Mookerjee war Direktor des Crafts Museum in New Delhi. Seine exzellente Privatsammlung wurde ab den 1970er Jahren an prominenten Orten in Europa ausgestellt, unter anderem auch in Stuttgart.[4] Mookerjee war einer der wenigen Kenner des Tantra, die mit dessen Quellen vertraut waren und ihre Bedeutung dem westlichen Betrachter nahe bringen konnten, wie etwa im Bildband „Tantra Asana“.[5] Asana bedeutet die Körperhaltung im Yoga. Durch Tantra könne uns Sexualität von Sexualität befreien (sex liberates us from sex). Die geschlechtliche Vereinigung führe auch zu einer geistigen, einer „fusion of minds“. Tantra Asana sei für einen Mann mit jeder Frau möglich, „for all human relationships, according to Tantra, are mere thought constructions.“ Auch Mookerjee hob die zentrale Bedeutung der Zurückhaltung der Sexualenergie hervor, die wahllose Entladung von Lebensflüssigkeiten (vital fluids) sei bei beiden Geschlechtern eine Verschwendung psychischer Kraft (psychic force). Die von den Hoden produzierten Sekrete könnten durch die Zurückhaltung im Körper zirkulieren und enorm zur „magnetischen und geistigen Entwicklung“ des Menschen beitragen. Auch dieser Autor griff auf die Metaphorik von Magnetismus und Elektrizität zurück, um den „Austausch kosmischer Kraft“ während des Sexualakts plausibel zu machen: „The male genitals are electrical on the exterior and magnetic within, while those of the female are magnetic on the exterior and electrical within.“ Nach der sexuellen Vereinigung sei eine Ausstrahlung des Körpers zu beobachten (an egg-shaped nebula). Die tantrische Vereinigung stehe eben im Einklang mit dem Kosmos.

Der US-amerikanische Religionswissenschaftler Hugh B. Urban hat auf die fälschliche „fundamental equation of Western sexual magic with Asian Tantra“ hingewiesen.[6] Denn die frühen Formen des Tantra, die seit dem fünften Jahrhundert in den hinduistischen und buddhistischen Traditionen Indiens, Chinas, Tibets und Japans auftauchten, hätten kaum etwas zu tun mit den Formen der Sexualmagie, die sich seit dem 19. Jahrhundert in Europa und Amerika entfalteten. Denn es ging im asiatischen Tantra nicht um „sex in the first place“. Die sexuelle Vereinigung spielte eine untergeordnete Rolle und wurde, wenn überhaupt erwähnt, als symbolischer Ausdruck verstanden bzw. sie war, wenn praktisch ausgeführt, nur eine von vielen Wegen, um die göttliche Kraft (Shakti) zu wecken. Der sogenannte Tantrismus sei, wie Urban feststellt, ein relativ rezenter Begriff, den westliche Orientalisten des 19. Jahrhunderts geprägt hätten. Wie Michel Foucault festgestellt habe, sei das ausgehende 19. Jahrhundert und insbesondere das Viktorianische Zeitalter in England nicht nur durch eine Unterdrückung der Sexualität gekennzeichnet gewesen. Zugleich habe sich ein aufreizender Diskurs über die Sexualität und ihre abweichenden Formen ergeben, der das Interesse an Tantra und anderen exotischen Sexualpraktiken des „mystischen Orients“ geweckt habe. In dieser Situation habe der von Theodor Reuss gegründete Ordo Templi Orientis (O.T.O.) als eine der ersten Gruppen in Europa die indische Tradition des Tantra und Yoga mit westlicher Sexualmagie, wie sie Randolph und dann Aleister Crowey lehrten, vermischt.

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[1] David Gordon White (Hg.): Tantra in Practice. Princeton; Oxford: Princeton University Press, 2000; „Introduction“ of the editor: pp. 3-38, hier S. 16 f.

[2] Jean Varenne: Le Tantrisme. La sexualité transcendée. Paris: Celt, 1977: S. 131.

[3] A. a. O., S. 134-137.

[4] http://www.zeit.de/1973/09/einuebung-ins-ewige-entzuecken (10.05.2012).

[5] Ajit Mookerjee: Tantra Asana. A way to self-realization. Basel; Paris; New Delhi: Kumar 1971: S. 35-37, 61 f., 65.

[6] Hugh B. Urban: Magia Sexualis. Sex, Magic, and Liberation in Modern Western Exotericism. Berkeley; Los Angeles; London: University of California Press, 2006: S. 402, 127, 404-406.

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6. Kap./4* Tantra im Westen

Die westliche Aneignung des Tantra war also in erster Linie den Fantasien westlicher Orientalisten und den sexuellen Obsessionen (sexual obsessions) der modernen westlichen Gesellschaft geschuldet. In dieser Perspektive erscheint heute Tantra in der populären US-amerikanischen Literatur als Methode des „spiritual sex“ im Dienste der „sexual liberation“. In der New Age-Bewegung erwachte in den 1980er Jahren von Neuem das Interesse an esoterischen Sexualpraktiken. Der schillernde Begriff „Tantra“ bot sich als Projektionsfläche der verschiedenen Sehnsüchte und Bedürfnisse an. Man wollte sich in diversen Zirkeln, die sich häufig um einen bestimmten (zumeist indischen) „Guru“ scharten, vom technisch-rationalen Denken des Westens lösen und wandte sich den religiösen Lebensweisheiten des Ostens und seinen Ritualen zu, insbesondere hinduistischen und buddhistischen Traditionen. Besonders faszinierend für die westlichen Sucher waren die im Westen höchst ungewöhnlichen Sexualpraktiken, die den Geschlechtsverkehr willkürlich lenken sollten, um körperliche Lust zu verstetigen und zugleich spirituelle Erleuchtung zu erlangen. Dies widersprach dem biologistischen Verständnis des Sexualakts im Westen, der nach dem Modell triebhafter Entspannung im Orgasmus als „Höhepunkt“ zu gipfeln hatte. Doch analog zum Import der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) oder des indischen Ayurveda nahm der Westen eine typische Anverwandlung vor: Die philosophischen und religiösen Inhalte wurden ausgeblendet und die praktischen Rituale in einer Form operationalisiert, die dem eigenen Denken und Handeln entsprach. Tantra wurde für den westlichen Menschen zu einer bestimmten Sexualtechnik zurechtgestutzt, die von jedem erlernt werden konnte, der nur entsprechende Ratgeber las und praktische Kurse besuchte. Seriöse und allgemeinverständliche Darstellungen des Tantra für den westlichen Laien, die die sprachlichen Quellen des Sanskrit, den ideen- und religionsgeschichtlichen Hintergrund und die rituelle Vielfalt berücksichtigen, sind eher die Ausnahme.[1]

Ein Beispiel für die Reduktion des Tantra auf eine reine Technik der Lustmaximierung lieferte der in Ceylon geborene Ashley Thirleby, Sohn eines englischen Teeplantagen-Betreibers. Sein Buch „Tantra. The Key to Sexual Power“ erschien 1978 und fand große internationale Verbreitung. Eine weitere Schrift, „The Tantra Circle“, erschien unter dem deutschen Titel „Tantra-Reigen der vollkommenen Lust“.[2] Solche Buchtitel sind bezeichnend. Sie verweisen auf das Hauptanliegen: Tantra soll als sexuelle Kraft- und Lustquelle genutzt werden. Wie das in Praxis geschehen kann, wird in einer detaillierten  Gebrauchsanleitung vermittelt. Im „Tantra-Reigen“ werden die „Sieben Nächte des Chakrapuja“ dargestellt, ein bis in die Einzelheiten festgelegtes sexuelles Ritual, an dem mehrere Paare teilnehmen, die „die Freuden himmlischer und zugleich sehr irdischer Liebe“ miteinander teilen, wie der Werbetext auf dem hinteren Buchdeckel verheißt. Das Buch ist garniert mit einer Serie von erotischen Illustrationen zum Geschlechtsverkehr aus der indischen Tradition, die nicht genauer nachgewiesen werden und keinen inhaltlichen Bezug zum Text haben. Sie sollen wohl dessen kulturhistorische Dignität belegen. „Chakrapuja“ bedeutete ursprünglich ein „Treffen der Meister und Schüler“: „Versammelt waren die tantrischen Meister, die Tantriker (die Tantra geübt und ausgeführt, es aber noch nicht gemeistert hatten) und jene Anfänger, für die die Rituale, ihre Bedeutungen und Ergebnisse noch neu waren.“ In der westlichen Welt könne man aber kaum einen tantrischen Meister in einem Tempel auftreiben, der „klassische Chakrapujas“ abhalte. Dem wollte Thirleby abhelfen: „’Der Kreis’ ist eine moderne Deutung der klassischen Rituale des Chakrapuja, die angepaßt und abgestimmt wurden auf den Menschen von heute.“ Der Autor versprach, die „Lust und Kräfte, die im Chakrapuja wohnen“, ungeachtet aller Neugestaltung zu erhalten und sie dem modernen (westlichen) Menschen erlebbar zu machen. „An die Stelle des Tempels ist das Center getreten, an die Stelle des Meisters der ‚Führer’“.

Die Vorschriften für jede kleinste Berührung und Fingerbewegung, das Sprechen bestimmter Mantras, das „Farbprogramm“ für die einzelnen Zeremonien und die zu reichenden Speisen und Getränke sind in ihrer Stringenz frappierend. Sie versprechen den Teilnehmern bei ihrer Befolgung vollen Erfolg, etwa wie eine Bauanleitung einem Bastler die Herstellung eines Möbelstücks verspricht. Der „indische Weg“ fasziniert offenbar den westlichen Menschen und die als Sex- oder Esoterikratgeber angepriesenen Schriften zum Tantra füllen eine Marktlücke. Sie verkünden eine Doppelbotschaft: Einerseits sei der im Osten praktizierte „Original-Tantra“ dem westlichen Menschen verschlossen und für ihn ungeeignet, andererseits aber gebe es für ihn „geeignete tantrische Rituale“, die praktikabel seien − im „rechtshändigen Tantra“ die symbolische, im „linkshändigen Tantra“ die geschlechtliche Vereinigung der Gottheiten Shiva und Shakti.[3]

Im Gegensatz zur westlichen Tantra-Rezeption spielten in der asiatischen Tradition die manifesten Sexualakte, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle und standen keineswegs im Mittelpunkt der Rituale und geistigen Übungen, wie etwa bei Randolph, der nur im gemeinsamen Orgasmus eine Möglichkeit sah, sich mit göttlicher Kraft (the breath of God) aufzutanken und magische Operationen durchzuführen.[4] Durch die Verschmelzung westlicher und östlicher Esoterik sollte nach der Vorstellung der Protagonisten des O.T.O. die alte westliche Welt des Christentums mit ihrer viktorianischen Prüderie niedergerissen werden und eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte anbrechen. So hat sich nach Urbans Einschätzung Tantra auf seinem Weg in den Westen von einer ursprünglich äußerst esoterischen und konservativen Form in eine der machtvollsten Symbole sinnlichen Vergnügens und sexueller Befreiung verwandelt. Die „Fetischisierung des Tantra“ durch Reuss habe die „sexuelle Revolution“ der 1960er Jahre antizipiert und den Weg für die neo-freudianischen Sexualtheorien wie die von Wilhelm Reich oder Herbert Marcuse geebnet (Kap. 3). Es ist sicher zutreffend, Tantra in seiner heutigen westlichen Form als „life-affirming technique of self-improvement“ zu begreifen, die recht gut in die Konsumwelt des kapitalistischen Markts passt. Es fällt auf, dass Urban in seiner umfassenden Darstellung der Magia sexualis der Moderne mit keinem Wort auf die Oneida Community, Karezza und Alice Bunker Stockham (siehe unten) eingeht, jenen sexualreformerischen Ansatz, der Tantra zwar nicht erwähnte, aber seiner ursprünglichen Idee vielleicht näher kam, als die skandalumwitterte „Sexualmagie“ à la Randoph, Reuss oder Crowley.

Angeblich tantrische Sexualpraktiken stellten ein Begleitphänomen der sexuellen Revolution in den 1960er Jahren dar und erschienen als die sanftere Art, den Geschlechtsverkehr auszuüben. Der religiöse Zauber trug sicher zum Nimbus bei, nicht zuletzt die Faszination des tibetischen Buddhismus, wie er vom Dalai Lama personifiziert wird. Manch ein Kritiker sieht allerdings in der tantrischen Sexualmagie weniger die geistige Emanzipation vom biologischen Geschlechtstrieb, als vielmehr eine frauenverachtende Praxis. Denn die Frau sei in der traditionellen Auffassung des Buddhismus minderwertig und nur Mittel zum Zweck der Erleuchtung des Mannes: „Das Weibliche wird vom Yogi absorbiert und manipuliert, um dann in männliche Energie umgewandelt zu werden.“[5] Der Vorwurf eines „sexuellen Vamipirismus“ liegt nahe. Der Mann müsse seinen Samenerguss verhindern und sogar „den ‚Samen’ der Frau im Sexualakt ‚aufsaugen’. Es findet also kein gegenseitiger oder gleichwertiger Austausch sexueller Energien statt. Vielmehr begegnet uns hier eine Art ‚sexueller Vampirismus’.“ Insofern gehe es also nicht um eine „Harmonisierung männlicher und weiblicher Teile innerhalb der eigenen Persönlichkeit“, als vielmehr „um die Überwindung und Unterjochung des weiblichen Prinzips unter das männliche.“

Es sei dahingestellt, ob diese vor allem von Mythologie und alten Lehrtexten abgeleitete Kritik des Tantrismus die tatsächliche Sexualpraktik von heute trifft. Auf jeden Fall wurde mit der Kunst des Samen-Aufsaugens ein Leitbild der Sexualität vorgegeben, das der westlichen Tradition, in ihrer sexualfeindlichen Version ebenso wie in ihrer libertinären, fremd blieb. Freilich gibt es einen interessanten Berührungspunkt zwischen tantrischer Sexualpraktik und traditioneller westlicher Medizin: nämlich die Auffassung, dass vor allem im männlichen Samen Lebenskraft stecke, die nicht vergeudet werden dürfe. Von daher wird verständlich, dass auch im Westen, wenn auch nur marginal und ohne spirituelle Zielsetzung, die Vorstellung artikuliert wurde, die „Wiedereinsaugung des Samens“, wie Hufeland es einmal ausdrückte, sei gesund und kräftigend. Das bis weit ins 20. Jahrhundert hineinreichende strikte Onanieverbot wurde damit begründet, dass ein übermäßiger Samenverlust das Rückenmark schädige und im Sinne der Humoralpathologie alle möglichen gesundheitlichen Übel verursachen könne (siehe Kapitel 1). Die tantrische Idee dagegen wollte eine Sublimierung, eine Vergeistigung erreichen. Hier stand aber weniger die Angst vor einem krank machenden Verlust an Lebenskraft im Vordergrund, als vielmehr die Hoffnung auf geistige Erleuchtung.

[1] Ajit Mookerjee / Madhu Khanna: Die Welt des Tantra. Die umfassende Darstellung des wahren Tantra-Weges und seiner Praktiken. Bern; München, Wien: Barth, 1987 [Sonderausgabe].

[2] Thirleby, Ahley: Tantra-Reigen der vollkommenen Lust. Die Geheimnisse der Vielfalt und der höchsten Steigerungsform der altindischen Liebeskunst. Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1986 (Ullstein-Buch; Nr 20648: Erotica): S. 19-21.

[3] Francis King: Tantra als Selbsterfahrung. Einführung in den indischen Weg derPersönlichkeit. München: Heyne, 1987 (Heyne Ratgeber; 08/9506): S. 185-199.

[4] Urban, Hugh B.: The Yoga of Sex. Tantra, orientalism, and sex magic in the Ordo Templi Orientis. In: Hanegraaff / Kripal (Hg.), 2008 [wie Anm. 3]: S. 401-444, hier: S. 417 f., 437, 439.

[5] Bruno Waldvogel-Frei: Und der Dalai Lahma lächelte … Die dunklen Seiten des tibetischen Buddhismus. Rezensionen, Hintergründe, Interviews. Bernbeck: Schwengeler, 2002: S. 21 f., 27